Fr, 20. Juli 2018

krone.at-Interview

25.05.2011 12:13

Acimovic im ersten großen Talk als Ex-Fußballer

Fast vier Jahre lang ist Milenko Acimovic der Regisseur bei der Austria gewesen, eine Knieverletzung hat seiner Karriere allerdings im vergangenen September frühzeitig den Garaus gemacht. Knapp acht Monate danach besuchte krone.at den inzwischen zum Sportdirektor bei Olimpija Ljubljana aufgestiegenen Ex-Veilchen-Star und sprach mit ihm über seine Verletzung, seinen Umstieg vom Aktiven zum Manager, den unerlässlichen Wechsel ins Ausland seines Nachfolgers Zlatko Junuzovic und darüber, wieso er noch nicht wieder nach Wien gekommen ist.

krone.at: Dober dan, Milenko! Ein knappes halbes Jahr ist vergangen, seit du deine Karriere verletzungsbedingt hast beenden müssen – wie geht es deinem Knie, wie geht es dir als Ex-Fußballer?
Milenko Acimovic: Das Knie ist noch immer dasselbe. Es ist letztens drei Mal gecheckt worden, und an einer Operation wird kein Weg vorbeiführen, ich hoffe in ein oder zwei Monaten, wir werden sehen. Speziell wenn es einen Wetterumschwung gibt oder ich ein bisschen Sport machen will, verspüre ich weiterhin Schmerzen. Jetzt lasse ich das jedenfalls richten, für das normale Leben ist das Knie okay.

krone.at: Du bist jetzt 34 Jahre alt und "nur" mehr Ex-Fußballer, obwohl Kicker-Karrieren heutzutage deutlich später enden. Wie geht’s dir damit, Gleichaltrigen und Älteren zuschauen zu müssen, wenn sie ihre Knochen weiter aktiv hinhalten?
Acimovic: Das ist wirklich schwierig. Gerade auch weil ich in meinem Job mit Spielern zu tun habe, die in meinem Alter sind. Einmal denke ich mir, es ist endgültig vorbei, dann wieder gibt’s die Überlegung, später einmal zurückzukehren, womöglich in die fünften oder sechsten Liga, einfach nur um einmal die Woche zu spielen. Vielleicht im kommenden Jahr, wenn die Sache mit dem Knie erledigt ist.

krone.at: Nach deinem Karriereende bist du jetzt bei Olimpija Ljubljana als Sportdirektor tätig – hast du den Umstieg vom Aktiven zum Funktionär schon verinnerlicht?
Acimovic: Ja! In den ersten drei Monaten nach dem Rücktritt war ich ohne Job, und diese Zeit war sehr schwierig. Erst dachte ich, ich würde mich ein Jahr vom Fußball fernhalten – aber auf einmal begann ich, den Rasen, die Spieler, die Stadien und das alles drumherum zu vermissen. Es war seltsam, daheim zu sein und nichts zu tun. Daher habe ich diesen Job hier angenommen.

krone.at: Würde es dich nicht reizen, in eurem tollen Stoice-Stadion doch wieder die Fußballschuhe anzuziehen?
Acimovic: Natürlich! Speziell auch deswegen, weil ich durch meinen Job sehr nahe an den Spielern dran bin, etwa in der Kabine, wenn sie sich vorbereiten. Normal würde ich mit auf den Platz gehen...

krone.at: ...nur haben sie ihre Trikots an, und du trägst jetzt Anzug...
Acimovic: Ja! Und jetzt gehen sie nach links bei der Tür raus, und ich gehe hinauf in den VIP-Klub. Aber gut, das ist okay so.

krone.at: Stichwort Olimpija Ljubljana: Nach einigen turbulenten Jahren (Pleite und Neubeginn ganz unten, Anm.) ist der Klub wieder gut unterwegs, nach dem Wiederaufstieg voriges Jahr kämpft ihr heuer wieder um einen Europa-League-Platz mit…
Acimovic: Aber im Dezember, als ich zu überlegen begann, den Job zu übernehmen, war Olimpija am achten Platz mit nur zwei Punkten Vorsprung auf den Letzten. Von daher war es ein großes Risiko für mich, weil ich meinen Namen innerhalb weniger Monate kaputtmachen hätte können. Wenn ich mit dem Klub an achter Stelle geblieben oder gar in die zweite Liga abgestiegen wäre, hätten alle gesagt: "Schaut ihn euch an. Er war 14 Jahre im Ausland und weiß rein gar nichts über unseren Fußball." Nur ein, zwei Freunde rieten mir, den Job zu machen, aber 50 andere meinten: Jetzt sei doch nicht blöd!

