23.05.2022 06:00 |

Gesperrte Stationen

Psychiatrie: Pfleger und Patienten am Limit

Die Unterbringung auf einer Akutstation der psychiatrischen Abteilung ist der letzte Ausweg für Menschen, die sich in einer seelisch sehr belastenden Situation befinden.

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Im vergangenen Jahr meldeten die Wiener Krankenanstalten 3666 zwangsweise psychiatrische Aufnahmen von Erwachsenen. Das ist ein Anstieg von vier Prozent. Bei den Kindern und Jugendlichen erhöhte sich die Zahl sogar um 23 Prozent, also fast ein Viertel, auf 581.

Psychiatrische Versorgung in Wien ist in Gefahr
Die Pandemie hinterlässt also auch hier ihre Spuren. Die hohe Zahl der Aufzunehmenden trifft auf immer eklatantere Versorgungsprobleme. Denn die Pflegekräfte sind nicht mehr geworden - im Gegenteil. „Wir wissen, dass die Mitarbeiter mittlerweile am laufenden Band kündigen“, erzählt Rita Gänsbacher, Bereichsleiterin der Patientenanwaltschaft für Wien. Eine Stelle sei sogar seit zwei Jahren unbesetzt.

Fakten

Die Zahl der Jungen, die von psychischen Erkrankungen betroffen sind, steigt. Laut einer Studie der MedUni Wien unter 3000 Schülern denken bereits 16 Prozent der Jugendlichen ab 14 Jahren regelmäßig an Suizid. 56 Prozent leiden unter einer depressiven Symptomatik, die Hälfte unter Ängsten und ein Viertel unter Schlafstörung. Seit 2019 gab es eine massive Steigerung.

Gesperrte Stationen
Immer mehr Stationen müssen bereits ganz oder teilweise geschlossen werden. Im Moment betrifft das die Klinik Landstraße, Penzing und Hietzing, wie der Wiener Gesundheitsverbund bestätigt. „Es ist - wie in allen anderen Bereichen - natürlich auch in der Psychiatrie so, dass zeitweise aufgrund von Krankenständen oder im Sommer wegen des Abbaus von pandemiebedingten Urlaubsrückständen Stationen gesperrt werden müssen. Selbstverständlich ist aber jederzeit die Akutversorgung gewährleistet“, betont eine Sprecherin. Psychiatrische Behandlungen sind aber langwierig.

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Auf unserer Station fehlen drei Vollzeitäquivalente. Unsere Leistung muss endlich gesehen und auch gerecht besoldet werden. Viele von uns haben ein Helfersyndrom. Ohne dem, kann man diesen Job nicht lange machen.

Sonja Watzinger

Zu viele Überstunden, aber zu wenig Zeit
Gänsbacher: „Die Akutbehandlung alleine ist zu wenig. Für die Therapie braucht es Zeit. Zeit, die die Pflegekräfte trotz zahlreicher Überstunden aufgrund des Personalmangels oft nicht haben.“ Das zermürbt. Die Patienten und die Fachkräfte. „Man weiß, bei dieser Person ist eine engmaschige intensive Betreuung nötig, aber es ist nicht möglich“, berichtet die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin Sonja Watzinger. Sie hat die psychiatrische Zusatzausbildung und ist seit 30 Jahren in diesem Beruf tätig. „Man muss flexibel sein. Und widerstandsfähig, obwohl man nicht immer alles einfach wegstecken kann.“ Die Konfrontation mit schrecklichen Schicksalen ist eher die Regel als die Ausnahme.

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Die Behandlungen auf der Akutpsychiatrie werden kürzer. Die Patienten kommen kränker in die postakuten Bereiche.

Harald Steer, Gewerkschaft vida

Wenn ein Mensch durchdreht
Patienten, vor allem in der Akutpsychiatrie, werden auch handgreiflich. „Es ist kein schöner Anblick, wenn ein Mensch durchdreht“, sagt Watzinger. Ist zu wenig Fachpersonal auf der Station, müssen die Securitymitarbeiter bei der Fixierung helfen. Das kritisiert die Patientenanwaltschaft. Im Alltag gibt es aber oft keine andere Möglichkeit, die Gefahr zu bannen.

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Es ist schade, dass es die psychiatrische Zusatzausbildung nicht mehr gibt. Denn in diesem Job kann nicht jeder bestehen. Überall wird zwar händeringend nach Pflegekräfte gesucht, dennoch fühlt man sich wie ein Bittsteller.

Oliver Schreiner

Nach Motivation kommt Desillusionierung
Im Moment arbeitet Watzinger in der Aufnahme im Anton-Proksch-Institut. Oliver Schreiner ist dort auf der Drogenstation tätig. „Vor allem während der Hochphase der Pandemie war es aufgrund der Ausfälle schwierig“, schildert der 35-Jährige. Auch jetzt muss man noch andauernd einspringen. Neue Kollegen sind für den psychiatrischen Bereich noch schwieriger zu finden. „Viele fangen motiviert an. Nach wenigen Monaten sind sie desillusioniert und wechseln die Station“, weiß Gänsbacher. Dieser Job sei nicht für jeden. 

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