Profilerin deckt auf

Österreich: Das Land der getöteten Töchter

Burgenland
01.12.2025 09:00

Unser Land ist in vielem die Nummer Eins. Wir haben exzellente Musiker hervorgebracht, Sportler, Schriftsteller. Aber leider auch viele Mörder. Denn Österreich ist – aufgerechnet auf die Landesgrösse und Einwohnerzahl – das Land mit den meisten Frauenmorden in Europa. 

Erst vor kurzem erschütterte der Fund von einer toten Mutter mit ihrer Tochter in zwei Gefriertruhen in Innsbruck, jetzt entsetzt der Mord an einer jungen Grazerin, die sich von ihrem Freund trennen wollte. Das war ihr Todesurteil. Das sind aber nicht die ersten Frauen, die 2025 in Österreich getötet worden sind. Laut Angabe von Patricia Staniek sind es heuer bereits 23 Femizide. 2020 und 2021 sind in unserem schönen Land insgesamt 62 Femizide passiert. „Der Mord ist das Ende. Der Horror hat aber auch einen Anfang gehabt. Einen, den niemand gesehen und wo niemand geholfen hat“, so Staniek.

Der Beginn ist die Aggression eines Mannes gegen eine Frau. Und die kann sowohl psychisch als auch physisch ausgeübt werden. „Es gibt bereits in der Verliebtheitsphase Anzeichen, sogenannte ‚Red Flags‘“, sagt Staniek und meint: „Das Beste wäre gleich da die Reißleine zu ziehen und zu schauen, dass man das Weite von diesem Mann sucht.“

Warnzeichen übermäßige Eifersucht
Einer dieser Hotspots, die schon am Anfang da sind, ist übermäßige Eifersucht. Die Eifersucht wird als Liebe getarnt, solche Männer wollen schnell eine offizielle Beziehung. „Leider sagen mir viele Frauen später, dass sie sich geschmeichelt gefühlt haben, dass ihr Freund extreme Eifersucht gezeigt hat“, erzählt die Expertin. „In Wahrheit ist es wie eine rote Fahne, die vor der Gefahr warnen sollte.“  

Der Mann fängt an zu kontrollieren, überprüft die Kontakte seiner Freundin, korrigiert vielleicht die Kleidung, versucht die Frau von Freunden und Familie zu isolieren. „Es beginnt ein Spiel zwischen Love Bombing und Abwertung“, erklärt Staniek. Es wird kritisiert, dann wieder idealisiert. In weiterer Folge wird die Frau finanziell und emotional abhängig gemacht. Das macht es für sie schwerer, zu gehen. 

„Auch wenn man verliebt ist, sollte man immer acht geben, was zu schnell geht, was von normalem Paarverhalten abweicht“, so Staniek. „Future Faking“ ist der Fachausdruck dafür, wenn ein Mann eine Frau sofort als sein Eigentum, seine Partnerin bezeichnet. In weiterer Folge schreckt der Täter auch nicht davor zurück, einzuschüchtern. „Wer einmal schlägt, hört auch nicht mehr damit auf“, weiß die Profilerin. Danach wird alles auf die Frau geschoben. „Er“ konnte quasi nicht anders handeln, sie sei schuld an seinem Tun. 

Landesrätin Daniela Winkler begrüßte beim Vortrag Patricia Stanieks im Weinwerk in Neusiedl am ...
Landesrätin Daniela Winkler begrüßte beim Vortrag Patricia Stanieks im Weinwerk in Neusiedl am See. Auch sie hob hervor, dass man nicht weg, sondern hinschauen muss, wenn jemand Gewalt erleidet.(Bild: Friedrich Radlspäck)

Hat die Frau dann doch irgendwann genug und holt sich Hilfe, um von dem Mann wegzukommen, dann starten die Ankündigungen. „Wenn ich dich nicht haben kann, dann wird das auch kein anderer können“ etc. Das geht laut Staniek bis zur kompletten digitalen Überwachung. „Auch wenn das schon Hochrisikofälle sind, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht fünf bis neun Hilferufe von Frauen bekomme“, so die erschreckende Aussage der Wiener Expertin. 

Große Gefahr, wenn Frau sich trennen möchte
Hat Frau genug und will wieder ihrer eigenen Wege gehen, kann es wirklich gefährlich werden. Profis nennen das die „heiße Phase“. Hier passieren die meisten Morde. Aber nicht im Affekt. „Femizide passieren nicht plötzlich, sie kündigen sich an. Es endet zwar nicht alles im Mord, aber es reicht schon, wenn eine Frau leidet. Da muss etwas passieren“, erklärt Staniek. Und dann sagt sie einen Satz, der besonders erschreckend ist: „Der gefährlichste Ort für eine Frau ist tatsächlich in einer Beziehung.“ 

Was kann man tun, wenn man in einer toxischen Beziehung steckt?
Staniek appelliert an jede Frau, die Gewalt wirklich ernst zu nehmen und wiederholt: „Wer einmal schlägt, wird es wieder tun.“ Sie rät dazu, alles zu dokumentieren und sich auch jemandem anzuvertrauen.

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Der gefährlichste Ort für eine Frau ist tatsächlich in einer Beziehung.

