No. 1 in Österreich

Mit Rolli, Schläger und Ball ans Ende der Welt!

Tina Pesendorfer ist 32 Jahre alt und die beste Rollstuhltennisspielerin Österreichs. Die Bad Ischlerin sitzt seit einem Freizeitunfall 2007 im Rollstuhl. Jetzt, 15 Jahre später, mischt sie die österreichische Sportwelt gehörig auf.

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„Krone“:Wie sind Sie zum Rollstuhltennis gekommen?
Tina Pesendorfer: Eigentlich habe ich nur angefangen, Tennis zu spielen, um Sport zu treiben. Ich habe nicht damit gerechnet, eine professionelle Vollzeit-Sportlerin zu werden. Das war nie mein Ziel.

Wie verläuft bei Ihnen eine typische Trainingswoche?
Mein Tennistraining halte ich immer ein, aber mit dem Fitnessstudio bin ich ein bisschen nachlässig. Ich trainiere fünfmal in der Woche Tennis, immer zwei bis drei Stunden lang. Im Sommer spiele ich noch mehr und auch öfters zwischendurch. Im Sportstudio trifft man mich mindestens dreimal in der Woche. Zusätzlich habe ich noch eine Personal-Trainerin, die mit mir an meiner Stabilisation arbeitet.

Warum ist dieses Stabilisationstraining wichtig?
Früher konnte ich nicht frei sitzen. Durch meine Lähmung bin ich sofort umgefallen. Mittlerweile kann ich das wegen meines Trainings sehr gut. Und je besser meine Stabilität ist, desto besser kann ich auch Tennis spielen.

Was ist Ihr (Sport-)Ziel?
Mein Ziel sind die Top 30 auf der Weltrangliste. Heuer will ich die Top 40 erreichen, momentan bin ich auf Platz 49. Wenn man es in die Top 30 schafft, bekommt man einen direkten Schein zu den Paralympics - und das ist das Ziel.

Die erste Zeit im Rollstuhl war bestimmt sehr schwierig.
Nach meinem Unfall war ich für zwei Wochen auf der Intensivstation im Tiefschlaf, dann kam die Reha. Ich hatte viele lebensbedrohliche Verletzungen. Nicht nur die Querschnittslähmung, sondern auch ein gequetschtes Zwerchfell, Rippen in der Lunge und ein Schädel-Hirn-Trauma. Die ersten zehn Tage wussten die Ärzte nicht, ob ich überlebe.

Was würden Sie einem Menschen mitgeben, der erst seit kurzem querschnittsgelähmt ist?
Es ist viel mehr möglich, als man am Anfang glaubt. Man kann ein ganz normales, selbstständiges Leben führen. Das Leben ist trotzdem schön. Wenn man noch nicht sehr lange im Rollstuhl sitzt, sieht man oft einfach schwarz. Aber eigentlich ist das Leben schon ziemlich bunt.

Gibt es ein Lebensmotto?
Ich habe am Handrücken die Worte „Kämpfe weiter“ tätowiert. Meistens bin ich alleine auf einem Tennisturnier. Andere Spieler haben beispielsweise den Trainer oder andere Spieler aus dem eigenen Land dabei. Dafür spielen in Österreich viel zu wenige Rollstuhlfahrer Tennis. Einmal hab’ ich bei einem Turnier verloren, obwohl ich locker gewinnen hätte können, weil meine Gegnerin so viele Unterstützer mitgebracht hatte. Ich bin auf meiner Hälfte ganz alleine gewesen. Das hat mich fertig gemacht. Das Tattoo hilft mir, mich daran zu erinnern, stets weiterzukämpfen!

Wird man als Rollstuhlfahrerin bei uns in Österreich aus Ihrer Sicht gleichbehandelt?
Ich finde nicht, dass der Grundsatz wirklich gelebt und angenommen wird. Bei Neubauten werden oft lieber zwei Stufen gemacht, als eine Rampe. Einem Fußgänger fällt es nicht auf, ob es eine Rampe oder zwei Stufen sind. Einem Rollstuhlfahrer schon. Es wäre auch bei Toiletten genug Platz für einen Rollstuhlfahrer, wenn die Türe sich nach außen und nicht nach innen öffnen würde. Das ist eine kleine Änderung - und schon wären damit die Bedürfnisse für einen großen Teil der Rolli-Fahrer befriedigt. Es ist schade, weil einfach nicht daran gedacht wird. In den USA gibt es immer rollstuhlgeeignete Toiletten. Manchmal gibt es einfach nur eine einzige, die ist dann für Männer, Frauen und Menschen im Rollstuhl. Dafür ist diese dann wirklich für alle da.

Wie verhalten sich Mitmenschen Ihnen gegenüber?
In Österreich wissen die meisten nicht viel über Menschen mit Behinderung. Auch das Verständnis ist gering. Wenn ich mit einer Freundin in ein Geschäft gehe und die Angestellten dort etwas frage, bekommt immer die Person, die nicht im Rollstuhl sitzt, die Antwort. Das ist einfach nur schade, und man fühlt sich minderwertig. In Österreich ist das sehr weit verbreitet. In den USA dagegen ist man als Rollstuhlfahrer jemand privilegierter. Die Menschen dort sehen dich als Mensch. Auch Kinder starren einen nicht an, sie wachsen mit diesem Thema auf.

Was sind absolute No-Gos?
Wenn Menschen sagen „Schön, dass du da bist“ oder wenn sie zu meinen Freunden sagen „Schön, dass du sie mitgenommen hast“, obwohl ich mit dem Auto gefahren bin. Was soll ich sonst machen? Zu Hause sitzen? Ich wollte immer normal weitermachen. Ich habe mich nie als behindert gesehen. Ich habe einen Rollstuhl - und mehr ist es auch nicht.

Sie sind auf der kostenlosen Plattform „GUIDZTER.com“ als Guide aktiv. Was genau machen Sie da?
Ich teile Tipps, wie man selbstständig leben kann. Auf der Plattform werden die verschiedensten Themen behandelt, wie alleine Tanken oder auch Reisen durch Venedig. Das ist vor allem für Frischlinge interessant. Aber auch für all jene, die sich für das Thema „Rollstuhl“ interessieren.

Sophie Peraus
Sophie Peraus
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