krone.at: Was hat dann den Ausschlag gegeben?
Acimovic: Ich habe mit dem Präsidenten gesprochen und erklärt, dass ich drei frische Spieler bräuchte. Nun, das Resultat ist, dass wir seitdem elf Spiele gewinnen konnten, in vier unentschieden spielten und nur einmal verloren. Für mich persönlich ist diese mit Platz vier geschaffte Qualifikation für den Europacup gleichbedeutend mit dem Gewinn der Meisterschaft. Aber natürlich hatte ich auch Glück, dass sich die drei von mir geholten Kicker als Schlüsselspieler erwiesen und ihr Engagement gerechtfertigt haben.

krone.at: Kann Ljubljana wieder die Führungsrolle in Slowenien übernehmen wie Anfang der 1990er-Jahre, als der Klub vier Mal in Folge Meister werden konnte? Ist das in der nahen Zukunft möglich?
Acimovic: (Überlegt) Eine Meisterschaft nur mit jungen Spielern zu gewinnen, ist sehr schwierig. Es ist eine Sache, beispielsweise von September bis Februar toll aufzuspielen, aber im Frühjahr ändert sich dann etwas in den Köpfen der Spieler. Bis dahin kannst du z.B. Meister werden, ab dann musst du. Um diese Jungen brauchst du dann auch drei, vier erfahrene Spieler herum.

krone.at: Mangelnde Erfahrung durch zu viele junge Spieler – das erinnert an die Kritik, die derzeit an der Austria festgemacht wird. Diese ist vom Titelfavoriten zum Frühjahrsstart zwischenzeitlich zur Lachnummer mutiert. Wie erklärst du dir diese Schwankungen?
Acimovic: Sie haben sechs, sieben Monate wirklich sehr gut gespielt. Aber dann ist der Druck immer größer geworden, und dann kann eine negative Woche oder auch nur eine einzige Niederlage viel anrichten. Man kann nicht immer auf einem Niveau durchspielen – manchmal geht’s abwärts, und dann geht’s wieder aufwärts. Okay, die Austria hat es in einem denkbar schlechten Moment erwischt, ich denke aber, dass sie noch immer alle Chancen haben. Und in dieser Zusammensetzung kann diese Mannschaft im kommenden Jahr auch im Europacup eine gute Figur machen. Wenn sie diese Druckphase übersteht, dann wird sie sicher noch stärker werden.

krone.at: Stichwort Niveau - Viele haben nach deinem Abgang von der Austria befürchtet, dass sie zurückfallen würde. Stattdessen gilt deine Ex-Mannschaft als die spielstärkste des Landes, wenn auch nicht als die konstanteste. Hättest du diese Entwicklung erwartet?
Acimovic: Als ich noch dort war, hat eine Menge Menschen von mir erwartet, dass ich in jedem Spiel score, dass ich etwas Besonderes tue. Und ich habe ja auch oft genug gescort. Aber ich dachte, normal müssten sie die Spieler haben, um mich zu ersetzen. Nein, ich hatte keinen Zweifel daran, dass sie Spieler finden würden, die auf der linken Seite wie ich spielen können.

krone.at: Heuer standen die Chancen der Austria, Meister zu werden, lange Zeit sehr gut, auch dank Zlatko Junuzovic, den viele als deinen Nachfolger als Spielmacher sehen. Was hältst du von ihm?
Acimovic: Der Junge kann wirklich spielen, er kam von unten und ist jetzt im Moment in Österreich top. Aber jetzt muss er den nächsten Schritt machen und gehen, um etwas Neues kennenzulernen. Auf dem jetzigen Level darf er nicht stehenbleiben. Für die Bundesliga ist er, wie die vergangenen Jahre gezeigt haben, klasse! Aber wenn er zum Nationalteam kommt, ist dort ein anderer Level gefragt – und dort fehlt ihm ein bisschen was.

