Di, 25. September 2018

Nicht wahnhaft

01.08.2011 12:28

Breivik-Gutachter: "Er wusste genau, was er tat"

Die gerichtlichen Gutachter werden dem Oslo-Attentäter Anders Behring Breivik vermutlich Zurechnungsfähigkeit attestieren. Es sei sehr schwer zu argumentieren, dass solch eine genau geplante Tat von einem wahnhaften Menschen vollzogen wurde, sagte der Leiter der gerichtsmedizinischen Ausschusses, Dr. Tarjei Rygnestadt, am Sonntag. "Er wusste in dem Moment genau, was er tat."

In Norwegen muss der Täter während der Begehung der strafbaren Handlung unter einer psychotischen Störung leiden, um als unzurechnungsfähig zu gelten. Demnach muss er den Bezug zur Realität verloren haben und die Kontrolle über seine eigenen Handlungen. Das könne bei Breivik allerdings nicht behauptet werden, sagte Dr. Tarjei Rygnestad gegenüber der Agentur AP.

Normalerweise seien solche Menschen schon oftmals mit einer simplen Autofahrt überfordert. "Wenn dir Stimmen in deinem Kopf ständig sagen, was du zu tun hast, dann ist es wirklich nicht einfach, ein Fahrzeug zu lenken", so der Mediziner.

"Er hatte sich perfekt vorbereitet"
Für Breivik dürfte die Fahrt nach Utöya allerdings kein Problem gewesen sein. Auch die detaillierte Planung und Umsetzung der Tat sprechen gegen eine psychotische Störung: "Er hatte sich perfekt vorbereitet, die Tat war minutiös geplant und Breivik schaffte es die ganze Zeit über, Ruhe zu bewahren und nicht aufzufallen", so Rygnestad.

Strategie des Anwalts wackelt
Auch wenn sich Rygnestad nun schon sehr deutlich zu seiner wissenschaftlichen Meinung bekennt, muss das gerichtliche Gutachten von zwei Psychiatern vorgelegt werden. Erst dann kann das Gericht über den Geisteszustand des Angeklagten entscheiden. Derzeit sieht es für den Verteidiger allerdings nicht so gut aus, denn Breiviks Anwalt Geir Lippestad betonte in den letzten Tagen immer wieder, dass er auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren werde.

Die Entscheidung über Breiviks Geisteszustand ist ausschlaggebend dafür, ob Breivik im normalen Strafvollzug untergebracht wird oder in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert wird. Bei voller Zurechnungsfähigkeit drohen Breivik 21 bis 30 Jahre Haft.

Experte: Bombe mit fast 1.000 Kilo Sprengstoff
Indes hat ein Sprengstoff-Experte den Bestand an Explosionsmittel in der Bombe, die im Osloer Regierungsviertel hochging, auf das Doppelte geschätzt als ursprünglich angenommen. Per Nergaard, Leiter der Sprengstoff-Abteilung der Norwegischen Volkshilfe, sagte am Montag in einem Interview, dass er auf eine Bombe mit 950 Kilogramm Sprengstoff tippe.

Nach einer gründlichen Analyse des Explosionsortes und der Detonationsschäden dürfte somit die von Breivik selbst in seinem sogenannten Manifest (die letzten drei Berichte in der Infobox sind Auszüge aus dem 1.500-Seiten-Werk) angegebenen Menge weitgehend stimmen. Es hatte sich bei den Ermittlungen herausgestellt, dass Breivik den Lieferwagen, in dem die Bombe verborgen war, über einem Tunnel abgestellt hatte. Durch den Tunnel wurde ein großer Teil der Sprengkraft der Bombe absorbiert.

Es sei "völlig einzigartig", dass bei der Explosion einer 1.000-Kilo-Bombe in einem Stadtzentrum lediglich acht Menschen getötet wurden, sagte der Sprengstoff-Experte gegenüber der Zeitung "Dagsavisen". Ein weiterer Grund für die relativ geringe Opferbilanz war der Umstand, dass zum Zeitpunkt des Anschlags von insgesamt 1.600 Bediensteten in den zwei am nächsten gelegenen Gebäuden nur rund 190 in ihren Büros waren.

Gedenkstunde im Parlament
Am Montagvormittag hat das norwegische Parlament bei einer Gedenkstunde um die Opfer der Attentate getrauert. Neben der Regierung, König Harald und Kronprinz Haakon nahmen auch Überlebende sowie Angehörige von Opfern an der Gedenkfeier teil.

Anders Behring Breivik hatte am 22. Juli mitten im Osloer Regierungsviertel eine Bombe gezündet und anschließend auf der Ferieninsel Utöya Dutzende Menschen erschossen. Bei den beiden Anschlägen sind insgesamt 77 Menschen ums Leben gekommen, viele weitere wurden verletzt.

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