Wie geht es weiter mit FM4? Ein Ende des mittlerweile über 25 Jahre alten Radiosenders stand in der Vergangenheit immer wieder zur Debatte, doch Totgesagte leben bekanntlich länger. Es gibt allerdings weitaus schlimmeres als den Tod, zumindest für die Macher und Unterstützer von FM4. So ist die aktuelle Befürchtung, der Sender könnte gar zu einem „jungen Ö3“ werden - eine Sorge, die zuletzt ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher mit einem Interview selbst entfacht hat. Etwaige Sparmaßnahmen würden indes auch Ö1 massiv treffen, wie bekannt wurde. Ein Aufschrei samt Offenem Brief und eine laufende Onlinepetition sind die Folge. „FM4 erneuert sich, das hat es immer. Der kolportierte Stillstand ist Blödsinn“, wie krone.at aus Insider-Kreisen erfuhr.
Was war geschehen? Vor einer Woche hatte ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher in einem „Standard“-Interview die Diskussion um den Radiosender angestoßen. Danach gefragt, ob FM4 ein junges Ö3 werden könnte, antwortete Thurnher: „Vielleicht wird es das. Das weiß man nicht.“ Die FM4-Community wolle man nicht verlieren. Aber die Frage sei nur: „Brauchen die ein 24/7-Angebot oder hören die nur abends FM4? Kann der Sender nicht verschiedene Zielgruppen zu unterschiedlichen Zeiten bedienen?“, so Thurnher.
Auch sei Ö1 laut „Standard“ mit Sparvorgaben von rund 900.000 Euro konfrontiert. Welche Maßnahmen diesbezüglich genau getroffen werden, stehe aber noch nicht fest, so die Radio-Direktorin. Einsparungen bei Ö1 sollen sich vor allem auf weniger gehörte Sendungen und programmliche Randzonen beschränken, hieß es. Gleichzeitig habe man sich vorgenommen, Programminnovationen in der Radio-Primetime umzusetzen.
„Anschlag auf die gesamte Kunst- und Kulturszene des Landes“
Es folgte ein öffentlicher Aufschrei: Ein von zahlreichen Größen der Kunst- und Kulturszene unterzeichneter Offener Brief an ORF-Generaldirektor Roland Weißmann und Thurnher forderte ein klares Bekenntnis zum Fortbestand von FM4. Das Ansinnen von Thurnher, aus FM4 eine Art „Ö3 für Junge“ und aus dem Kultursender Ö1 eine Art „CNN Radio für Arme“ zu machen, sei „ein Anschlag auf die gesamte Kunst- und Kulturszene des Landes“, heißt es in dem Brief.
Zugleich orteten die Kritiker eine „besorgniserregende Distanz des ORF zur Wirklichkeit des Kulturlebens“ und die kolportierten Sparpläne würden dem öffentlich-rechtlichen Kernauftrag widersprechen. Man verstehe den Offenen Brief deshalb als eine bewusste Einladung zum Dialog, heißt es weiter. Die dazugehörige Onlinepetition wurde binnen kürzester Zeit bereits mehr als 25.000 Menschen unterzeichnet.
ORF-General relativiert Kritik
ORF-General Weißmann sah sich gezwungen, auf die massive Kritik an der ORF-Führung zu reagieren. Gegenüber der APA teilte er mit, dass Ö1 und FM4 „auch weiterhin die breite Plattform für österreichische Kunst und Kultur“ sein werden. Die Kritik der namhaften Kunstschaffenden würde man „selbstverständlich sehr ernst“ nehmen. „Es ist unser Auftrag und Anspruch, der heimischen Kreativszene als Auftraggeber, Plattform und Multiplikator zu dienen“, betonte Weißmann.
Die Kritik relativierte der ORF-General zugleich: Der öffentlich-rechtliche Auftrag und der Umfang der ORF-Radioangebote stünden demnach „in keiner Weise“ zur Disposition. Auch entbehre eine aus den Aussagen falsch abgeleitete Kommerzialisierung der ORF-Radioflotte jeder Grundlage, so Weißmann. Eine wirtschaftliche und sparsame Gebarung sei „allerdings auch und gerade für den ORF als überwiegend öffentlich finanzierte Institution eine Notwendigkeit“. Ziel sei es, „die Radioflotte des ORF in die digitale Welt zu transformieren, sie in Einklang mit den sich ändernden Hör-Möglichkeiten und -Gewohnheiten unserer Hörerinnen und Hörer zu bringen und zu optimieren“.
Die Unterzeichnenden des Briefs lädt Weißmann ein, sich aktiv und konstruktiv und „ohne Polemik“ - die der ORF-General den Unterzeichnenden ja vorwirft - an den Überlegungen für die Zukunft der Radioflotte zu beteiligen. Insider sehen die Gefahr für den Radiosender nach diesen Aussagen jedoch wenig überraschend noch lange nicht gebannt, wie krone.at erfuhr.
Neues FM4-Programmschema weit entfernt von „jungem Ö3“
So hat FM4 in der vergangenen Woche ein neues Programmschema präsentiert - das allerdings in keinerlei Zusammenhang mit dem stünde, was Frau Thurnher im Interview vor einer Woche zur Zukunft des Radiosenders besprochen habe. Demnach seien alle neuen Sendungen und Änderungen im Programm von FM4 selbst gekommen und unter der Leitung der neuen Senderchefin entstanden. Das neue Programmschema ziele darauf ab, „den öffentlich-rechtlichen Auftrag von FM4 als KulturversorgerIn zu stärken und weiter zu untermauern“, wie ein Branchenkenner betont. Nachsatz: Nichts davon sei das kolportierte „junge Ö3“!
Bei FM4 verweist man indes - auch mit Blick auf die Ansage des ORF-Generals, „die Radioflotte des ORF in die digitale Welt zu transformieren“ - auf seine vielfältigen, erfolgreichen Formate und ein hochwertiges Unterhaltungsprogramm, etwa mit den Sendungen FM4 Happy Hour (wirklich junge, heimische Comedy) oder FM4 Soundpark (relevante Musik aus Österreich).
Dem Bildungsauftrag komme man zum Beispiel mit dem neuen Podcast in Kooperation mit der ZIB 2, ‚Der Professor und der Wolf‘, nach, und bediene auch den jungen Hörermarkt mit Radio/Podcast-Hybridprojekten wie dem neuen Musikpodcast „Wer hören will, muss fühlen“, oder dem Lifestyle-Podcast „Anfang 20“. Mit den etablierten und erfolgreichen Projekten wie dem „FM4 Film Podcast“ und dem „FM4 Games Podcast“ komme FM4 auch dem Ruf als Kultur-Nahversorger im Pop-Markt weiterhin nach. Aktuelle Themen als Diskursformat gäbe es zudem nach wie vor als „FM4 Auf Laut“ jeden Dienstag, heißt es weiter.
Laut einem Kenner des Senders gibt man sich bei FM4 jedenfalls kampfbereit. Der Insider betont, dass sich der Sender wie schon in der Vergangenheit aus eigener Kraft erneuere und den Standplatz als Kultursender für junge Kultur und Popkultur auf allen Ebenen wolle man auch nicht aufgeben. Der Fokus liege vielmehr auch bei FM4, als Teil des ORF, auf allen Kulturformen, die in Österreich entstehen und hier stattfinden.
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