Neue Tirade per TV

Gadafi: "Wenn ihr einander töten wollt, dann tut das"

Ausland
25.02.2011 07:24
Mit einer neuen bizarren Schimpftirade hat sich der libysche Machthaber Muammar al-Gadafi am Donnerstag zu Wort gemeldet. Gadafi, der vom staatlichen Fernsehen diesmal nicht gezeigt, sondern nur per Telefon zugeschaltet wurde, sagte, in der Stadt Al-Sawiya spiele sich derzeit eine "Komödie" ab. "Wenn ihr einander töten wollt, dann tut das", sagte er an die Adresse der Einwohner der Stadt. Übergelaufene Militärs hatten zuvor berichtet, wie Gadafi-Truppen erneut Demonstranten angriffen, das Zentrum von Al-Sawiya gleiche dabei einem "Schlachthaus".

Der Moderator des libyschen Fernsehens hörte sich die wirre Ansprache mit versteinertem Gesicht an. Gadafi machte darin weiters die Terror-Organisation Al-Kaida für den Aufstand in seinem Land verantwortlich. Al-Kaida manipuliere die Libyer, Osama bin Laden sei der wirkliche Verbrecher, fauchte Gadafi. Keine vernünftige Person würde sich an den Protesten beteiligen.

"Pillen in den Nescafé"
Die Menschen kämpften untereinander und stünden unter Drogen, die sie von "ausländischen Agenten" erhalten hätten, sagte der seit mehr als 40 Jahren herrschende Autokrat. "Man hat ihnen bewusstseinsverändernde Pillen in ihre Getränke, ihre Milch, ihren Kaffee, ihren Nescafé getan", sagte Gaddafi. Die Libyer sollten sich nicht von der Al-Kaida beeinflussen lassen und Ruhe bewahren.

Zugleich äußerte er sein Beileid für all jene, die in den vergangenen Tagen ums Leben gekommen sind. Er bezeichnete sie als "Kinder Libyens". Gadafi betonte auch, dass seine Herrschaft über das Land rein "moralischer" Natur sei. Tatsächlich hat sich Gadafi nie als Staatsoberhaupt bezeichnet. Er trägt den Titel des Revolutionsführers, ist aber auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte.

Zweifel an Authentizität
Arabische Kommentatoren äußerten nach dem Beitrag im libyschen Staatsfernsehen teilweise Zweifel über die Authentizität der Audiobotschaft. Zwar erinnere der Stil der Ansprache sehr an frühere Tiraden des cholerischen Obersts. Doch klang die Stimme - vielleicht aber auch nur wegen der schlechten Telefonleitung - anders als sonst. Dies schürte Spekulationen, dass Gadafi, der in seiner vorherigen Fernsehansprache gedroht hatte, "bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen", vielleicht doch schon dabei sein könnte, mit seiner Familie das Land zu verlassen, und deshalb einen Vertreter die Audiobotschaft sprechen ließ.

Am Dienstag hatte sich Gadafi erstmals seit den Protesten in einer langen Fernsehansprache zu Wort gemeldet und Demonstranten mit blutiger Gewalt gedroht. Er kündigte dabei an, Libyen "Haus für Haus zu säubern", und bezeichnete die Regierungsgegner als "Ratten".

Land mittlerweile zweigeteilt
Laut Angaben von Geflüchteten und den wenigen ausländischen Reportern in Libyen dürfte das Land mittlerweile zweigeteilt sein. Die Gegner Gadafis kontrollieren praktisch den gesamten Osten des Landes und sind Augenzeugen zufolge bereits auch im Westen auf dem Vormarsch. Milizen würden die Ortschaft Zuara etwa 120 Kilometer westlich der Hauptstadt Tripolis kontrollieren, sagten nach Tunesien geflohene ägyptische Gastarbeiter.

Von Polizei oder Militär fehle in den Ostgebieten seit Tagen jede Spur. Polizeiwachen seien niedergebrannt worden. Die Ägypter waren nach eigenen Angaben auf einer Baustelle in Zuara tätig, bevor sie sich auf den Weg nach Tunesien machten. Laut der Nachrichtenagentur Reuters sollen die Öl-Terminals von Ras Lanuf und Marsa el Brega im Osten nicht mehr unter der Kontrolle von Gadafi seien.

Stadt Al-Sawiya "ein Schlachthaus"
Libysche Truppen, die auf den Befehl von Gadafi hören, sollen am Donnerstag die Stadt Al-Sawiya südwestlich von Tripolis mit schwerer Artillerie angegriffen haben. Ein ehemaliger Offizier aus Al-Sawiya sagte dem Sender Al-Arabiya: "Es ist ein Schlachthaus. Es schwer, die vielen Toten und Verletzten in der Stadt zu zählen."

