12.05.2021 06:00 |

Hilft runder Tisch?

Gemeinsam Gewalt an Frauen verhindern

Da muss endlich etwas geschehen! Allein heuer wurden elf Frauen von ihren Männern bzw. Ex-Partnern ermordet. Die Politik ruft zum runden Tisch. Ob da viel rauskommt, ist fraglich. Vorschläge von Experten, die mit Opfern und Tätern arbeiten, gibt es seit Jahren. Wir haben zwei von ihnen gefragt, wie die Lage aussieht und was man tun könnte. Hilft uns jetzt ein runder Tisch weiter?

Andrea Brem (Wiener Frauenhäuser): Wir hatten ja schon vor zwei Jahren eine riesige Themensammlung unter damals noch Staatssekretärin Karoline Edtstadler (ÖVP), damals haben über 100 Experten Ideenvorschläge zusammengetragen. Davon ist fast nichts umgesetzt worden. Aber natürlich ist es gut, eine Möglichkeit für neue Anregungen zu haben.

Alexander Haydn (Männerberatung Wien): Der runde Tisch kann nur der Beginn sein. Wie Andrea sagt: Wir waren ja schon so weit. Davon ist kaum etwas übrig geblieben, und das, was blieb, ist mangelhaft.

Was blieb denn?
Haydn: Etwa die Beratungsstellen für Gewaltprävention. Die Ausschreibung ist zweimal zurückgezogen und wieder ausgeschrieben worden mit einem sehr eigenartigen Verständnis von Täterarbeit. Jeder Weggewiesene bzw. mit einem Betretungsverbot sollte diese Beratung machen. Die Stellen sollten mit 1. 9. operativ tätig werden, bisher ist noch nicht einmal das Vergabeverfahren beendet.

Brem: Und hier geht es um sechs Stunden Beratung. Uns ist nicht klar, was in dieser kurzen Zeit groß bei den Männern passieren soll. Wir haben auch Sorge, dass hier letztlich Leute Betroffene betreuen, die nicht aus der Praxis kommen, keine psychosozialen Ausbildungen haben. Täter sind nicht blöd, sie sind raffiniert und manipulativ, wenn man das nicht erkennt, könnte das Opfern mehr Probleme bringen, als dass man ihnen hilft.

Wo hapert es denn?
Brem: Viele Gerichtsverfahren werden eingestellt. Was mitspielt, ist die Beweissammlung, die ist letztlich dem Opfer vorbehalten. Dazu bräuchten wir dringend gerichtsmedizinische Institute, es gibt viele Verletzungsspuren, die nur ein Gerichtsmediziner erkennen und einordnen kann, etwa Einblutungen in den Augen, wenn jemand gewürgt wird.

Die Gerichtsmedizin hat aber Nachwuchsprobleme.
Brem: Ja. Das Mindeste, was man tun kann, wäre, Ärzte entsprechend fortzubilden. Es gibt jetzt auch einen Erlass, dass die Staatsanwaltschaften auch abseits der Opferaussage nach Beweisen suchen sollen. Das wäre für die Opfer entscheidend, weil sie die Last, dass sie allein verantwortlich dafür sind, ob der Mann eine Verurteilung bekommt, nicht allein tragen.

Haydn: Man muss aufhören, Opferschutz und Täterarbeit getrennt zu sehen. Die Arbeit bei Gewalt in der Familie muss vernetzte Arbeit sein. Österreich war ein Vorreiter in der Gewaltschutz-Gesetzgebung, mittlerweile wurden wir überholt von Ländern, die diese Konzepte auch umgesetzt haben.

Was braucht es bei uns?
Haydn: Wir brauchen eine bundesweite Sockelförderung bzw. Grundförderung. Männerberatung ist Prävention! Mit jedem Mann, der es schafft, irgendwohin zu gehen und über seine Probleme zu sprechen, dieser Sprachlosigkeit zu entfliehen, wird das Gewaltrisiko gesenkt. Wer mehr braucht, bekommt ein einjähriges Anti-Gewalttraining, ist es ein junger Erwachsener oder ein Jugendlicher: zwei Jahre.

Brem: Es ist enorm wichtig, dass man junge Leute in solche Trainings schickt, die haben noch ein langes Leben vor sich. Es braucht überhaupt Präventionsworkshops und Trainings für Kinder, Schüler, Jugendliche. Da gehört Geld in die Hand genommen.

Wie sieht es überhaupt mit der Finanzierung aus?
Brem: Es muss überhaupt einmal klar sein, dass Opferschutzeinrichtungen abgesichert sind. Wir wissen bei Bundesförderungen oft nicht, ob wir nächstes Jahr überhaupt Geld bekommen.

Haydn: Die Politik muss erkennen: Es ist wichtig, hier Geld in die Hand zu nehmen. Und es braucht mehr Geld! Es braucht auch mehr Angebote.

Ein Beispiel?
Haydn: Wir haben zu Beginn der Krise ein Krisentelefon für Männer unter 0720/70 44 00 eingerichtet. Der Betroffene ruft an, und wir leiten im Bedarfsfall weiter, so dass er letztlich so versorgt ist, wie er es braucht. Dafür gibt es gar kein Geld, das wird ehrenamtlich betreut. Das kann nicht die Dauerlösung sein.

Wo muss man ansetzen?
Brem: Wichtig ist die Präventionsarbeit schon für Kinder. Aber auch Schulungen von Ärzten, denen ist noch gar nicht bewusst, welche wichtige Rolle sie hier als Kontakt für betroffene Frauen spielen. Und die Opferschutzgruppen in Spitälern, die es bereits lange geben sollte, sollte es nun wirklich flächendeckend geben.

Haydn: Eine Änderung des Waffengesetzes ist gut, auch eine Ausweitung der Prozessbegleitung für Kinder. Aber es braucht auch entsprechende Schulungen von Staatsanwälten und Richtern. Es muss hier überhaupt einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz geben, dass Gewalt in der Familie ein Phänomen ist, das es in Österreich gibt, die letztlich in einem Mord enden kann - aber diese Fälle sind ja nur die Spitze des Eisberges.

Brem: Und die Zivilgesellschaft kann sich hier nicht ausnehmen - dieses „Das ist privat, da schau ich weg“ ist noch viel zu sehr in uns verankert.

Von Möglichen Anzeichen bis zum Mord

Im Vorjahr wurden 31 Frauen von ihren (Ex-)Partnern bzw. Familienangehörigen in Österreich ermordet, heuer sind wir bereits bei - je nach Zählweise - elf. Und oft mussten die Kinder zusehen, wie ihre Mütter starben. Schaut man sich die Situationen näher an, gab es davor Anzeichen, wie etwa vorangegangene Gewaltvorfälle. 2020 wurden 11.652 Betretungs- und Annäherungsverbote von der Polizei verhängt (2019: 8748). 2019 wurden 19.943 Opfer familiärer Gewalt von den Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen betreut, 80 Prozent waren Frauen, 90 Prozent der Gefährder waren männlich.

Silvia Schober
Silvia Schober
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