Patricia Staniek

Dann kann gemeinsam versucht werden, die Sicherheit der Frau wieder zu gewährleisten und zu planen. Gemeinsam mit einer deutschen Kollegin – einer, die es geschafft hat, sich von einem solchen Mann zu lösen – hat Staniek die „Phönix Safe Exit Task Force“ gegründet. Eine deutsche Firma ist Geldgeberin, um Frauen zu helfen. Gemeinsam wird versucht, die Betroffene psychisch und physisch aus der Situation herauszubekommen. Staniek, die selbst in für Privatermittlungen tätig ist, erstellt Täterprofile, andere Experten geben juristischen Rat. „Derzeit arbeiten wir ehrenamtlich. Nur Ermittler und Personenschützer bekommen etwas bezahlt“, so Staniek. „Leider werden die Fälle, in denen Frauen Gewalt erfahren, immer mehr.“ 

Aggression steigt
Aber woran liegt es, dass die Fallzahlen steigen? Es beginnt schon in der frühen Erziehung bei Menschen. „Leider leben wir immer noch in einem patriarchalischen System, das spielt da schon auch ein wenig mit“, meint Staniek. 
Die steigenden Zahlen hängen mit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und wachsender Aggression zusammen. Ökonomischer Druck verstärkt den Stress und Kontrollverlustangst, was bei gewaltbereiten Männern zu Eskalationen führt. Trennungen – heute häufiger – sind die gefährlichste Phase und oft Auslöser für tödliche Gewalt. Misogyne Ideologien in sozialen Medien normalisieren Besitzdenken und entwerten Frauen. Gleichzeitig senkt digitale Gewalt Hemmschwellen und dient als Vorstufe zu körperlicher Gewalt. Viele Täter haben ungeklärte Bindungsstörungen, narzisstische Muster oder früh gelernte Gewalt. Gleichzeitig reagieren Schutzsysteme oft zu langsam, was das Risiko zusätzlich erhöht.

Oft haben Frauen Angst sich zu trennen oder schämen sich, um Hilfe zu bitten.
Oft haben Frauen Angst sich zu trennen oder schämen sich, um Hilfe zu bitten.(Bild: stock.adobe.com)

Wie kann man betroffenen Frauen helfen?
Gesetzt den Fall, Frau hat um Hilfe gebeten, rät Patricia Staniek dazu, sie auf jeden Fall ernst zu nehmen. „Bitte auf keinen Fall bagatellisieren. Die Frau hat wahrscheinlich lange gebraucht und viel Mut aufbringen müssen, um um Hilfe zu bitten. Wenn ihre Angst dann abgetan wird, ist das auf jeden Fall die falsche Reaktion.“ Bemerkt man einen Fall von Gewalt, Frau hat aber nicht um Hilfe gebeten, könnte man ein Gespräch suchen, in dem man ihr sagt, sie habe ein Recht auf ein sicheres und freies Leben. „Aber bitte auch hier nicht zu sehr drängen. Die Frau muss selbst Hilfe haben wollen.“ 

Laut Staniek zieht sich Gewalt an Frauen und Kindern sowohl durch alle Berufs- als auch durch alle Altersschichten. Und warum bleiben Frauen so oft lange bei einem Mann, der schlägt oder psychisch terrorisiert? Oft ist es eine traumatische Bindung. Die Frau hat Angst vor dem Täter, sie ist finanziell von ihm anhängig oder sie schämt sich vor Familie und Freunden überhaupt in so eine Situation gekommen zu sein. In diesem Fall die Frau fragen: „Wie schaffst du es, dass das aufhört? Denn das ist kein Leben. Aber bitte auch hier, keinen Druck aufbauen. Lieber an ihre Vernunft, auch für etwaige Kinder appellieren. Sie fragen, wie sie sich ihr Leben in zehn Jahren vorstellt. Das wird wahrscheinlich nicht so sein, wie in diesem Moment.“ 

Staniek hebt noch einmal hervor, dass Frau es selbst kapieren muss, dass sie aus dieser Situation für sich, für die Kinder herausmuss. Weg muss von diesem Partner. Dann muss sichergestellt sein, dass ihr und dem Nachwuchs nichts passiert. Eben weil der Femizid das Endresultat von viel Leid und viel Terror ist, setzt Staniek auf Prävention und hält Vorträge. Wie kürzlich in Neusiedl am See. 

„Ich bin seit zwei Jahren auf Instagram und habe mittlerweile 12.200 Follower. Täglich kommen via Privatnachricht Hilferufe. Jene in Deutschland gebe ich an meine Partnerin weiter. Hier in Österreich versuche ich zu helfen. Und wenn wir nur beraten – aber das ist das mindeste, was wir tun können.“ 

Bei der „Phönix Safe Exit Task Force“ ist jetzt auch Joana Mann mit im Boot. Sie ist Charity-Lady und Botschafterin der Aktion und hilft Gelder zu lukrieren. „Wir müssen helfen, wir müssen aber auch präventiv arbeiten. Damit endlich weniger Frauen leiden oder sogar getötet werden“, ist Patricia Staniek überzeugt. Hier gehts zu einem kurzen Mitschnitt des Vortrags von Patricia Staniek im Weinwerk in Neusiedl am See: 

https://www.tv21.at/l/16-tage-gegen-gewalt-auftakt-im-weinwerk-neusiedl-mit-patricia-stanek/

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