Hoher Blutzoll
Libyen geht immer brutaler gegen Demonstranten vor
Dieses Vorgehen der Sicherheitskräfte hätte der Opposition neue Energie zugeführt, sagte ein Gadafi-Kritiker in Libyen. Ein Regimegegner sagte am Sonntag: "Wir wollen, dass Gadafi geht. Wir wollen Freiheit... Wir wollen Demokratie." Der Blutzoll in Libyen ist hoch. Augenzeugen sprachen von einem Massaker in Benghazi, der zweitgrößten Stadt des Landes. Dort hätten Soldaten am Samstag mit scharfer Munition und mit Panzerfäusten auf Demonstranten und Wohnhäuser gefeuert.
Die Scharfschützen sollen dabei mindestens 12 Menschen getötet haben. In anderen Berichten war von Dutzenden Opfern die Rede. Eine Augenzeugin sagte, vor ihrem Haus habe sie 25 Leichen liegen sehen. Die Soldaten seien keine Libyer gewesen, sondern "Söldner" aus Mali. Auch aus der Küstenstadt Misurata waren am Samstag Massenproteste gemeldet worden. Dort gingen nach Angaben der Nationalen Front zur Rettung Libyens Tausende von Regierungsgegnern auf die Straße und riefen immer wieder "Nieder mit Gadafi". Berichte über Unruhen gab es aus der Hauptstadt Tripolis.
Festnahmen wegen "Destabilisierung des Landes"
Die libyschen Behörden haben am Samstag nach offiziellen Angaben weiters Dutzende Mitglieder eines arabischen "Netzwerks" zur Destabilisierung des Landes festgenommen. Die in mehreren Städten des Landes festgenommenen Agenten seien ausgebildet gewesen, "die Stabilität Libyens, die Sicherheit der Bürger und die nationale Einheit" zu beschädigen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Jana. Zu der Gruppe hätten Tunesier, Ägypter, Sudanesen, Palästinenser und Syrer sowie Türken gehört.
Die Ermittler würden nicht ausschließen, dass Israel hinter dem Netzwerk stecke, berichtete Jana. Man vermute eine Verschwörung. Den Festgenommenen wird demnach "Anstiftung zu Plünderungen und Sabotage, etwa durch Brandstiftung in Krankenhäusern, Banken, Gerichten, Wachen der Polizei und der Militärpolizei sowie öffentlichen und privaten Gebäuden" vorgeworfen. Mit Verweis auf die seit Dienstag anhaltenden landesweiten Unruhen schrieb Jana, die Verdächtigen hätten versucht, aus Polizeistationen Waffen zur eigenen Verwendung zu erbeuten.
Zahl der Todesopfer unklar
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtet, dass seit Beginn der Proteste gegen das Gadafi-Regime mindestens 84 Menschen von den Sicherheitskräften getötet wurden. Beim arabischen Nachrichtensender Al Jazeera und bei CNN war unter Berufung auf Augenzeugen sogar von 200 Toten die Rede. Wegen der Abschottung des Landes ist die wirkliche Lage jedoch schwer einschätzbar.
Gadafi, der seit 1969 an der Macht ist, und einen extremen Kult um seine Person betreibt, verlässt sich unter anderem auf eine Einheit der Armee, die sein Sohn Chamies leitet. Für einen anderen Teil der Streitkräfte ist sein Sohn Mutassim zuständig. Seinen Sohn Seif al-Islam werden eigene politische Ambitionen nachgesagt. In Libyen sind Parteien verboten.
Entspannung in Bahrain
In Bahrain gab es erste Zeichen der Entspannung - dort erhielt die Armee den Befehl zum Rückzug von den Straßen, der Kronprinz erhielt den Auftrag zum Dialog. Am Samstag telefonierte der Nationale Sicherheitsberater Tom Donilon mit Kronprinz Scheich Salman bin Hamad al-Khalifa, um erneut die Gewalt gegen Demonstranten zu verurteilen, wie das Weiße Haus in Washington mitteilte.
Kronprinz Al-Khalifa ist zugleich stellvertretender Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Er hatte am Samstag die Streitkräfte aus den Straßen und Wohngebieten des Landes zurück in die Kasernen beordert. Anstelle des Militärs solle nun wieder die Polizei für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgen. Im Königreich Bahrain am Persischen Golf blieb die Lage zwei Tage nach der blutigen Niederschlagung der Proteste in der Hauptstadt Manama am Samstag angespannt. Auf dem zentralen Lulu-Platz werde weiter demonstriert, berichtete der britische Sender BBC am Sonntagmorgen.
Die Außenminister der Europäischen Union wollten am Sonntagabend und am Montag in Brüssel die Lage in der arabischen Welt erörtern. Österreichs Ressortchef Michael Spindelegger wird nicht dabei sein, da er sich derzeit zu einem offiziellen Besuch in Australien aufhält.











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