Album „Kuaz vuan Weda“

Horn und Molden: Die Dystopie mit Dialekten fassen

Musik
05.11.2025 06:00

Es klingt so, als hätten sie nie etwas anderes gemacht: Auf dem Album „Kuaz vuan Weda“ vereinen Sigrid Horn und Ernst Molden Mostviertler und Wiener Dialekt zu einem sozial- und umweltpolitischen Liederaufguss, der auch Platz für Humor und leichte Momente trägt. Ein Gespräch über Dystopien, Dualitäten und Dialekte.

kmm

Wenn einer die Seele Wiens in all seinen traurigen, verrückten und abnormen Mustern in sich trägt und zu Liedgut verwandeln kann, dann ist das Ernst Molden. Völlig egal, ob er mit Willi Resetarits, dem Nino aus Wien, Christopher Seiler oder dem Frauenorchester musiziert – wenn Molden zur Gitarre greift und sich dem Mikrofon nähert, verwandelt sich jeder Liveabend in vertonte Poesie. „Ich kann nur so schreiben, wie ich schreibe“, scheitert er im „Krone“-Gespräch früh bei der Analyse seines Songwritings, „dem liegt nie ein besonderes Konzept zugrunde. Wenn ich Songs schreibe, will ich mich nicht vor mir selbst genieren oder Geschichten erzählen, die ich nicht glaube. Meine Storys sind oft sehr seltsam und manchmal traurig. Die Menschen da draußen, also die Hörer, haben keine Angst vor Traurigkeit. Sehr wohl glauben aber viele Veranstalter, dass Menschen Angst vor Traurigkeit haben und dann nicht bei den Events auftauchen. Doch prinzipiell gilt: je trauriger der Song, umso lustiger die Moderation und das Drumherum.“

Horn und Molden im Gespräch mit „Krone“-Redakteur Fröwein.
Horn und Molden im Gespräch mit „Krone“-Redakteur Fröwein.(Bild: Eva Manhart)

Kraft der Dialekt-Dualität
Die Traurigkeit ist nicht der elementarste Gradmesser auf dem neuen Album „Kuaz vuan Weda“, aber sie zieht sich mit stoischer Beharrlichkeit durch die einzelnen Kompositionen. Weil Molden all die aufgezählten Mitstreiter (und noch viele mehr) nicht reichen, hat er sich für dieses Projekt mit der Sängerin Sigrid Horn zusammengetan. Eine kundige Liedermacherin, die gerne Protestsongs schreibt, bei Donnerstagsdemos auftritt und keine Berührungsängste mit der Hip-Hop- und Poetry-Slam-Szene kennt. Der Clou am Horn/Molden-Projekt ist die Vermischung der Dialekte. Da Moldens strizzihafter und erdiger Wiener Dialekt, dort das herzhafte Mostviertlerisch der 35-jährigen Neuhofnerin. Das gemeinsame Werk könne man gut dritteln, so Horn. „Etwa ein Drittel der Songs hat Ernst geschrieben, eines ich und das letzte Drittel wir beide zusammen.“ Dabei bedienten sie sich eines alten Tricks. Die eine Person warf der anderen einen Begriff zu, was den Botschaftsempfänger dazu animieren soll, einen Song darüber zu schreiben.

So warf Horn Molden den Terminus „Vogalsalod“ zu und dachte, es käme dabei ein trauriges Lied über die Märchenfigur Rapunzel und eine eventuelle Unfruchtbarkeit heraus. Ganz im Gegensatz dazu huldigt Molden aber lieber einem unschlagbar köstlichen Vogerlsalat im Favoritner Amalienbad. „In einer körperlich eher nachlässigen Phase war ich mit einem guten Saufkumpan in den 90er-Jahren dort und habe als Unterlage ein Schnitzerl mit Vogerlsalat bestellt“, erinnert sich Molden zurück, „der war so gut, dass ich allein schon deshalb immer wieder dorthin zurückgegangen bin.“ Beim gemeinsamen Gespräch merkt man die gute Chemie zwischen den beiden Vollblutkünstlern, die alterstechnisch zwar eine Generation trennt, sonst aber so gut wie gar nichts. Man wirft sich die Wörter zu, beendet gegenseitig Sätze und hält das Album dann erstmals in Form eines schönen Vinyls in der Hand, als Label-Chef Charlie Bader mit der frischen Ware zur Gesprächsrunde stößt.

