Lynn Eiler

Fremd daheim: Das einfachere Leben

Vorarlberg
05.06.2023 11:55

Autor Robert Schneider trifft für seine Serie „Fremd daheim“ Menschen, die aus anderen Weltregionen nach Vorarlberg gezogen sind. Diesmal ist es Lynn Eiler, die aus einem kleinen Dorf in Taiwan nach Dornbirn gezogen ist.

Das Tonband mache sie etwas nervös, sagt sie und lächelt mich mit buchstäblich fernöstlichem Charme an. Lynn Eiler, die junge Taiwanerin, verheiratet mit einem Vorarlberger, Mutter von zwei kleinen Kindern, setzt mich mit ihrer ausgesuchten Höflichkeit, mit Humor, Feinsinnigkeit, aber auch Hartnäckigkeit sofort Schachmatt.

Robert Schneider: Lynn, erklären Sie einer Langnase wie mir, woher Sie genau kommen.
Lynn Eiler: Ich stamme aus einem seltsamen Land, das bei großen öffentlichen Anlässen nicht genannt wird, weil es nur wenige Staaten diplomatisch anerkennen. Von der Insel Taiwan. Unter den Taiwanesen gibt es einen Witz: Wir leben in einem schleierhaften Land, das es nicht gibt. Aber lassen wir die Politik.

Wo genau in Taiwan stammen Sie her?
Aus dem Süden, dem Landkreis Chaiyi, und dort wiederum aus einem sehr kleinen Dorf, das Yumin heißt. Mein Vater ist der Bürgermeister von Yumin. Es hat rund 1000 Einwohner.

Ist das mehr eine bäuerliche Gegend?
Ja. In meiner Kindheit gab es sehr viel Tabak-Anbau, jetzt hauptsächlich Mais, Bohnen und vor allem Zuckerrohr. Die Zeit ist dort noch irgendwie stehen geblieben, weshalb viele junge Leute nach Taipeh ziehen. Aber die Menschen sind sehr freundlich. Bis zum heutigen Tag wird im Dorf keine Tür abgesperrt. Weil in der Landwirtschaft alle aufeinander angewiesen sind, besonders während der Ernte, hilft man ganz selbstverständlich. Ohne Bezahlung. Man kocht dann als Dankeschön füreinander oder legt stillschweigend frisches Gemüse vor die Tür.

Ich stamme auch von einem Bauernhof. Man half sich gegenseitig bei der Heuernte, wenn die Wolken schwarz wurden. Allerdings hatten wir einen Nachbarn, der immer erst dann auftauchte, wenn der Regen das Heu schon versaut hatte. Dafür trank er um so kräftiger mit.
Lynn Eiler lacht herzlich. Das gefällt mir!

Die Eltern und Ihre beiden Geschwister leben noch in Taiwan?
Ja. Aber für mich war das Leben auf dem Dorf zu monoton. Nichts veränderte sich dort. Man muss neugierig bleiben, dann ist das Leben nicht mehr so langweilig. Daher lernte ich zuerst Englisch. Das ist der Schlüssel, der die Welt öffnet. Ich besuchte die Universität in Kaohsiung City und machte den Bachelor in Tourismus und Management. Ich wollte die Welt kennen lernen. Sehen, wie Menschen anderer Kulturkreise denken und fühlen, einfach ihre Geschichte hören. Ich arbeitete hart, um eine Stelle in einem Fünfstern-Hotel zu bekommen. Dort wurde ich schließlich so etwas wie ein Supervisor. Das Geld, das ich dort verdiente, gab ich sofort wieder für ausgedehnte Reisen aus, nach Bali, nach Japan.

Wie haben Sie Ihren Mann David aus Vorarlberg kennen gelernt?
Wir begegneten uns in einem Barbecue-Restaurant. Mir fielen sofort seine Haare auf, die wie Broccoli aussahen. David lebte schon sieben Jahre in Taipeh. Er leitete dort die Fabrik einer kleinen schweizerisch-taiwanesischen Dentalfirma.

Es machte Klick, und Sie beschlossen, mit David nach Vorarlberg zu ziehen?
Nicht gleich. Die kleine Wohnung, die ich hatte, behielt ich vorsichtshalber noch ein Jahr. Falls es mit David nicht geklappt hätte, hätte ich ja keinen Ort mehr gehabt, um zurückzukehren. Im Jahr 2018 kam ich dann nach Vorarlberg. Ausgerechnet am Abflugtag stellte ich fest, dass ich schwanger bin. Das waren schwierige Jahre. Ich verstand kein Deutsch. In Vorarlberg spricht man einen Dialekt, den ich noch weniger verstand. Die Leute hier sind recht distanziert. Tut mir Leid, das zu sagen - sie sind freundlich, aber eben distanziert. Ich fand lange Zeit keine Freunde. Meine Familie war ganz weit weg. Ich hatte schreckliches Heimweh. Dann die Schwangerschaft, ja und die ganze Corona-Zeit.

Aber die Liebe war offensichtlich stark genug, dass Sie hier geblieben sind.
Ja, natürlich. Erst Anfang diesen Jahres, anlässlich des „Lunar New Year“, konnte ich endlich wieder meine Familie besuchen. Ich stellte fest, dass alle älter geworden sind. Das fällt einem erst auf, wenn man sich lange nicht mehr gesehen hat. Meine kleine Tochter staunte über das Wetter und fragte mich: „Warum regnet es in Vorarlberg so oft und hier nicht?“

Würden Sie sagen, dass Sie hier in Vorarlberg angekommen sind? Wo fühlen Sie sich Zuhause?
Das ist eine schwierige Frage. Ich habe in der Vorbereitung auf das Interview lange darüber nachgedacht. Alles hat zwei Seiten. Wenn ich hier bin, also in Vorarlberg, vermisse ich Taiwan sehr. Die Menschen, das Essen, das Klima. Aber wenn ich in Taiwan bin, vermisse ich Vorarlberg. Die Menschen in Taiwan neigen dazu, sich zu stark in das Leben ihrer Mitmenschen einzumischen. Das ist sehr anstrengend.

Was vermissen Sie genau, wenn Sie in Taiwan sind?
Das einfachere Leben, wie ich es von Vorarlberg kenne. Einfacher deshalb, weil Sie weniger Auswahl haben.

Das müssen Sie mir erklären.
Nehmen wir zum Beispiel das Essen. Der Kellner fragt im Restaurant: „Wie möchten Sie essen? Taiwanesisch, Japanisch, Koreanisch, Persisch, eine westliche Mahlzeit?“ Dann antworten Sie, sagen wir: „Westlich“. Jetzt will der Kellner wissen: „Italienisch, Französisch, Spanisch, Türkisch?“ In Taiwan besteht das Leben wirklich den ganzen Tag aus so vielen kleinen und großen Entscheidungen. Das gibt es in dieser exzessiven Weise hier in Vorarlberg nicht.

Können Sie sich vorstellen, hier alt zu werden?
Oh, ich bin noch immer dabei, hier anzukommen, Deutsch zu lernen. Dann werde ich versuchen, einen Beruf zu finden, eine gute Mutter zu sein. Ans Alter denke ich vielleicht später.

Robert Schneider
Robert Schneider
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