Auf dem achten Studioalbum seiner Comic-Band Gorillaz gibt sich Mastermind Damon Albarn gleichermaßen leichtfüßig wie betrübt. Kritik an der Verhaltensweise von Menschen untereinander und dem Planeten gegenüber konterkariert er mit leichtfüßigem Synthiepop für die Tanzfläche. Ein Spagat, der überraschend gut aufgeht.
Rund eineinhalb Millionen Fans begeisterten die Gorillaz auf ihrer opulenten Welttournee in insgesamt 24 Ländern - einmal mehr war Österreich nicht dabei und die Fans der virtuellen Comic-Band von Mastermind Damon Albarn müssen vom letzten Stelldichein am Frequency 2018 zehren. Doch damals waren weder das etwas zu opulent und austrabend geratene Album „Song Machine, Season One: Strange Timez“ (2020) veröffentlicht, noch die brandneuen Lieder des mittlerweile achten Studiowerks „Cracker Island“. Von den zehn auf dem Album befindlichen Songs hat Albarn seit letztem Frühling bereits fünf vorab als Singles veröffentlicht. Wer dann noch das Glück eines Livekonzerts der vergangenen Tour hatte, durfte noch tiefer in den neuen Kosmos des Britpop-Helden eintauchen - und der zahlt sich mehr als aus.
Los Angeles hat geprägt
Wo sich der mitten in der Pandemie veröffentlichte Vorgänger noch zu sehr in seiner kompositorischen Vielfältigkeit verlief und vor lauter Gastbeiträgen gar nicht mehr wusste, wo oben oder unten ist, hat Albarn beim Songwriting in den letzten zwei Jahren auf Reduktion gesetzt. Die Gästeliste wurde enorm zurückgeschraubt, musikalisch als auch inhaltlich ist ein roter Faden zu erkennen und mit nicht einmal 40 Minuten ist die Spielzeit so kompakt gehalten wie nie zuvor. Wesentlich geprägt wurde das Album von Albarns „Zwangsaufenthalt“ in Los Angeles, der Metropole der Reichen und Schönen. Weil er dort intensiv mit Netflix an einem Gorillaz-Film gearbeitet hat (der derzeit noch auf Eis liegt), fuhr er immer wieder mit dem Auto durch die Stadt und ließ sich von ihren Eindrücken berieseln. All die Erlebnisse und Erkenntnisse, die Albarn in der sonnigen Gegend gewonnen hatte, flossen mit Feuereifer in das Album ein.
„Cracker Island“ ist eine fiktive, nur mit dem U-Boot erreichbare Insel. Ein Haufen musikalischer Außenseiter gründet eine Organisation namens „The Last Cult“, um die eine große Wahrheit zu finden und dadurch die kaputte Welt zu reparieren. Es bedarf nur wenig Fantasie, um aus diesem märchenhaften Konzept eine allumfassende Gesellschaftskritik herauszulesen. „Cracker Island“ dreht sich um eine Smartphone-süchtige Gesellschaft, deren neueste Twitter-Postings wichtiger sind als die Zwischenmenschlichkeit. Eine Welt voller Individuen, die sehenden Auges in eine Klimakatastrophe laufen, aber zu beschäftigt in ihrer „crack screen world“ leben (wie im Song „Tired Influencer“ angegeben), um noch aktiv an einer Umkehr zu arbeiten. Um die Thematik nicht auch klanglich zu schwer zu gestalten, breitete Albarn in Form seiner wieder famos von Jamie Hewlett eingesetzten, virtuellen Alter-Egos einen bekömmlichen Synthiepop-Mantel über das Gesamtwerk.
Zwischen Dick und Hubbard
Anstatt sich völlig im Eklektizismus zu verlieren, hat sich der Brite dieses Mal nur mit sieben ausgewählten Gästen verstärkt, die aber jedem Song ihren persönlichen Stempel aufdrücken. Der im Rhythmus an Daft Punk gemahnende Opener „Cracker Island“ überzeugt nicht zuletzt durch die feurigen Basssalven von Thundercat, Fleetwood-Mac-Legende Stevie Nicks erfüllt Albarn mit ihrer Zweitstimme in „Oil“ einen Kindheitstraum, Latin-Rap-Megaseller Bad Bunny gibt „Tormenta“ erst eine passende Identität und der Scientology nicht abgeneigte 90er-Slacker Beck beschließt das Werk stilgerecht auf „Possession Island“. Nur ein weiterer, mehr oder weniger unbewusst gelungener Schmäh auf der Metaebene, denn das gesamte Konzept mäandert irgendwo zwischen einem Roman von Philip K. Dick und einer fleischgewordenen Dystopie L. Ron Hubbards. Kevin Parker aka Tame Impala in „New Gold“ passt da wie die Faust aufs gesamt-konzeptionelle Auge.
So leichtfüßig und sommerlich die Songs auch aus den Boxen wabern und sich damit perfekt in die erste Frühlingsstimmung einpassen lassen, so resignierend und hoffnungslos scheint Albarn die Welt und ihre Zukunft textlich zu sehen. Den Positivismus in den Songs muss man mit der Lupe suchen, doch wer nicht genau hinhört und die Verzweiflung über die Gleichschaltung und Verblendung der menschlichen Rasse beiseiteschieben kann, findet sein Heil auf der Tanzfläche. Ins Klo greifen die Gorillaz auf „Cracker Island“ nie, doch wenige Songs wie „Tarantula“ oder das etwas behäbige „Baby Queen“ können nicht durchgehend mit den stärkeren Momenten mithalten. Durch die gezielte Auswahl an Gastmusikern verliert sich das Projekt auch nicht in gedanklichem Querstreben, sondern kann eine kongruente und dabei trotzdem niemals langweilige Linie halten.
Die Sonne scheint
Adeles Haus- und Hofproduzent Greg Kurstin bringt klangtechnisch frischen Wind in die breite Farbpalette der Band, die noch immer von der Intention der Anfangstage zehrt. Vor einem Vierteljahrhundert realisierte Albarn seinen Traum eines zeitlosen, nicht alternden und sich immer wieder verändernden Projekts, das sich stets in völliger Freiheit entfalten könne. Diese Freiheit schmückt er weiter aus und zersetzt sie mit immer weitreichenderen technischen Fähigkeiten, die sich visuell und auditiv auf das Projekt niederschlagen. So ist „Cracker Island“ nicht das spannendste und professionellste, aber mit Abstand kurzweiligste und leichteste Album seit dem unvergessenen 2001er-Debüt „Gorillaz“ geworden. Und diesen Sommer geht’s auf ausgewählten Festivals auch mit Blur wieder los. Kein Wunder, dass trotz aller Sorgen und Resignationen ob der aktuellen Weltlage noch genug Sonne in Albarns Leben scheint, um dem unvermeidbaren Untergang zumindest mit einem kühlen Cocktail auf der Strandliege entgegenzublicken.
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