Magische Klanguniversen
Dass es überhaupt zu diesem Album kam, ist der bereits wieder verblichenen Konzertreihe „Soundstage“ zu verdanken, die 2024 und 2025 im Wiener Burgtheater stattfand. Die für einen solchen Abend geschriebenen Kompositionen sind nun in erweiterter Form auch für den Haushaltsgebrauch zu erstehen. „Songwriting gehört eigentlich zu den intimsten Sachen, die es gibt“, so Horn, „wenn man ein unfertiges Lied weitergibt, muss man loslassen können und zieht sich dabei völlig aus. Man lässt dem Gegenüber freie Hand und vertraut darauf, dass es am Ende gut wird.“ Die Reise begann im Februar 2024, als Molden Horn das Stichwort „Bam“ schickte, ziemlich exakt ein Jahr später ging der Burgtheaterabend über die Bühne. „Wie Sigrid singen kann, ist überirdisch“, streut Molden seiner künstlerischen Partnerin Rosen, „gemeinsam zu singen war wie eine Umarmung. Ich habe schon mit vielen tollen Leuten gesungen, aber das hier war eine ganz besondere Freude.“ Horn spielt den Ball gerne zurück. „Bei Ernst gibt es oft den Vergleich mit Leonard Cohen, bei einem Song wie ,Schaufi‘ ist das mehr als legitim. Es eröffnet sich immer ein kleines Universum, für mich ist das wie Magie.“

Während des Gesprächs werden die beiden Künstler das erste Mal mit der Vinyl-Version ihres ...
Während des Gesprächs werden die beiden Künstler das erste Mal mit der Vinyl-Version ihres Albums betraut.(Bild: Eva Manhart)

Von der Begrifflichkeit „Authentizität“ distanziert sich Molden ausdrücklich. „Ich hasse dieses Wort, es gibt sie nicht. Unsere beiden Dialekte sind Kunstsprachen, durch die jahrelange Beschäftigung damit etabliert. Authentisch ist der Wiener Dialekt aus den 70er-Jahren, entstanden aus dem Kontakt mit der Unterwelt und den Giftlern. Alles, was danach kam, ist eine sich daraus entwickelte Kunstsprache.“ Textlich geht es um Weltschmerz, geschlechtliche Schieflagen, Ängste und Sorgen unterschiedlichster Couleur. Für Horn ist „Kuaz vuan Weda“ nicht nur aufgrund des doppeldeutigen Titels auch ein Naturalbum geworden. „Die Dystopie ist uns beiden nahe. Es geht um diese Stimmung kurz vorm Gewitter, die man meteorologisch und auch gesellschaftlich hat. Und die zieht sich gut durch die Songs durch.“ Die beiden eint nicht nur die Liebe zur Musik und dem Dialekt, sondern auch zu Amphibien, wie nicht zuletzt das Lied „Käugwappm“ beweist. Horn liebt den Wald, Molden wollte ursprünglich Zoologe werden und imaginierte sich schon als Amphibienforscher in den brasilianischen Regenwald zu den Pfeilgiftfröschen. „Ich war nicht ganz so abenteuerlich“, lacht Horn, „ich habe mich nur in die Lobau gedacht.“

Themen, die die Welt bewegen
Das titelgebende „B 666“ ist übrigens keine kritische Abrechnung mit der geplanten Stadtautobahn durch die Lobau, sondern der Westautobahn A1 nachempfunden, die Molden so gut kennt wie seine Westentasche. „Ich kenne jede einzelne Notrufsäule, jeden Rastplatz und war schon überall pinkeln. Ich bin jemand, der ungern am Auftrittsort übernachtet, sondern mit der Euphorie eines schönen Konzerts im Rücken lieber heimfährt. Nach drei Spritzern und drei Geräten kann das aber riskant sein, also habe ich seit geraumer Zeit einen Fahrer.“ Sehr viele Songtitel sind mit Arbeit und dem bäuerlichen Wesen konnotiert. Trockenheitsperioden als Folgen des Klimawandels, die Ungleichbehandlung von Frauen in Pflegeberufen oder Abfallprobleme sind Themen, die sich auch im Alltag einer jeden Hörerin wiederfinden können. „Ich glaube nicht an den Protestsong“, so Molden, „aber an einen gelungenen Song, der eine politische Wirksamkeit hat.“ Als künstlerische Dualität funktioniert dieses Werk jedenfalls superb.

Live in Wien und Salzburg
Da sich Sigrid Horn gerade in glücklichen Umständen befinden, sind vorerst einmal nur zwei Konzerte als Duo geplant. Am 12. November wird „Kuaz vuan Weda“ im Wiener Stadtsaal präsentiert, am 26. November spielt man in der ARGE Kultur in Salzburg. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten für die beiden Events – weitere werden in absehbarer Zeit folgen.

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