Heute geht‘s weiter

Ed Sheeran: Nur ein Part des 65.000-Teile-Puzzles

Wien
02.09.2022 01:07

Am ersten von zwei fast ausverkauften Konzertabenden im Wiener Happel-Stadion begeisterte Großbritanniens Mega-Popstar Ed Sheeran rund 65.000 Fans mit einer opulenten Bühne, zahlreichen Welthits, viel Humor und brennend heißen Feuersalven. Eine Galavorstellung des größten Formatstars dieser Tage. Heute Abend gibt es einen Nachschlag mit Restkarten an der Abendkassa!

Schon Minuten vor dem Konzertbeginn geht wiederholt die Welle durch das Oval des Happel-Stadions und die Stimmung ist am Siedepunkt, bevor der Held des Abends überhaupt erst die Bühne betritt. Nach Monaten auf seiner fulminanten Europatour macht Ed Sheeran nun endlich auch in Wien Station. Für die beiden Top-Konzerte wurden rund 130.000 Karten verkauft - zumindest an Tag eins sah man auf den Stehplätzen aber doch noch einige größere Lücken. Andererseits auch einmal angenehm, nicht wie sonst üblich halbe Ewigkeiten auf sein Getränk warten zu müssen. Im Gegensatz zu Sheerans erstem Happel-Doppelschlag 2018 blieb kein Stein auf dem anderen. Ganz im Stile internationaler Größen wie U2, Metallica oder Muse versucht sich der smarte Brite dieses Mal auf einer 360-Grad-Bühne inmitten des Stadions, die nebenbei noch alle Stückerln spielt.

Zwischen Bombast und Intimität
Sechs riesige Videoscreens in Form von Gitarrenplektren, ebenfalls sechs mit Leinwänden ausgestattete Pfeiler und eine die Bühne ummantelnde Videoscreen-Hülle machen das optische Spektakel perfekt. Dazu lässt er schon beim zweiten Song „Blow“ Feuerwerksalven in den kühlen Wiener Nachthimmel pfeffern. Eine klare Ansage gegen die vor der Pandemie aufgekommene Kritik, dass der Alleinunterhalter mit seinem relativ unspektakulären Setting keine Stadionkonzerte tragen kann. Jetzt gelingt der Spagat zwischen Bombast und Intimität: durch die Zentrierung in der Mitte der Location kommt er seinen Fans noch näher als früher, die sich ständig drehende Bühne nutzt er mitlaufend aus, um nicht nur ein abendliches Workout aufs Parkett zu legen, sondern mit möglichst vielen Fans um ihn herum auf Tuchfühlung zu gehen.

Die Mischung aus eruptiven Pop-Krachern und zurückgelehnten Momenten zieht Sheeran kongruent durch sein Set und sorgt so immer wieder für emotionale Zustandsverschiebungen. Kurz nach „I’m A Mess“ erklärt er geduldig das System seiner Loop-Station und warum alles live eingespielt wird, auch wenn es nicht immer danach klingt. Das eindringliche „Shivers“ wird auf dem üppigen Screen von einer zerbrochenen Spiegeloptik begleitet und zu „The A Team“, Sheerans großen Durchbruchssong, den er im zarten Alter von 18 schrieb, verwandelt sich das gesamte Stadion samt seiner rund 65.000 Menschen in ein helles Lichtermeer. „Mein Job ist es, euch jetzt zwei Stunden lang zu unterhalten“, gibt er die Marschrichtung des Abends vor, und lässt keine Sekunde mehr davon ab. Im Gegensatz zur letzten Tour vor vier Jahren hat Sheeran dieses Mal auch eine Band mit dabei, deren Musiker er aber lieber an den Lichtsäulen versteckt, anstatt sie gleichberechtigt auf die Bühne zu holen.

Bis in die kleinsten Winkel
Wenn er das kunterbunte Treiben in die eigenen Hände nimmt, funktioniert es noch immer am besten. Ein beeindruckendes „Castle On The Hill“ geht über in das Hip-Hop-lastige „2step“, bevor er kurz darauf bei „Give Me Love“ wieder den Faserschmeichler mimt und sich erneut aus dem Publikumsbereich erleuchten lässt. Mit der lässigen Selbstsicherheit eines wahrhaftig großen Popstars leitet der Künstler durch sein Set und peitscht seine Songs dabei fast zu sehr an. Mit der Publikumsinteraktion beginnt Sheeran erst relativ spät, lange Zeit wird der Abend nach dem Prinzip „let the music do the talking“ getragen und von der beeindruckenden Bühne gestützt. Die Stimmung unter den Anwesenden ist durchgehend am Siedepunkt und es vergeht keine Sekunde, in der die Fans nicht vollkommen textsicher sogar in die kleinsten Winkel des lyrischen Schaffens Sheerans vordringen. Dazu dieser mainstreamtaugliche Eklektizismus: 80er-Referenzen bei „Overpass Graffiti“, eine Geige beim Hit „Galway Girl“, große Gefühle und Mitsinggarantie während „Thinking Out Loud“.

Der Brite hat für jede Gemüts- und Gefühlslage den richtigen Song auf Lager und begeistert ein komplett heterogenes Publikum. Junge Mädchen bei ihrem ersten Konzert, Familienväter, die sich nach anfänglicher Grundskepsis nicht dem Mitschunkeln erwehren können und ganze Familiengenerationen, die sich vom bekömmlichen, aber trotzdem nicht einfältigen Formatsound Sheerans im Kollektiv ergreifen lassen. Wenn dann einmal eine Panne passiert, wie der Texthänger bei „Love Yourself“, ist das der natürlichen Authentizität des Interpreten nicht abträglich. Den Song habe er einst leichtfertig und illuminiert an Justin Bieber verschenkt, lässt er schmunzelnd wissen. Man hat freilich auch leicht lachen, wenn man selbst so viele Chartbreaker verfasst hat, dass eine verschenkte Weltnummer im eigenen Oeuvre noch nicht einmal markant ins Gewicht fällt. Bei „Perfect“ gibt er sogar einen raren Einblick in sein glückliches Familienleben, bereitet aber langsam alle darauf vor, dass auch der schönste Abend ein Ende haben muss.

Mit der Kumpel-Attitüde
Für das Abschlussdrittel kramt Sheeran das österreichische Teamtrikot hervor und sorgt dafür, dass diesem Dress so viele Menschen zujubeln, wie es im Fußballbereich wohl noch nie der Fall war. „Shape Of You“, das stark an Bronski Beat angelehnte „Bad Habits“ und das mit einem fulminanten Abschlussfeuerwerk begleitete „You Need Me, I Don’t Need You“ beschließen eine zweistündige Lehrvorstellung in Sachen Popshow. Das opulente Bühnenbild ist zwar atemberaubend gestaltet, wirkt anhand der vielen ruhigen und bedächtigen Songs des Briten oft doch etwas überladen. Musikalisch schafft es Ed aber wie kein anderer, alle Trends der Gegenwart mit einem untrüglichen Gespür für Hits und einer sympathischen Kumpel-Attitüde zu vermischen, sodass man sich trotz der Großspurigkeit immer als ein Puzzleteil des gesamten Spektakels fühlt. Heute, am 2. September, geht es mit Sheeran noch einmal weiter. Und die beste Nachricht: es wird noch vereinzelte Tickets an der Abendkassa geben.

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