5000 Steirer betroffen

Leiden an Covid-Folgen: Uni leistet Pionierarbeit

Steiermark
04.06.2024 17:00

5000 Steirerinnen und Steirer leiden an ME/CFS. Hinter der Buchstabenkombination verbirgt sich ein tückisches Syndrom, das Betroffenen jegliche Lebensqualität raubt – manche können nicht einmal mehr aus dem Bett aufstehen. An der Grazer Med Uni startete nun die erste Lehrveranstaltung dazu.

Zwölf Medizinstudenten sitzen rund um den großen Tisch im Seminarraum. Thomas Weber, Anästhesist mit Praxen in Graz und St. Nikolai im Sausal, zeigt ihnen Videos von Betroffenen: Sandra (Name geändert) ist Ende 20 und Lehrerin. Ende 2023 infizierte sie sich mit Covid. „Seitdem habe ich täglich Fieber, Halsschmerzen, einen erhöhten Puls bis 160 schon beim Gehen, Schlafstörungen...“, zählt sie auf. „Mir drohen Berufsunfähigkeit und soziale Isolation. Wir Patienten werden alleine gelassen.“ 

Noch ein zweites Video zeigt Thomas Weber her. Man sieht nur einen dunklen Raum, ein kleines, grünes Licht, man kann ein Bett erahnen. Mit dem Zeigefinger schreibt die Patientin Buchstaben auf die Matratze. Ihre Eltern versuchen zu erraten, was sie sagen möchte. „Die Patientin ist 18 Jahre alt“, sagt Weber. 

Anästhesist Thomas Weber hat sich auf ME/CFS spezialisiert. (Bild: Pail Sepp)
Anästhesist Thomas Weber hat sich auf ME/CFS spezialisiert.

Je weiter die Krankheit voranschreitet, desto schlimmer
So schlimm kann ME/CFS, kurz für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom, werden. „Manche Patienten müssen sogar künstlich ernährt werden.“ Bei Belastung können sich die Beschwerden wie Ganzkörperschmerzen, Brain Fog und Schlafstörungen dramatisch verschlechtern – teilweise sogar für immer. 

5000 Steirer dürften aktuell betroffen sein, zwei Drittel sind Frauen, die meisten zwischen 30 und 50 Jahren. „Bei 80 Prozent der Fälle wird ME/CFS durch eine Infektionskrankheit ausgelöst“, sagt Weber. Das kann etwa Corona sein, aber auch EPV (Epstein-Barr-Virus, das Pfeiffersches Drüsenfieber auslöst) oder Influenza.

Organisierten die Lehrveranstaltung: Thomas Weber, Thomas Wegschneider und Vizerektor Erwin Petek (Bild: Pail Sepp)
Organisierten die Lehrveranstaltung: Thomas Weber, Thomas Wegschneider und Vizerektor Erwin Petek

Corona führte zu Explosion
Seit der Pandemie explodieren die Fälle geradezu, und das Syndrom bekommt mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Die Med Uni Graz ist nun einen Pionierschritt gegangen: Als Vorbereitung auf das Klinisch-Praktische Jahr wird eine Lehrveranstaltung zu ME/CFS angeboten. „Wenn die Studierenden dafür sensibilisiert sind, dann ist das ein wichtiger Schritt“, sagt Thomas Wegscheider vom Clinical Skills Center der Med Uni. Denn wenn sie die Krankheit erkennen und schnell Hilfe vermitteln können, kann man verhindern, dass ME/CFS sich verschlechtert. Eine Heilung gibt es allerdings nicht.

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Der Bedarf ist riesig. In meiner Praxis stellen sich pro Woche etwa 15 neue Patienten vor. Mit rechtzeitiger Therapie kann man viel Lebensqualität zurückgewinnen.

Anästhesist Thomas Weber

Wie dringend nötig eine Lehrveranstaltung ist, weiß Anästhesist Weber, der als Schmerz-Experte begonnen hat, sich auf diese Krankheit zu spezialisieren: „Von den zwölf Studierenden hatten erst drei jemals davon gehört. Die meisten Ärzte wissen nicht, was ME/CFS ist.“ Oft haben Patienten eine Odyssee von verschiedenen Ärzten hinter sich, bekommen fälschlicherweise ein psychologisches Leiden diagnostiziert. „Die Verzweiflung ist vor allem bei schweren Verläufen sehr groß.“

In Wien gibt es bereits ein Zentrum für die Krankheit – in Zukunft soll es in jedem Bundesland eine solche Anlaufstelle geben. Von der steirischen Politik war am Dienstag dazu nichts Konkretes zu erfahren, nur so viel: „Ich freue mich besonders, dass die Med Uni Graz diesen wichtigen Schritt setzt, um unsere Gesellschaft zu sensibilisieren“, sagt Gesundheitslandesrat Karlheinz Kornhäusl (ÖVP)

Bis dahin ist es wichtig, sagt Weber, Ärztinnen, Ärzte und Patienten darüber zu informieren, damit sie schnell Hilfe holen können.

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