krone.at: Sollte er also ins Ausland gehen?
Acimovic: Um zu einem noch besseren Spieler zu werden, denke ich schon. Auch um zu sehen, wo sein Maximum liegt. Wenn er noch zwei, drei Jahre in Österreich bleibt, was bringt es ihm? Er wird nichts Neues dazulernen, er wird weiter auf demselben Level spielen. Und irgendwann kommt dann vielleicht ein verschossener Elfer oder er verletzt sich, und auf einmal geht es bergab. Er ist ein wirklich guter Spieler, er hat viel Qualität – jedenfalls genug, um in einer guten Liga bei einem guten Klub zu spielen.

krone.at: Du hast etwas mehr als dreieinhalb Jahre für die Wiener Austria gespielt, warst der Denker und Lenker des Teams – den Titel haben die Veilchen in der Zeit aber nie errungen. Woran hat's gehapert?
Acimovic: Ich muss ehrlich sagen, als ich noch gespielt habe, war Rapid wirklich super drauf - Hoffer, Maierhofer, Heikkinen, Hofmann, Coach Peter Pacult, das war ein wirklich gutes Team. Ebenso Salzburg mit sehr vielen erfahrenen und teuren Spielern. Wir waren immer wieder knapp dran, aber es hat immer ein kleines bisschen gefehlt. Bei der Austria war es vielleicht so, dass sich viele gedacht h war sehr gut drauf, Salzburg war erfahren und teuer – was war die Austria?
Acimovic: Die Austria war und ist ein Klub mit Herz – all die Fans, all die Menschen, die dort arbeiten, von Parits über Kraetschmer bis Daxi, jeder weiß, was er zu tun hat. Sonst gibt’s in der Führungsriege oft ein ein Durcheinander, doch bei der Austria wussten wir immer, wofür Parits oder Kraetschmer standen. Jeder tat das, was er zu tun hatte.

krone.at: Hast du dir von Thomas Parits und Markus Kraetschmer etwas abschauen können für deine Arbeit hier bei Ljubljana?
Acimovic: Natürlich! Speziell von Parits, wie er generell arbeitet. Man braucht ja nur zu schauen, wie viele gute Spieler er zur Austria gebracht hat, das ist er, das ist sein Erfolg. Ich mag Thommy, weil er jemand ist, der immer ruhig bleibt. Auch wenn er nervös ist, zeigt er das nicht. Jetzt, da ich mich in einer Position befinde wie Parits, da sehe ich natürlich, was das für ein schwieriger Job ist.

krone.at: Wie steht’s deiner Meinung nach generell um das Niveau der slowenischen "Prva Liga", insbesondere im Vergleich zur Bundesliga?
Acimovic: Schwer zu sagen, immerhin bin ich ja erst seit vier Monaten wieder hier. Aber was die Stadien anbelangt, die Menschenmassen, die Zeitungslandschaft oder das Fernsehen, da schaut’s in Österreich schon ganz anders aus als in Slowenien. Hier ist alles viel ruhiger.

krone.at: Wie würde eine Mannschaft wie Olimpija Ljubljana in Österreich abschneiden?
Acimovic: Gerade um das herauszufinden, würde ich gerne ein Spiel gegen die Austria organisieren. Ich möchte meine Mannschaft wirklich gegen starke Mannschaften spielen sehen, hier in Ljubljana oder auch in Wien, wenn mehr Zuschauer da sind. Einfach um zu sehen, wie mein Team mit so einer Situation umgeht. Ich hoffe, dass das klappt. Was die Platzierung in Österreich anbelangt: Womöglich irgendetwas im Mittelfeld, aber das ist schwer zu sagen. Ich müsste meine Mannschaft zuerst einmal im Europacup beobachten können, das sind die Spiele, in denen man so etwas sieht.

