14.09.2012 21:00 |

Blutbad in Bengasi

Sturm auf US-Botschaft folgte "präziser Angriff"

Libysche Ermittler haben am Donnerstag mehrere Verdächtige in Verbindung mit dem Angriff auf die US-Botschaft in Bengasi festgenommen und erstmals eine detaillierte Schilderung der Ereignisse vorgelegt. Demnach erfolgte Stunden nach der Stürmung der Botschaft ein "präziser Angriff" auf zuvor evakuierte Mitarbeiter.

US-Medien hatten wenige Stunden nach dem Botschafts-Sturm in Bengasi in der Nacht auf Mittwoch, bei dem Botschafter Christopher Stevens sowie drei weitere US-Bürger getötet wurden, berichtet, dass Mitarbeiter des Außenministeriums von einer Involvierung professioneller Kämpfer ausgingen.

Unter anderem hieß es, Al-Kaida-Kämpfer oder Sympathisanten des Terrornetzwerks hätten die Demonstration vor der Botschaft genutzt, um am elften Jahrestag der 9/11-Anschläge ein Attentat durchzuführen. Beweise für einen länger vorausgeplanten Anschlag fand man letztlich jedoch nicht. Die Beteiligung von Kämpfern einer Terror-Miliz ist aber dennoch nicht auszuschließen.

Demo eskalierte, als Schwerbewaffnete kamen
Entsprechende Hinweise darauf geben Berichte aus Libyen, denen zufolge in der blutigen Nacht zwei zeitlich getrennte Angriffe erfolgten. Zu Beginn der Demonstration wegen eines islamfeindlichen Films auf YouTube vor dem Gelände des Konsulats waren zunächst mehrheitlich Zivilisten vor Ort, die sich allerdings mit Steinwürfen, Schüssen in die Luft und brennenden US-Flaggen nicht gerade friedlich verhielten, berichten US-Medien unter Berufung auf US-Regierungsquellen sowie libysche Behörden.

Gegen 22 Uhr tauchten schließlich schwer bewaffnete Kämpfer unter anderem mit Maschinengewehren und Raketenwerfern auf. Zu diesem Zeitpunkt waren rund 200 Menschen vor der Botschaft. Die libyschen Sicherheitskräfte zogen sich zurück, die amerikanischen Wachen verbarrikadierten sich mit dem Personal im Hauptgebäude und forderten Verstärkung aus Tripolis an. Entgegen den Einschätzungen der Amerikaner kam es dann wenig später zum Sturm auf das Hauptgebäude des Konsulats.

Stunden nach Botschaft "Safe House" angegriffen
Den US-Sicherheitskräften gelang es im Chaos der Erstürmung, die meisten Mitarbeiter in ein benachbartes "Safe House" zu evakuieren. Botschafter Chris Stevens sowie einer seiner Mitarbeiter sollen während der Ereignisse aber von der Gruppe getrennt und in die Hände der Angreifer gefallen sein. Unklar ist, ob Stevens vom Mob gelyncht wurde oder zuvor schon bei einer Granatenexplosion im Konsulat starb und die Demonstranten bloß noch die Leiche des Botschafters aus dem Gebäude zerrten. Die flüchtenden Mitarbeiter ließ die aufgebrachte Meute jedenfalls entwischen.

Insgesamt 30 Leute verbarrikadierten sich im "Safe House" und wähnten sich dort bis zum Eintreffen eines Evakuierungstrupps aus Tripolis vorerst in Sicherheit. Einige Stunden später, kurz vor dem geplanten Beginn der Evakuierung durch einen Seiteneingang, sei dann plötzlich eine Gruppe schwer bewaffneter Kämpfer in das durch eine hohe Mauer vom übrigen Botschaftsgelände getrennte "Safe House" eingedrungen. In den Gefechten kamen zwei US-Bürger ums Leben, die kurz darauf eintreffenden US-Militärs, verstärkt durch libysche Sicherheitskräfte, konnten die Angreifer schließlich zurückdrängen und die Flucht des Personals sicherstellen. Ohne sie hätten die einfallenden Kämpfer rasch die Oberhand gewonnen.

Extremistengruppe spricht von "Volksaufstand"
Laut Ostlibyens stellvertretendem Innenminister Wanis al-Sharef erfolgte der Sturm wie ein präziser Militärangriff mit Blend- und Handgranaten, die Kämpfer waren mit Schnellfeuergewehren bewaffnet. Welche Gruppierung hinter dem Attentat steckt und ob diese eventuell auch zu Entstehung und Eskalation der Demonstration davor beitrug, konnte oder wollte al-Sharef am Freitag nicht sagen. Sie dürften aber einen Insider-Tipp über den Aufenthaltsort der Botschaftsmitarbeiter erhalten haben.

Laut der Nachrichtenagentur AP hat sich noch keine der in Libyen vermuteten Extremistengruppen zu dem Anschlag bekannt. Gerüchte, dass die in Bengasi operierenden Ansar-al-Sharia- Brigaden die Kommandoaktion durchführten, seien noch unbewiesen. Ein Sprecher der Terrorgruppe brachte in einer Videobotschaft seine Freude über das Attentat zum Ausdruck, bestritt aber jegliche Involvierung: "Das war ein Volksaufstand."

Libyens neuer Premier will sein Land entwaffnen
Libyens erst seit Kurzem amtierender Regierungschef Mustafa Abu Shagur versicherte am Freitag in einem Interview mit Reuters, die Ereignisse würden restlos aufgeklärt. Auch werde er mit seiner künftigen Regierung die Polizei stärken und verstärkt gegen Gruppierungen, die nach dem Sturz des Gadafi-Regimes ihre Waffen behielten, vorgehen. "Wir müssen gegen diese Milizen vorgehen, denn die meisten hatten nichts mit der Revolution zu tun. Sie sind nur ein Haufen Krimineller", sagte Abu Shagur. Er wolle die Menge der in Libyen in Umlauf befindlichen Waffen erheblich senken und werde dazu auch entsprechende Initativen starten.

Die libyschen Behörden haben indes am Freitag wegen Sicherheitsbedenken Flüge in die Stadt Bengasi gestrichen. Ab sofort benötige jede Fluggesellschaft, die Bengasi oder die südliche Stadt Sebha ansteuern wolle, eine Sondergenehmigung. Wie lange der Flughafen Bengasi geschlossen bleiben wird, ist noch nicht klar.

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