Schneider-Serie

„Das Glück rennt dem größten Rindvieh zu“

Vorarlberg
10.07.2022 07:55

In seiner Reihe „Hier war ich glücklich“ begleitet Robert Schneider Vorarlberger an die Lieblingsplätze ihrer Kindheit. In Mäder traf er jüngst Mundartdichter Adolf Vallaster.

Der Rhein fließt noch immer nicht aufwärts„, scherzt mein 82-jähriger Interviewgast, als wir in Mäder am Rheindamm entlang wandern. “Und hier, im Koblacher Kanal, haben wir schwimmen gelernt. So viel Wasser führte er damals noch. „Das ganze Rheinvorland war ein einziger Auwald, weshalb man nicht gesagt hat, man geht an den Rhein, sondern i d’Studa. In Lustenau bezeichnet man heute noch, zumindest die Älteren, ein leichtsinniges Frauenzimmer als Studa-Latsch.“ Adolf Vallaster, der bekannte Mundartdichter, erzählt, ohne dass man lange Anläufe braucht. Keine Floskeln. Kein höfliches Lauern. Er spricht einen so schönen und sauberen Mäderer Dialekt, wie man ihn vermutlich nirgendwo mehr hören kann. Wie selbstverständlich ist er sofort per Du, obwohl wir einander nicht persönlich kennen. Dieses Du hat nichts Eilfertiges oder gar Anbiederndes. Hinter dem Du steht eine innere Haltung, die sagt: egal wer oder was wir sind, wir sind nur Brüder und Schwestern. Vallaster gibt mir das Gefühl, als haben wir uns kurz aus den Augen verloren, um jetzt auf dem Rheindamm den Weg eine halbe Stunde lang weiter zu gehen, den wir alle gehen müssen. In der Sekunde schafft er eine Nähe, für die Andere Jahre brauchen. Weil er ganz sich selbst ist.

Das Glück sollte man annehmen, nicht darüber stolpern, meint der 82-Jährige im Gespräch mit Robert Schneider. (Bild: Mathis Fotografie)
Das Glück sollte man annehmen, nicht darüber stolpern, meint der 82-Jährige im Gespräch mit Robert Schneider.

Robert Schneider:Du wurdest 1940, mitten im Krieg, geboren und ausgerechnet Adolf getauft. Ist das nicht schrecklich?
Adolf Vallaster: Und ob! Die wahren Zusammenhänge habe ich erst mit Anfang dreißig erfahren. Ich bin ein Einzelkind. Mein Vater war Lkw-Fahrer und viel unterwegs. Er hat mitgeholfen, das Kraftwerk in Latschau zu bauen. Am Samstag kam er immer heim. Dann hat ihm meine Mutter ein Einweckglas voll Mehl geröstet, damit er sich in der kommenden Woche Brennsuppe machen konnte. Die Mama war schon fast vierzig, als sie mich entbunden hat. Sie dachte felsenfest, dass ich ein Mädchen werde. Die Hausgeburt verlief sehr schwierig. Meine Mutter war kaum mehr ansprechbar, und so hat die Hebamme das Mädchen, das jetzt ein Junge war, einfach Adolf genannt. Wer wollte etwas dagegen sagen? Wie ich dann nach dem Krieg eingeschult wurde, haben alle nur gerufen: Ah, da kommt der Hitler.

Schneider: Du bist ein Ur-Mäderer. Es hieß, das waren die ärmsten Leute im Rheintal.
Vallaster: Bitterarm. Arm bis aufs Blut, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich musste allerdings nie hungern. Wir hatten eine Kuh und zwei Geißen, aber Riebel mag ich nicht mehr. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich zu viel davon hatte. Es gab entweder Riebel oder gebratene Kartoffeln, oder die Reste von beidem. Die Häuser waren winzig, ein Geschoss und kellerlos. Im Volksmund hießen diese Behausungen Tatschhüsr, weil sie so gedrungen waren. Den Hausschlüssel hat man in die Dachrinne legen können. Wir hatten ja nichts. Keine großen Landwirtschaften oder den Kiesabbau wie in Altach. Nicht einmal Schollenmähder. Viele Männer arbeiteten damals im nahen Steinbruch Kadelberg. Dort haben sie die Kipper der Schmalspurbahn von der Rheinregulierung mit Steinen beladen. Das Bähnle war unser Spielplatz. Was haben wir die herumstehenden Waggons hin- und hergeschoben.

Mundartdichter Adolf Vallaster lebte mit seinen Eltern in einem sehr einfachen „Tatschhüsr“ in Mäder. (Bild: Mathis Fotografie)
Mundartdichter Adolf Vallaster lebte mit seinen Eltern in einem sehr einfachen „Tatschhüsr“ in Mäder.

Schneider: Wie kommt ein so armes Arbeiterkind zur Literatur?
Vallaster: Ich habe immer gern gelesen. Alles, was mir in die Finger kam. Hauptsächlich Gedichte. Ich habe nichts von Versmaßen verstanden, aber der Klang hat mich gefangen genommen. Durch das Lesen erfuhr ich, dass es noch etwas ganz Anderes gab. Das ist bis heute so geblieben. Ich rede da nicht nur von der Dialektliteratur. Mir ist es wurscht, ob sich jemand so oder so ausdrückt, er muss etwas zum Sagen haben. Darum geht es. Alles, was ich im Leben gelernt habe, habe ich erlesen.

Schneider: Du hast eine Lehre als Schlosser absolviert, warst dann aber 39 Jahre lang Gemeindesekretär von Mäder. Wie das?
Vallaster: Der damalige Bürgermeister, der auch Kapellmeister war, fragte mich nach einer Musikprobe: Willst du nicht Sekretär werden? Ich sagte, dass ich das nicht gelernt habe, worauf er antwortete, er habe Bürgermeister auch nicht gelernt. So habe ich angefangen. Wir waren zu zweit in der Gemeindestube. Albert Giesinger und ich. Heute sind es sieben.

Schneider: Die Bücherei in Mäder wurde von dir aufgebaut, am katholischen Bildungswerk hast du mitgearbeitet ...
Vallaster: ... weil es einfach nichts gab. Ich sagte immer, da müssen wir was machen.

Zu essen gab es oft gebratene Kartoffeln oder Riebel - eine Speise, die er heute nicht bevorzugt. (Bild: Mathis Fotografie)
Zu essen gab es oft gebratene Kartoffeln oder Riebel - eine Speise, die er heute nicht bevorzugt.

Schneider: Der Dialekt hat sich im Lauf der Jahrzehnte sehr gewandelt. Viele sprechen ihn überhaupt nicht mehr.
Vallaster: Ganz früher gab es noch feine Unterschiede von Dorf zu Dorf. Ich bringe dir ein Beispiel: In Koblach sagte man zu einer Hose a Hòsa. In der Mäder trug man a Hoh:sa, und in Altach hieß es a Hòosa.

Schneider: Bestreitest du noch Lesungen?
Vallaster: Nein. Man kann auch vom Schönen genug kriegen.

Schneider: Adolf, was ist für dich Glück?
Vallaster: Es gibt da einen alten Spruch: Glück ist eine dumme Kuh und rennt dem größten Rindvieh zu. Das bedeutet, dass man im Leben Glück haben muss. Es bedeutet aber auch, dieses Glück anzunehmen und nicht darüber zu stolpern.

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