Mit der von der „Krone“ aufgedeckten Aussortierung der Bücher Hans Kloepfers gibt es wieder eine Debatte über den umstrittenen Dichter. Wir haben einen Historiker und einen Zeitzeugen zum Thema befragt.
Über fünfzig Jahre praktizierte er als Werksarzt, Distriktarzt, Gestütsarzt, Hausarzt, Bahnarzt, Schularzt, Armenarzt, Klosterarzt und Chefarzt der von ihm begründeten Köflacher Rettungsabteilung. Sein Arbeitstag ging bis spät in die Nacht, nach vierzig Patienten und mehr in seiner Ordination eilte Hans Kloepfer noch zu einem Dutzend Weststeirern, die am Krankenlager auf den Doktor warteten. Den oft stundenlangen Fußmarsch bei Wind und Wetter, meist in Begleitung von Hund „Mandy“, nahm er stets in Kauf - bis zu seinem Tod.
„In jüngeren Jahren führte er auf den Almen rund um Köflach schwerste chirurgische oder geburtshilfliche Operationen durch, meist nur im Schein einer Petroleumlampe. Nicht zu vergessen sind die vielen notleidenden Arbeiter und verarmten Keuschler, die Kloepfer oft nur für ein ,Vergelt’s Gott’ oder eine Handvoll Eier kurierte“, erklärt der aus der Steiermark gebürtige Medizinhistoriker Harald Salfellner. „Auch diese Seite seines Wesens sollten wir in die Waagschale legen, wenn wir unser Urteil über Kloepfer sprechen.“
Die aktuelle Diskussion um den NS-Literaten und die kurzfristige Aussortierung seiner Bücher in der Grazer Stadtbibliothek erreichte den Kloepfer-Experten sogar in Prag, wo Salfellner derzeit forscht. „Gegen die Aussonderung von tendenziösen Werken wird niemand etwas einwenden, aber die Grenze zur Zensur ist dabei rasch überschritten. Als Mundartdichter bleibt er ein wichtiger Vertreter des Schrifttums seiner Zeit, was auch seinen angemessenen Niederschlag in steirischen Bibliotheken finden sollte.“
Für viele Eibiswalder ist der in ihrer Gemeinde geborene Schriftsteller noch immer ein Aushängeschild für die ganze Region. Über Generationen sind Anekdoten über ihn überliefert.
90-Jähriger erinnert sich an Begegnungen
Viele davon weiß Othmar Höller - er kannte Kloepfer noch persönlich. Der heute 90-Jährige ging in Köflach in die Volksschule, wo er als Bub dem Arzt öfters am Weg begegnete. „Der Doktor hatte immer ein freundliches Wort für mich übrig. Er war immer volksnah, äußerst beliebt bei den Leuten und grüßte uns Schulbuben sogar immer zuerst“, erzählt der Grazer der „Krone“.
Apropos Schule: Die Dr.- Hans-Kloepfer-Volksschule von Rothwein (heute eine Ortschaft von Eibiswald) war ein Bildungsprojekt im verarmten Grenzland, für das sich der Weststeirer engagierte. Da die Kinder auch im Winter barfuß zum Unterricht marschieren mussten, kaufte ihnen der Mediziner regelmäßig Schuhe - aus eigener Tasche. „Kloepfer war sehr großzügig. Selbst war er an Reichtümern nicht interessiert, wiewohl er gerne aß und Schilcher trank. Zu Weihnachten schickte ihm ein Verehrer aus Eibiswald stets ein Fässchen zu“, schmunzelt der Wissenschafter.
Aber wie geht Kloepfers menschenfreundlicher Charakter mit der Verehrung von Hitler und dem NS-Gewaltregime einher?
Vom Menschenfreund zum Hitler-Verehrer
Ein Grund war das Trauma des verlorenen Ersten Weltkriegs und der harte Friedensschluss von 1919. „Kloepfer und seine Freunde empfanden die Pariser Friedensverträge als schreiendes Unrecht. Hitler versprach die Schmach zu tilgen - damit wurde er zum Messias der Enttäuschten. Ein anderes Motiv war die Not der Zwischenkriegszeit, die den Autor ins Fahrwasser Hitlers trieb“, analysiert Salfellner. Das Thema wird in seinem Buch „Aber Arzt bin ich geblieben“ betrachtet.
Dass Kloepfer Hitler einen „kreuzbraven Mann“ nannte, sei eine „Entgleisung“. „Dass er sich vor den Parteikarren der Nazis spannen ließ und Wahlwerbung betrieb, kreidet ihm die Nachwelt zurecht an. Die NSDAP hofierte den gicht- und herzkranken Alten, und der nahm willig Anerkennung und Preise entgegen.“
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