Augenzeugen zufolge wurden auch Aufständische in der ostlibyschen Stadt Misrata angegriffen. Die Stadt liegt nur etwa 200 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis. Die Kämpfe fänden in der Nähe des Flughafen der Stadt statt. "Die Gadafi-Brigade hat dort die Kontrolle erlangt, aber wir bemühen uns, sie zurückzuschlagen", so ein Zeuge gegenüber Reuters. Das etwa drei Kilometer entfernte Stadtzentrum sei derzeit weiter in der Hand der Gadafi-Gegner.

Beweise für die Angaben in Form von Bilddokumenten können die Augenzeugen allerdings meist nicht vorlegen. Das libyische Regime hält seit Tagen einen Nachrichten-Blackout aufrecht, im Inland ist praktisch keine Telekommunikation verfügbar, bei Kontrollposten werden Handys und Digitalkameras beschlagnahmt. Fotos drangen am Donnerstag nur aus den im Osten gelegenen Städten an die Öffentlichkeit: Bilder aus Bengasi zeigten dabei neben bereits siegesfeiernden Mengen medizinisches Personal beim Stapeln von Leichen (li.u.), aus den Städten Tobruk und Derna verbreiteten Demonstranten Bilder übergelaufener Soldaten (li.o.). (Mehr Bilder siehe Infobox.)

Jugendliche Milizionäre und Flak-Angriffe auf Demonstranten
Im blutigen Ringen in Libyen soll Gadafi auch eine Art Jugend-Miliz auf seine Gegner losgelassen haben. Die französische Zeitung "Libération" berichtet in einer Reportage aus der Region um Bengasi über eine derartige Freiwilligen-Truppe, "Mourtazaqa" genannt. In einer Schule in Bengasi seien rund 200 dieser Milizionäre eingesperrt; sie wurden nach eigenen Angaben im Süden des Landes für eine Demonstration in Tripolis angeworben. Stattdessen seien sie dann aber in die Kampfgebiete im Osten des Landes geflogen und dort gefangen genommen worden, berichtete der Reporter der Zeitung.

In dem Bericht hieß es weiter, dass Gegner des Gadafi-Regimes bei den heftigen Kämpfen mit Verzweiflungstaten reagiert hätten. So hätten sie Autos voller Benzin gegen anrollende Panzer gelenkt und in Brand gesetzt. In einer Kaserne an der Küste würden rund 30 derartige ausgebrannte Wracks stehen. In Bengasi berichtete ein Apotheker dem Reporter über Soldaten, die mit Flakgeschützen in die demonstrierende Menge geschossen hätten. Alle Kühlkammern des Al-Jalla-Krankenhauses wären mit Leichen gefüllt, sagte der Mann.

Denunziation wird "großzügig mit Geld belohnt"
Die libysche Regierung forderte ihre Gegner am Donnerstag erneut zur Abgabe ihrer Waffen auf. Wer seine Waffen abgebe und Reue zeige, werde straffrei bleiben, hieß es in der in Kairo mitgeschnittenen Erklärung. Zugleich rief das Volkskomitee für die Allgemeine Sicherheit in einer im libyschen Staatsfernsehen verlesenen Erklärung zur Denunziation von Anführern der Proteste auf. Diejenigen, die Informationen über Anführer der Proteste, deren Geldgeber oder Unterstützer lieferten, würden "großzügig mit Geld belohnt", gab das Volkskomitee bekannt.

Schweiz sperrt allfällige Vermögen von Gadafi
Der Schweizer Bundesrat hat unterdessen allfällige Vermögen Gadafis und seines Umfeldes in der Schweiz gesperrt. Damit wolle die Regierung jegliches Risiko einer Veruntreuung von staatlichem libyschem Eigentum vermeiden, teilte das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten am Donnerstag mit. Auch der Verkauf und jegliche Veräußerung von Gütern - namentlich von Immobilien - dieser Personen sei ab sofort verboten. Die entsprechende Verordnung trat am Donnerstag in Kraft und hat eine Gültigkeit von drei Jahren. Auf der Liste aufgeführt sind neben dem "Revolutionsführer" 28 weitere Personen, darunter Ehefrau Safya Farkash sowie Söhne und Töchter Gadafis. Auch Gelder von weiteren Verwandten und von libyschen Wirtschaftsführern sind per sofort blockiert.

Die britische Tageszeitung "Telegraph" meldete am Freitag, Großbritannien plane einen ähnlichen Schritt. Die britischen Finanzbehörden hätten eine Einheit gebildet, um Gadafis Vermögen in Großbritannien aufzuspüren. Gadafi habe möglicherweise Vermögen im Wert von umgerechnet 23,5 Milliarden Euro in Großbritannien gelagert.

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