Neue Chance

Ist der Zug für Gratis-Öffis schon abgefahren?

Politik & Wirtschaft
20.02.2023 05:59

Im Kampf gegen den Klimawandel will die Politik den öffentlichen Nahverkehr stärken. Freikarten für Busse oder Straßenbahnen würden die Steiermark aber teuer kommen.

Rund 24.000 Klimatickets sind aktuell in der Steiermark im Umlauf. Per 1. März werden diese Jahreskarten sogar günstiger und kosten dann nur noch 468 Euro, für Grazer sogar nur 368 Euro. Aber sollte der öffentliche Nahverkehr nicht komplett kostenlos sein, wenn die Politik ihre Bürger im Sinne des Klimaschutzes aus dem Autositz in Busse und Bahnen bringen will?

Die Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr sprach sich bereits vor einigen Jahren dafür aus: „Graz als stark von Feinstaub belastete Stadt wäre wie geschaffen als Modellstadt für Gratis-Öffis“, sagte die damalige Verkehrsstadträtin.

Heute - im Amt der Stadtchefin - klingt das schon etwas verhaltener: „Der kostenlose öffentliche Verkehr ist ein Fernziel, das nicht auf Kosten der Qualität gehen darf. Die Stadt Graz könnte das jedenfalls nicht aus eigener Kraft finanzieren.“

Gratis-Öffis würden Budgets massiv belasten
Eine Analyse der Graz Holding aus dem Jahr 2020 kam zu dem Schluss, dass kostenlose öffentliche Verkehrsmittel in der Landeshauptstadt für mindestens 62 Mio. Euro Mehrkosten pro Jahr sorgen würden. Für die gesamte Steiermark rechnet Verkehrslandesrat Anton Lang (SPÖ) „allein im Verantwortungsbereich des Verkehrsverbundes mit ca. 100 Millionen Euro“.

Anton Lang (Bild: Christian Jauschowetz)
Anton Lang
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Für mich ist es sinnvoller, den unschlagbar günstigen Preis für das Klimaticket Steiermark beizubehalten und mit dem uns zur Verfügung stehenden Geld weiterhin das Angebot zu verbessern.

Verkehrslandesrat Anton Lang

Dieses Geld wäre bei Investitionen in den Ausbau des Angebots besser aufgehoben sein, so die für Verkehrsplanung zuständige Grazer Vizebürgermeisterin Judith Schwentner (Grüne): „Daher setzen wir die Innenstadtentlastung, den Ausbau der Linie 1 und 5 um und planen die neue Linie 8 über den Griesplatz.“

Millionenschwere Investitionen

Der öffentliche Verkehr wird in den kommenden Jahren stark ausgebaut. Der Koralmtunnel, die Elektrifizierung der GKB-Strecken sowie eine neue Straßenbahnlinie in Graz sind nur drei Beispiele für große Investitionen in der Steiermark.

Gutes Angebot wichtiger als die Fahrtkosten
Der Ticketpreis sei gar nicht das entscheidende Kriterium, so Lang: „Aus zahlreichen Umfragen wissen wir, dass die Nutzung des öffentlichen Verkehrs nicht nur vom Preis abhängt. Viel mehr geben die Fahrgäste an, den öffentlichen Verkehr dann zu nutzen, wenn sie unter anderem einen dichten Takt und gut ausgestattete Infrastruktur vorfinden.“

Judith Schwentner (Grüne) (Bild: Christian Jauschowetz)
Judith Schwentner (Grüne)
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Attraktivierung und Ausbau der Öffis sind die wichtigsten Maßnahmen, um Menschen zum Umstieg zu bewegen. Mit dem Klimaticket gibt es preislich auch ein sehr gutes Angebot.

Judith Schwentner, Grazer Vizebürgermeisterin

Diese Aussage wird auch von der Analyse der Holding gestützt. Laut diesem Bericht hätten zudem Erhebungen in anderen Städten gezeigt, dass sich bei kostenlosen öffentlichen Verkehrsmitteln zwar die Fahrgastzahl erhöhe, aber vor allem Fußgänger und Radfahrer umsteigen würden - nicht wie erhofft Autofahrer. 

Beispiele aus aller Welt: Gratis-Öffis funktionierten nicht überall
Mallorca ist das jüngste Mitglied in der Riege jener Städte und Regionen, in denen Einheimische für die Beförderung im öffentlichen Nahverkehr nicht mehr zur Kasse gebeten werden. Seit dem Jahreswechsel fahren die Inselbewohner kostenlos, nur die Touristen müssen für Bus und Bahn auf der Ferieninsel nach wie vor zahlen.

(Bild: APA/AFP/JAIME REINA)

Drei Monate zuvor hatte der Inselstaat Malta ein ähnliches Konzept umgesetzt, in der estnischen Hauptstadt Tallinn gilt die Freifahrt für die Einheimischen bereits seit 2012. Luxemburg ging noch einen Schritt weiter und machte 2020 den öffentlichen Nahverkehr für alle Menschen kostenlos zugänglich - nicht nur für die eigenen Einwohner.

Kosten als Knackpunkt
Manche Städte ruderten nach Einführung solcher Maßnahmen aber auch zurück. Das belgische Hasselt (78.000 Einwohner) führte als europäischer Pionier bereits 1997 kostenlose Öffis ein, um den ausufernden Autoverkehr einzudämmen. Aus Kostengründen wurde das Projekt aber 2014 eingestellt. Seither müssen alle Personen zwischen 18 und 65 Jahren wieder zahlen, Kinder, Jugendliche und Pensionisten fahren aber weiterhin gratis.

Auch im 60 Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Templin wurde kostenloser öffentlicher Verkehr nach nur vier Jahren wieder verworfen. Die Begründung in beiden Fällen: zu teuer.

Derartige Probleme kennt man in Luxemburg freilich nicht. Der Zwergstaat mit 640.000 Einwohnern hat das weltweit höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und ist somit das reichste Land der Erde.

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