krone.at: Was macht denn den Unterschied zwischen dem slowenischen und dem österreichischen Nationalteam aus? Auf Klubebene sind die heimischen Vertreter wohl besser, aber beim Nationalteam ist Rot-Weiß-Rot irgendwo. Woran liegt das? Am Teamchef?
Acimovic: Nein, ich kenne Constantini, an dem liegt's nicht. Ich weiß nicht, Österreich hat ja wirklich gute Spieler. Vielleicht geht es in Österreich auch einfach zu schnell, um zum Star zu werden. Damit bringt man junge Spieler um. Ich denke, um ins Nationalteam berufen zu werden, muss man mindestens ein, zwei Saisonen wirklich gut gespielt haben. Als ich in Österreich war, sind Spieler nach ein, zwei Spielen in der Zeitung gestanden, obwohl sie kaum jemand wirklich kannte. Da müssen ein paar Kriterien geschaffen werden, wie man ins Nationalteam kommen kann. Denn die Menschen dort (in Österreich, Anm.) lieben den Fußball sehr.

krone.at: Das vielleicht, wir sind aber nicht ganz so toll darin...
Acimovic: Aber die Menschen lieben es, live Fußball zu schauen. Nicht einmal das mögen sie hier in Slowenien. Stattdessen gucken sie z.B. Manchester oder Chelsea im Fernsehen.

krone.at: Wie viele Fans kommen normalerweise ins Stadion Stoice?
Acimovic: Hier in Ljubljana ist es im Moment nicht so interessant, weil Olimpija sieben Jahre lang kein internationales Spiel mehr gehabt hat. Und so haben wir eine Menge Fans verloren. Auch wenn es jetzt wieder mehr werden, es geht alles recht langsam. Bei einem Derby kommen 8.000 bis 10.000 Menschen, aber wenn wir gegen den Letzten spielen, dann sind vielleicht gerade einmal 1.000 Leute da. Man denkt sich: "Ein Spiel gegen den Letzten? Nein, das ist uninteressant!" Das ist in Österreich anders...

krone.at: Ist das generell ein Unterschied in der Mentalität zwischen Österreichern und Slowenen?
Acimovic: Schau, in Österreich kann man innerhalb von ein, zwei Wochen ein Star sein. Die Leute lesen Zeitung, sie nutzen das Internet, sie schauen fern – und dann schießt ein Junger ein, zwei Tore und ist auf einmal ein Held! Hier kennt dich niemand, bevor du nicht ins Nationalteam gekommen bist, hier bist du kein Star. Hier arbeiten die Spieler hart, damit sie jemand auf der Straße erkennt.

krone.at: Dein Ex-Klub veranstaltet derzeit die Wahl der Austria-Mannschaft des Jahrhunderts, zur Wahl steht im Mittelfeld neben österreichischen Allzeit-Größen wie Herbert Prohaska, Ernst Ocwirk oder Felix Gasselich auch Milenko Acimovic. Was würde es dir bedeuten, in diese Jahrhundert-Mannschaft gewählt zu werden?
Acimovic: Schwer zu sagen, es wäre jedenfalls etwas ganz Spezielles für mich, in diese Auswahl gewählt zu werden, das wäre eine Riesenehre, ein Zeichen dafür, dass man wirklich einen guten Job gemacht hat bei dem Klub.

krone.at: Hast du seit deinem Rücktritt die Austria eigentlich schon einmal live spielen gesehen?
Acimovic: Nein, ich muss zugeben, dass das schwierig für mich ist. Immerhin läuft in Slowenien noch meine eigene Saison und da kann ich nicht einfach wegfahren. Zudem muss ich auch auf die Familie schauen. Sogar ich selbst hatte ja ein seltsames Gefühl, als ich nach Ljubljana zurückgekommen bin, da ich Wien vermisste. Das betrifft auch meine Frau und eben speziell meine Tochter Clara (9, rechts im Bild), immerhin hatte sie eine Menge Freunde in Wien und hat Deutsch gelernt. Sie hat mich oft gefragt: "Warum?" Knapp drei Monate lang ist es ihr nicht gut gegangen, sie ist mitten in der Nacht aufgewacht, hat geweint, hat plötzlich Deutsch zu sprechen begonnen. Erst jetzt, nach acht Monaten geht es ihr wieder besser und sie ist auch wieder deutlich fröhlicher. Ich möchte mit diesen Gefühlen besser nicht spielen.

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