29.11.2020 06:00 |

Terror-Nacht in Wien

„Ich dachte, ich muss jetzt sterben“

Am Montag vor vier Wochen verübte ein radikaler Islamist in Wien ein Attentat. Bei dem vier Menschen ermordet und viele andere schwer verletzt wurden. In der „Krone“ spricht nun eine Zeugin der „Horror-Nacht“. Über ihr Trauma. Und über ihren Drang, für die Opfer zu beten: „Ich weiß, sie sind jetzt im Himmel.“

Andrea M. hat schon viel gesehen in ihrem Leben. Durch ihren Beruf – Stewardess – lernte sie mit den Jahren, wie sie sagt, „fast alle Länder dieser Welt kennen“, und damit auch Krisenregionen. Staaten, in denen Anschläge verübt werden. „Ich war stets froh, wenn ich aus diesen Gebieten wieder wegkam.“ Zurück in die Sicherheit. „In Österreich habe ich mich natürlich immer sicher gefühlt.“ Und nie hätte sie gedacht, „dass ich in meiner Heimat in Terrorgefahr kommen könnte.“

Und dann ist das doch geschehen, am 2. November.

„Und dann hörten wir Menschen schreien“
Als ein fundamentalistischer Islamist mit einem Sturmgewehr durch die Wiener Innenstadt lief, wahllos auf Menschen schoss; vier tötete und unzählige weitere – zum Teil schwer – verletzte.

Spontan hatte sich die 45-Jährige am Tag vor dem Gastro-Lockdown mit ein paar Freunden verabredet: „Es ist damals ja so wunderbar warm gewesen. Corona würde uns im Freien nichts anhaben, meinten wir. Und deshalb beschlossen wir, uns am Abend in einem Gastgarten zu treffen.“ In dem der Campari-Bar in der Seitzer-Gasse. „Wir saßen dann also draußen, hatten gerade Pizza gegessen – als kurz nach 20 Uhr eine meiner Begleiterinnen von ihrer Tochter einen alarmierenden Anruf bekam.“ In der Innenstadt fände gerade ein Anschlag statt...

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Da wurde uns klar, dass tatsächlich etwas Schreckliches geschehen sein musste

Andrea M.

„Zuerst dachten wir, das Mädchen hätte im TV einen Film gesehen und Fiktion mit Realität verwechselt. Aber wenige Sekunden später sahen wir auch schon unzählige Menschen – von der Tuchlauben kommend – an uns vorbeilaufen, sie schrien in Panik: ,Versteckt euch, versteckt euch schnell!‘ Da wurde uns klar, dass tatsächlich etwas Schreckliches geschehen sein musste.“

Kellner leiteten in der Folge die Gäste rasch in den Keller des Lokals, „dort harrten wir eine Zeit lang aus; im Schock, dicht aneinandergedrängt. Ich bin Risikopatientin, hatte auch noch entsetzliche Angst davor, mich mit Covid zu infizieren. Ich flüchtete deshalb in eine Toilette und verschloss die Türe dazu.“

Bis WEGA-Beamte kamen „und uns alle ins nahegelegene ,Schwarze Kameel‘ brachten“, in einen Veranstaltungsraum im Obergeschoß: „Die Situation war surreal. Frauen und Männer saßen am Boden. Manche von ihnen tranken, aßen, rauchten, redeten ruhig miteinander. Andere wiederum wirkten völlig verstört und hielten die Hände vor ihre Gesichter. Ich fand schließlich eine Art Herrenzimmer, in das ich mich zurückzog.“

„Ich rede viel über das entsetzliche Drama“
Und Andrea M. begann zu telefonieren, mit ihrem Bruder – er ist Polizist; mit Freunden, die daheim vor ihren Fernsehern saßen: „Sie alle beschworen mich, zu bleiben, wo ich war. Denn der Terrorist ist zwar mittlerweile tot gewesen, doch es wurde vermutet, dass es weitere Täter geben könnte.“

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Ich verkroch mich in mein Bett und weinte.

Andrea M.

Die Gefühle, die Handlungen der 45-Jährigen während dieser bangen Stunden: „Ich hatte Beklemmungen – und ich betete zu Gott. Denn er hatte mir ja davor schon oft geholfen, in schlimmen Situationen.“ Um etwa 4 Uhr Morgens „durfte ich endlich nach Hause. Ich verkroch mich in mein Bett und weinte.“

Tagelang habe sie sich danach kaum getraut, ihre Wohnung zu verlassen, „ich konnte nicht schlafen, nicht essen. Dauernd liefen Tränen aus meinen Augen. Und ich hatte den ständigen Drang, mich zu waschen.“ Lange Gespräche mit Vertrauten und einem Priester hätten Andrea M. letztlich die Kraft gegeben, mit dem Drama – zumindest ansatzweise – fertig zu werden. Und ihr tiefer Glaube.

„Ich weiß, dass die Opfer des Anschlags jetzt im Himmel sind.“ Und der Attentäter? „Er wird wohl im Tod seine Strafe bekommen, für sein entsetzliches Verbrechen.“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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