04.01.2022 12:30 |

Psychische Belastung

Es gibt zu wenig Therapieplätze für Kinder

Die psychische Belastung durch die Corona-Pandemie ist bei Kindern groß. Mehr als 50 junge Patienten stehen in Tirol auf der Warteliste für einen stationären Therapieplatz in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Klinik-Direktorin Kathrin Sevecke schlägt Alarm: „Die Wartezeit ist zu lange!“

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Schon vor der Pandemie waren in Tirol die Therapieplätze für Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen knapp. Die Coronakrise hat die Situation verschärft, bestätigt Kathrin Sevecke, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Hall und Innsbruck. „Wir verzeichnen mehr Akutaufnahmen und komplexere Themenstellungen mit einer oftmals langen Behandlungsdauer“, fasst Sevecke zusammen. Mehr als 50 junge Patienten stehen aktuell auf der Warteliste für einen Therapieplatz. „Die Wartezeit ist zu lange“, konstatiert die Klinik-Direktorin.

Dass die Pandemie Kinder und Jugendliche sehr belastet, bestätigt eine von Sevecke geleitete Tiroler Studie. Aktuell läuft die vierte Online-Befragung, für die noch Teilnehmer gesucht werden. Seit dem Start der Erhebung im März 2020 hat sich der Anteil der Kinder mit psychischen Auffälligkeiten von sechs auf 23 Prozent vervierfacht. „Den jungen Menschen fehlen soziale Kontakte und eine organisierte Tagesstruktur“, warnt Sevecke vor weiteren Schulschließungen.

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Mit Tests und Masken können junge Menschen leben. Nicht aber ohne ihr soziales Umfeld. Auch der Wegfall der Tagesstruktur belastet.

Kathrin Sevecke

„Viele Eltern stehen selbst unter großer Anspannung“
Angst, Depressionen, Selbstverletzungen, Essstörungen – es seien vor allem nach innen gerichtete Störungen, die der Stress der Pandemie auslöse oder verstärke. Sevecke: „Viele Eltern stehen selbst unter großer Anspannung und bemerken die Veränderungen bei ihren Kindern dadurch später.“ Das verlängere wiederum die Behandlung und erhöhe die Wartezeiten.

Knapp 50 stationäre Therapieplätze stehen in Hall zur Verfügung. Darüber hinaus bis zu zwölf tagesklinische Plätze in Innsbruck und Hall. Laut Sevecke wären zumindest 70 stationäre Plätze und weitere tagesklinische Angebote nötig. Das Ziel müsse lauten: Therapie auf Krankenschein für alle, die es brauchen. „Es ist unverständlich, dass die Gesundheitskasse nach wie vor nur bestimmte Kontingente bezahlt“, meint Sevecke.

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) hat mehr Geld für Therapie in Aussicht gestellt. Für Tirol sieht Sevecke vor allem Aufholbedarf in Osttirol und Reutte. Dem Land hat sie mobile Betreuung mit Fachteams in Familien (Home-Treatment) vorgeschlagen. Ein Modell, das in Deutschland und England erfolgreich ist. In Tirol kommt das vorerst nicht. Es fehlt nicht zuletzt an Fachärzten. Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie – deren Präsidentin Sevecke ist – hat eine Änderung beim Ausbildungsschlüssel vorgeschlagen, um mehr Jungärzte schulen zu können.

Junge Menschen sprechen offen über ihre Probleme
Gerade jetzt brauche es mehr Therapieangebote, unterstreicht Sevecke. Die Pandemie hat viele Kinder, die davor gerade noch stabil waren, in eine Krise gestürzt. Eines haben die letzten zwei Jahre aber auch gezeigt: viele junge Menschen sprechen offener über psychische Probleme. „Diese Bereitschaft müssen wir unterstützen“, betont die Psychiaterin.

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