06.01.2021 18:01 |

Mutationen nachspüren

Corona an Schulen: Infektionsrate verdreifacht

Wie weit verbreitet ist das Coronavirus an Österreichs Schulen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung? Dieser brennenden - und immer wieder heftig diskutierten - Frage gehen heimische Forscher in einer SARS-CoV-2-Monitoringstudie nach. Vorläufiges Fazit: Rund 1,5 Prozent positive Ergebnisse erbrachte die zweite Runde - die Erkrankten-Rate - Prävalenz genannt - war somit unter Schülern und Lehrern zum Testzeitpunkt Mitte November um mehr als das Dreifache (!) höher als in der ersten Runde (bis 22. Oktober). Der Wert habe eine „ähnliche Größenordnung“, wie es ihn zu diesem Zeitpunkt in der Gesamtbevölkerung gab, so die Studienautoren, die nun auch darauf drängen, gezielter Virus-Mutationen zu identifizieren ...

An Volksschulen, Mittelschulen und AHS-Unterstufen wird von Forschern der Medizinischen Universitäten Graz und Innsbruck, der Uni Linz und der Uni Wien mithilfe von Gurgeltests das ganze Schuljahr über die Häufigkeit aktiver Corona-Infektionen bei Schülern und Lehrern in ganz Österreich erhoben. Geplant sind insgesamt zehn Durchläufe. In der ersten Runde wurden im Zeitraum von 28. September bis 22. Oktober 40 von über 10.000 Teilnehmern positiv getestet (Prävalenz: 0,39 Prozent). Die zweite Erhebung lief nur von 10. bis 16. November, da sie vom 17. an vom neuerlichen Lockdown mit umfassenden Schulschließungen gestoppt wurde.

Fakten

Prävalenz: Rate der zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einem bestimmten Zeitabschnitt an/mit einer bestimmten Krankheit Erkrankten/Infizierten (im Vergleich zur Zahl der Untersuchten) in Prozent.

Bis dahin wurden aber immerhin in fünf Bundesländern (Niederösterreich, Burgenland, Oberösterreich, Vorarlberg und Wien) 3745 Schüler und Lehrer getestet, von denen sich 53 als Träger des Erregers SARS-CoV-2 entpuppten, erklärte das Team um den wissenschaftlichen Koordinator der Studie, den Mikrobiologen Michael Wagner von der Uni Wien. Das ergebe eine Prävalenz von 1,44 Prozent - also eine Beinahe-Verdreifachung des Vergleichswerts!

Prävalenz in Schulen und in Gesamtbevölkerung nun in etwa gleich
Lege man die Ergebnisse der ebenfalls vom Bildungsministerium mitinitiierten Prävalenzstudie von Statistik Austria mit dem fast identen Erhebungszeitpunkt (12. bis 14. November) auf das Design der Schulstudie um, komme man auf einen Vergleichswert von 2,12 Prozent in der Gesamtbevölkerung über 16 Jahre. Aufgrund der etwas geringeren Sensitivität durch das Zusammenfassen von bis zu zehn Proben in „Pools“ und anderer Faktoren unterschätze das Schulmonitoring „ganz bewusst Prävalenz ein Stück weit“, sagte Wagner, der die beiden Werte in etwa auf vergleichbarem Niveau sieht.

Höhere Positiv-Rate unter sozial Schwachen
Die Verdreifachung des Wertes aus der ersten Runde hob Peter Willeit von der Medizinischen Universität Innsbruck hervor. Eine höhere Sieben-Tages-Inzidenz in einer Region sei demnach auch mit einem etwas erhöhten Positiv-Anteil an dortigen Schulen einhergegangen. An Standorten mit höherer sozialer Benachteiligung wurde eine in etwa doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit ermittelt, auf einen unerkannten Infektionsfall zu stoßen, erklärte der Epidemiologe.
Das soziale Umfeld sei mitentscheidend, wenn etwa ein Kind aus einer Familie mit Eltern in prekäreren Dienstverhältnissen eher auch mit milden Symptomen in die Schule geschickt wird, so Willeit.

Wenig Sensibilität für Thema „Covid-19“
Gerade über sozial benachteiligte Schulstandorte, die naturgemäß oft in größeren Ballungsräumen liegen, müsse man sich auch im Zusammenhang mit der Covid-Krise Gedanken machen, erklärte der Generalsekretär im Bildungsministerium, Martin Netzer. Man wisse etwa, dass in vielen Elternhaushalten wenig Sensibilität auf das Thema „Covid-19“ gelegt wird.
 Man müsse daher an stärker gefährdeten Schulen „mehr Testmöglichkeiten schaffen“.

Zitat Icon

Mit den neuen Varianten (des Coronavirus, Anm.) wird man mehr auf Schulen schauen müssen.

Mikrobiologen Michael Wagner von der Uni Wien

Virus-Mutationen nachspüren
Der nächste Durchlauf der Gurgelstudie ist ab 18. Jänner geplant - vorausgesetzt der Präsenzunterricht beginnt dann tatsächlich wieder.
Die dritte Studien-Runde wird zudem fix um die Analyse des gefundenen Viren-Erbguts erweitert, so die Studienleiter, um gegebenenfalls Virus-Mutationen zu identifizieren. Erste Daten aus Großbritannien zu der dort aufgetauchten Virusvariante würden etwa darauf hinweisen, dass Kinder und jüngere Menschen damit leichter infiziert werden könnten, so Wagner: „Mit den neuen Varianten wird man mehr auf die Schulen schauen müssen.“

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