Auch große Neuschneemengen auf den Bergen können nicht darüber hinwegtäuschen: Der heurige Sommer war für Tirols Gletscher erneut ein Fiasko. Das Schmelz-Inferno geht weiter, resümiert Glaziologin Andrea Fischer.
Sobald es wieder kälter wird, kann Glaziologin Andrea Fischer Bilanz ziehen über den Zustand der Tiroler Gletscher. Dass sie über den Sommer wieder schwer gelitten haben, davon ist seit rund zwei Jahrzehnten auszugehen. Aber wie schlimm war es diesmal wirklich? Gibt das total verregnete Frühjahr – auf den Gletschern fiel Schnee – gar Anlass zur Hoffnung?
Diese zerstreut die 2023 zur Wissenschafterin des Jahres gekrönte Glaziologin mit den ersten Sätzen.
Ich hätte mir nicht gedacht, dass die Bilanz so schlecht ausfällt. Wir haben selbst im Februar auf mehr als 3000 Metern Seehöhe bis zu 8 Grad Plus gemessen – und zwar in der Nacht. Das war wirklich sehr ungewöhnlich.
Dr. Andrea Fischer, Institute for Interdisciplinary Mountain Research Austrian Academy of Sciences, Innsbruck
Verluste an allen Ecken und Enden
Brandaktuell liegen die ersten Messergebnisse vom Jamtal-Gletscher vor. „Im Frühjahr haben wir uns noch über die weit überdurchschnittlichen Neuschneemengen auf den Gletschern gefreut, diese sind dann auch relativ lange unter der schützenden Neuschnee-Decke gelegen“, berichtet Fischer im „Krone“-Gespräch.
Es fehlen aber auch in den Gipfelregionen 1,5 Meter, was sehr viel ist. Ich war überrascht über die sehr großen Abflussmengen im August, bedingt durch die Hitze.
Dr. Andrea Fischer, Institute for Interdisciplinary Mountain Research Austrian Academy of Sciences, Innsbruck
„Aber dann haben eine früh einsetzende Tau-Periode, bei der es selbst in der Nacht nicht mehr abgekühlt hat, Sahara-Staub und Hitze im Sommer den Gletschern schwer zugesetzt. Heute sind sie blank bis obenhin, das Eis ist mit Felsabbrüchen übersät. Die Flächenverluste sind nicht nur an den Enden zu finden, sondern auch in den Hochlagen. Immer mehr Felsinseln kommen zum Vorschein“, beschreibt die Glaziologin ein dramatisches Bild.
Winternächte sollten klirrend kalt sein auf 3000 Meter
Am untersuchten Jamtalferner beträgt der Längenrückgang fünf Meter, nach den gemessenen sieben Metern im Jahr zuvor, das in Bezug auf den Massenverlust das zweitschlechteste in der Messgeschichte war. „Es fehlen aber auch in den Gipfelregionen 1,5 Meter, was sehr viel ist“, betont die Wissenschafterin: „Ich war überrascht über die sehr großen Abflussmengen im August, bedingt durch die Hitze.“
Warm war es auch im Februar, besonders in der Nacht und besonders weit oben: „6 bis 8 Grad auf 3500 Meter bedeuteten 24 Stunden Schmelze.“
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