19.03.2022 16:00 |

Taxi-Geschichten

Im Wandel der Zeit: Erinnerungen ans Nachtleben

Wir fahren mit und hören zu. „Krone“-Reporter Robert Fröwein setzt sich auf die Taxi- oder Uber-Rückbank und spricht mit den Fahrern über ihre Erlebnisse, ihre Sorgen, ihre Ängste. Menschliche Geschichten direkt aus dem Herzen Wiens.

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Der Wiener hat anscheinend nicht nur ein goldenes Herz, er lebte einst auch in goldenen Zeiten. Zumindest wenn er Taxler war, so ich meinem heutigen Fahrer Nemanja glauben kann. „Damals habe ich in zwei bis drei Stunden oft 4000 Schilling verdient. Überhaupt kein Problem.“ Nemanja ist ein alter Hase im hiesigen Taxigeschäft und schon seit 1988 an Bord. Um sich das vielleicht etwas bildlicher zu vergegenwärtigen: 1988 gab es noch die DDR, die Niederländer werden Fußball-Europameister mit einem Finalsieg gegen die UDSSR und Thomas Bernhard stach mit seinem Stück „Heldenplatz“ am Wiener Burgtheater zum 50. Jahrestag des Anschlusses von Österreich mitten in die Volkseele. Nemanja befand sich damals in seinen 20ern und bemerkte sofort, dass dies die richtige Branche für ihn wäre.

In den goldenen 90ern beschränkte sich Nemanja auf Nachtfahrten und kassierte überdurchschnittlich. Mit den letzten Jahren sei das nicht mehr zu vergleichen, erzählt er mit funkelnden Augen, nicht einmal im Ansatz. „Ich bin oft mit sehr reichen Russen gefahren. Die haben mich für die ganze Nacht gebucht. Ich habe sie bei einem Hotel abgeholt, dann sind wir in ein Puff gefahren und dort blieb der Kunde die ganze Nacht. Das Taxameter lief weiter, das war denen egal.“ Nemanja erinnert sich freudig an die Ungezwungenheit zurück. „Ich saß dann die ganze Nacht dort herum und habe Kaffee getrunken. Manchmal wurde ich von den Kunden auch auf etwas anderes eingeladen, wenn du verstehst, was ich meine.“

Wien sei eine ungemein spannende und verruchte Stadt gewesen. „Freier, Luden, Strizzis - ich bin mit denen allen gefahren. Am Gürtel entlang, Praterstraße oder Felberstraße. Überall dort, wo es Frauen gab und was los war. Wien war damals überhaupt nicht mit heute zu vergleichen. Die Stadt war wahnsinnig spannend.“ Von anderen Ansichten, Wien wäre vor der Jahrtausendwende grau und leer gewesen, hält Nemanja nichts. „Die Stadt hat vibriert. Was ist davon heute noch übrig? Selbst vor Corona. Ein paar Besoffene und Jugendliche, die laut sind und sich aufführen. Die Typen von damals, die gibt es nicht mehr. Spieler, Geschäftsleute, alles. Ich habe mich nie unsicher gefühlt. Wir Taxler wurden immer fair und gut behandelt.“

In den 90er-Jahren sei Nemanja nur einmal ein Fahrgast weggelaufen. Kurz vor dem Aussteigen wäre er damals draufgekommen, dass das vorhandene Geld doch nicht reiche und Kartenzahlungen kannte man noch nicht einmal vom Hörensagen. „Da habe ich aber sofort die Polizei gerufen und die hat dann alle Wohnungen im Gebäude geweckt“, erinnert sich der Serbe lachend zurück, „ansonsten hatten meine Gäste immer Anstand. Klar, du erlebst in der Nacht Sachen, die niemand sonst erlebt. Aber die Leute waren früher anders. Es war einfach eine andere Zeit.“ Den direkten Vergleich zieht Nemanja nur mehr selten. Seit fast 20 Jahren fährt er nur mehr in Ausnahmefällen die Nachtschicht.

„Als ich meine Kinder bekam, habe ich umgestellt. Das packst du sonst nicht mehr.“ Wenn er heute hier und da noch seine späten Runden zieht, sei ihm richtiggehend langweilig. „Was ich früher für Typen gefahren habe. Da waren die Fahrten noch ein Abenteuer. Du wusstest nie, wo du am Abend landest und wie viel Zeit du im Lokal verbringst. Das gibt’s heute nicht mal mehr im Ansatz.“ Nemanja bringt mich auf einer ereignislosen und gemütlichen Berufsfahrt vom Osten Wiens nach Westen. Ein bisschen Stau, wenig Gehupe und nach mir weit und breit kein Auftrag in Sicht. „Früher hatte ich nicht mal Zeit, um die ersten Seiten der ,Krone‘ durchzublättern. Heute kann ich zwischen zwei Aufträgen oft ein ganzes Buch lesen.“

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