Mo, 25. Juni 2018

Neue Erkenntnisse

18.08.2011 10:56

"Kriminalfall Ötzi": Eismann war Opfer eines Überfalls

Im "Kriminalfall Ötzi" um den vor rund 5.300 Jahren durch einen Pfeilschuss in den Rücken getöteten Gletschermann gibt es neue Erkenntnisse durch die Auswertung der bei der weltbekannten Mumie gefundenen Gegenstände aus Kupfer und Feuerstein. Wie der deutsche Geoarchäologe Alexander Binsteiner erklärt, könnte es sich demnach um einen Überfall mit Todesfolge handeln.

Binsteiner hat die insgesamt sechs Steinwerkzeuge von Ötzi - darunter ein Dolch und zwei Pfeilspitzen - analysiert und nach den Steinbrüchen gesucht, aus denen sie stammen. Er wurde in den Monti Lessini nördlich von Verona fündig. Das dortige sehr charakteristische und einmalige Material ist aber auch bei archäologischen Ausgrabungen nördlich der Alpen in der Schweiz, in Oberbayern, im Salzburger Land und an mehreren Orten in Oberösterreich - auch nahe Linz - aufgetaucht.

Eine weitere Spur ist das Kupferbeil (Bild rechts), das zusammen mit der mumifizierten Leiche vor bald 20 Jahren am 19. September 1991 am Similaungletscher in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. Es lässt sich wegen seiner typischen Form der sogenannten Remedello-Kultur zuordnen. Diese war südlich des Gardasees angesiedelt.

Beil aus Mondsee-Kupfer hergestellt
Doch eine geochemische Analyse ergab: Das Beil wurde aus sogenanntem Mondsee-Kupfer hergestellt. So wird Metall bezeichnet, das mit den erst kürzlich zum Weltkulturerbe erklärten Pfahlbaudörfern am Mondsee und Attersee in Verbindung gebracht wird. Es hat einen geringen Anteil an Arsen, das es fließfähiger macht. "Die Zusammensetzung ist so einmalig wie ein Fingerabdruck", schließt Binsteiner jeden Zweifel aus.

Das Erz wurde demnach am Mitterberg südlich von Bischofshofen im Pongau abgebaut. Die Erzeuger des Mondsee-Kupfers, in deren Siedlungen auch Klingen aus den Monti Lessini gefunden wurden, haben diese Technologie perfekt beherrscht. Ihr Metall war damals ein unermesslich wertvoller Rohstoff.

War der Eismann Leiter eines Handelszuges?
Aus den Untersuchungen leitet Binsteiner ab, dass es in der Steinzeit Handelszüge aus dem heutigen Oberitalien nach Salzburg und Oberösterreich über die Alpen gegeben hat. Der Eismann könnte in leitender Funktion einer derartigen "Kupfer-Expedition" angehört haben, die mit Rohkupfer beladen auf dem Rückweg war.

Doch auf dem für einen Überfall günstigen Similaunpass lauerten Wegelagerer seiner Gruppe auf und griffen sie an. Sie wurden abgewehrt, aber Ötzi wurde von einem Pfeil in die linke Schulter getroffen. Der Pfeilschaft wurde herausgezogen, als das Herz noch schlug. Das können nur seine Begleiter getan haben. Die Spitze blieb im Körper stecken. Ötzi erlag danach binnen kürzester Zeit seiner schweren Verletzung.

Kupferbeil als Grabbeigabe
Seine Weggefährten waren laut Binsteiner vermutlich wegen eines Schlechtwettereinbruches gezwungen, sich eilig ins Tal zurückziehen. Die Leiche mussten sie an Ort und Stelle zurücklassen. Sie haben sie in der für ein Remedello-Grab typischen Schlafstellung positioniert und Beigaben auch aus ihrem Besitz dazugelegt.

Das erklärt auch die wichtigste Frage, warum das wertvolle Kupferbeil - damals eine hochmoderne Waffe - beim Toten geblieben ist. Die Begleiter von Ötzi ließen sie als Ausdruck ihrer Wertschätzung als Grabbeigabe zurück. Wäre der Täter noch an der Leiche gewesen, hätte er mit Sicherheit das Beil in seinen Besitz gebracht. Der starke Schneefall deckte das hochalpine Grab rasch zu. Das Gletschereis bewahrte es bis ins 20. Jahrhundert.

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