Ägypten-Unruhen

Österreicherin in Kairo: "Die Leute sind so westlich!"

Ausland
10.02.2011 12:06
Viele Tage und Nächte hat Julia Eder auf dem Tahrir-Platz in Kairo verbracht. Die 19-jährige Österreicherin lebt seit August in Ägyptens Hauptstadt, um in einem Auslandsjahr Arabisch zu lernen. Zuletzt hat sie dort "einige brenzlige Situationen" erlebt: So geriet sie ins Schussfeld der Polizei oder wurde von Pro-Mubarak-"Kriminellen" attackiert. Und dennoch geht sie jeden Tag auf den zentralen Platz: "Mit diesen Leuten zusammen zu sein, ist sehr inspirierend. Sie sind so westlich!", erklärt die Studentin - und fügt hinzu: "Ich habe überhaupt keine Angst."

Viele Ausländer, aber auch wohlhabende Einheimische flüchteten angesichts der Unruhen in Ägypten. Eder hätte ebenfalls Grund genug dazu. Etwa am Freitag der ersten Protestwoche, als sie in ihrem Wohnviertel Zamalek mit einem Demonstrationszug mitging und von der Polizei beschossen wurde. Sie sah, wie ein US-Amerikaner von Kopf bis Fuß durchlöchert wurde und eine Ausländerin so stark blutend liegen blieb, dass sie das wohl nicht überlebte.

Von Mubaraks Mob bedroht
Und Mittwochnacht vorige Woche wurde Eder von sogenannten Pro-Mubarak-Demonstranten auf dem Tahrir-Platz umzingelt. "Wir bringen dich um!" und "Scheiß Journalisten!" riefen die Männer und zogen die Messer. "Ich bin voll wütend geworden. Ich habe alle arabischen Schimpfwörter, die ich so drauf gehabt hab, auf sie losgelassen", erklärt Eder. Es gab zudem andere, die ihr in dieser Situation beistanden. So konnte sie sich vor "dem Mob" retten.

"Wir müssen friedlich bleiben!"
"Das waren bezahlte Leute", sagt Eder: teils Polizisten, teils Kriminelle und Zivilisten, die um umgerechnet 20 Euro, was für sie "wahnsinnig viel" Geld sei, "Jagd auf Ausländer machten". Diese Provokation sei Strategie des Regimes von Präsident Hosni Mubarak gewesen, um an der Macht zu bleiben. Ausschreitungen hätten Legitimation geben sollen, die Proteste niederschlagen zu können, und Journalisten sollten dies nicht dokumentieren. Doch die Rechnung ging nicht auf: Der internationale Druck wurde offenbar zu groß, die Angriffe auf Ausländer ließen nach. Auch die Demonstranten wollen dem Regime keine Grundlage für Gewalt liefern. Selbst wenn einer wütend wird und nach Waffen greifen will, versuchen andere zu kalmieren: "Wir müssen friedlich bleiben!", betonen sie.

Bis zu jenem Mittwoch war Kairo für Ausländer "sicher", erklärt Eder. "Ich trage meine blonden Haare immer offen", weil "Ausländer werden nicht angegriffen". Nach der Erfahrung hat die Studentin ihr Verhalten leicht geändert: Sie meidet den Tahrir-Platz in der Nacht, tagsüber ist aber weiterhin immer dort und filmt die Proteste für ihren Kanal auf YouTube.

Muslime und Christen vereint
Enthusiastisch erzählt Eder vom Tahrir-Platz, vom Zusammenhalt der Menschen, von der bunten Vielfalt der Demonstranten und von großer Hilfsbereitschaft. Geschäfte rund um den Platz teilen Getränke und Nahrungsmittel aus: "Viele haben gesagt, selten waren sie so satt wie jetzt." Die Österreicherin berichtet außerdem vom friedlichen Umgang zwischen Muslimen und Christen auf dem Platz. "Sobald der Imam gerufen hat, wurden die Straßenschlachten gestoppt." Doch als die Gläubigen wieder aufstanden, verlor die Polizei laut Eder ihre Skrupel. Um die Muslime nach dem Gebet vor Übergriffen zu bewahren, stellten sich Christen rund um sie auf. Und umgekehrt: Am Sonntag bildeten Muslime einen Schutzwall rund um Christen, die auf dem Tahrir-Platz eine Messe abhielten, erzählt die 19-Jährige und betont auch die Dankbarkeit und Freude der sich Auflehnenden, dass Ausländer wie sie ihre Botschaft in die Welt hinaus tragen. Die Botschaft, die da lautet: "Weg mit Mubarak."

"Sie wollen keinen islamischen Staat"
Dass Präsident Mubarak tatsächlich zurücktritt, glauben die wenigsten, mit denen Eder gesprochen hat. Den Friedensnobelpreisträger und ehemaligen Chef der Atombehörde IAEO, Mohamed ElBaradei, können sich viele lediglich als Interimspräsidenten vorstellen. "Aber dass er der große Retter wäre? So viel Vertrauensvorschuss kriegt er nicht." Eine Machtübernahme der Muslimbrüderschaft ist laut Eder ebenso unwahrscheinlich: "Die Menschen hier in Kairo sind so westlich, die wollen keinen islamischen Staat." Unwahrscheinlich erachtet die Österreicherin auch, dass aus der Protestbewegung eine politische Partei entstehen könnte. Die Demonstrationen seien zwar sehr gut organisiert, die Jugendbewegung sei jedoch "sehr strukturlos. Und es gibt auch keinen Anführer".

Eder will trotz der Unruhen ihr Auslandsjahr in Kairo absolvieren. Dass das Außenministerium in Wien eine Reisewarnung für Ägypten ausgesprochen hat, weiß sie. Mit Mitarbeitern der österreichischen Botschaft in Kairo war die Studentin mehrmals in Kontakt. Sie erkundigten sich nach ihr, fragten sie, ob sie zu essen und zu trinken habe, und boten ihr einen Rückflug an. Doch Eder, die wegen eines Termins für das vergangene Wochenende tatsächlich nach Österreich flog, ist mittlerweile wieder nach Kairo zurückgekehrt. "Es ist nicht wie in Bagdad."

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