11.11.2020 06:00 |

„Krone“-Interview

Wiener Blond: Ewig mit der Nacht verbunden

Corona-bedingt lässt sich in der Nacht derzeit relativ wenig anstellen, davon lassen sich Wiener Blond aber nicht beeindrucken. Verena Doublier und Sebastian Radon zelebrieren auf ihrem dritten Album „Bis in der Früh“ nicht nur das Nachtleben in all seinen Facetten, sondern machen sich auch - humorig - Gedanken über Ernährung, Social-Media-Verhalten und Nostalgie. Wir trafen beide zum ausführlichen Interview.

„Krone“: Verena, Sebastian - die Songs für euer neues Album „Bis in der Früh“ habt ihr teils vor Corona, teils währenddessen geschrieben. Ist das Timing, dieses Album nun Mitte November zu veröffentlichen, das richtige?
Verena Doublier:
Wir haben uns in den letzten acht Monaten viele Taktiken überlegt, wurden aber immer eines Besseren belehrt. Die beste Strategie ist jene des Virus - einfach immer weitermachen. (lacht)
Sebastian Radon: Die Themen auf dem Album sind zeitlos. Da ist es egal, ob man die Songs vor, während oder nach der Pandemie veröffentlicht.

„Bis in der Früh“ geht momentan einmal relativ wenig. Hat der Albumtitel durch Corona eine andere Bedeutung bekommen?
Doublier:
Grundsätzlich kann man ganz viele Dinge bis in der Früh machen. Nicht schlafen gehen, zu lange Netflix schauen oder vorm Handy sitzen. Wir haben keinen roten Faden, der sich durch alle Songs zieht, aber wir reflektieren stark auf das Nachtleben. Wir haben das auch musikalisch auf eine neue Art umgesetzt.

Auf dem Cover-Artwork seid ihr zumindest draußen zu sehen - so privat ist die Botschaft also nicht.
Doublier:
(lacht) Das stimmt, wir befinden uns auf einem Dach.
Radon: Es ist ein Frischluft-Cover und insofern passt es doch ganz gut zur Pandemie.

„Guten Morgen Wien“ leitet das Album ein. Ist Wien für euch eine verschlafene Stadt? Oder ist sie dem Puls anderer Großstädte gewachsen?
Radon:
Wien ist beides. Es ist modern und hat auch seine verschlafenen Seiten. Bei den alten Alben haben wir mehr die nostalgische Seite beleuchtet, aber dieses Mal wollten wir eine frische, neue Seite abbilden.
Doublier: Das Wien der 90er-Jahre finde ich noch in Simmering, aber bei mir ums Eck in der Leopoldstadt hat sich sehr viel getan. Es gibt schon noch verschlafene Ecken, aber man muss sie suchen. Wien wächst stark und manchmal schneller, als es erträglich ist. So ist die Veränderung natürlich, aber ich will das nicht werten. Ich beobachte einfach nur. Man kann das alte Wien suchen und sich dem hingeben, aber wir wollten uns anders ausleben.
Radon: Man entwickelt sich mit der Stadt mit und so bemerke ich die Veränderungen gar nicht so.

Die Nacht, das Nachtleben und Dinge, die man nachts macht, ziehen sich aber trotzdem relativ stringent durch dieses Werk.
Doublier:
Diesen Faden kann man durchziehen. „Guten Morgen Wien“ entstand als letzte Nummer und eröffnet das Album. Hier schließt sich der Kreis und es fühlte sich logisch an. Uns war es aber wichtig, Wien nicht mehr so ganz direkt anzusprechen. Eher die Erlebnisse, die wir in einem urbanen Umfeld machen. Hier sind wir groß geworden und gereift und diese Eindrücke verarbeiten wir. Unsere Musik hat einen urbanen Hintergrund. Am Debüt hatten wir Beatboxing und Hip-Hop-Referenzen und selbst das Wienerlied kann man als urbane Volksmusik bezeichnen.

Nach eurem Live-Ausflug mit dem Wiener Salonensemble sind die modernen Klänge wieder zurückgekehrt. Das war eigentlich auch erwartbar.
Radon:
Es war ein Ausflug, der noch Bestand hat, weil wir mit dem Ensemble weiter auftreten wollen. Das ist aber eine in sich geschlossene Sache, die sicher auch neue Lieder bringt. In erster Linie wollen wir aber musikalisch weiterforschen. Wir haben erstmals mit Albin Janoska zusammengearbeitet und es war spannend einen dritten Musiker im Boot zu haben, der die Arrangements sehr stark prägte.

Wie sehr hat er als dritte Person das übliche Konzept von Wiener Blond aufgebrochen?
Radon:
Es war spannend zu sehen, was er mit unseren Nummern macht. Er hat sehr reduziert gedacht und die Beatbox-Elemente schnell reingeflochten. Hauptsächlich ist er Tasteninstrumentalist und es war spannend, seine Version von unseren Wohnzimmersongs zu hören. Natürlich gab es Diskussionen über die Ausrichtung und die Arrangements, aber hier ist das Album, wir haben uns geeinigt. (lacht)
Doublier: Wir drei haben uns die Frage gestellt, wie Popmusik klingen kann, wenn sie aus Wien kommt. Der Kern mit Beatboxing, der Loop-Station und unseren Stimmen ist aber der gleiche wie anfangs vor acht Jahren. Manchmal haben wir uns etwas weiter aus dem Fenster gelehnt, aber das gehört zum Songwriting dazu. Der Ausbruch mit dem Salonensemble war uns auch wichtig.

Hat euch dieser Ausflug dazu ermutigt, noch mehr zu experimentieren und euch im Wiener Blond-Kontext mehr zuzutrauen?
Doublier:
Scheuklappen hatten wir nie, aber nur selten das Bedürfnis, mit vielen Musikern zu arbeiten. Das kann manchmal schon anstrengend sein. (lacht) Andererseits bekommt man daraus mehr zurück und bei den neuen Songs werden wir vermehrt mit Schlagzeug und Bass auftreten. Natürlich werden wir den einen oder anderen Hadern zu zweit performen, aber das Duett haben wir etwas aufgebrochen.
Radon: Die Kooperation mit dem Salonensemble hat sich daraus entwickelt, dass viele Songs die Streicher schon in sich hatten. Es lag an der Hand, dahingehend zu arbeiten. „Bis in der Früh“ ist ein Album, wo wir wieder auf die Suche gehen, wie wir eigentlich klingen. Man ist ständig neugierig, wie man klingen kann und wie weit man gehen kann. Wir kommen uns selbst immer näher. (lacht)

Das dritte Album ist nicht nur das, mit dem man laut Klischee den Durchbruch schaffen sollte. Es ist auch jenes, das eine Band und ihre Identität im Endeffekt definieren müsste.
Doublier:
Ich finde schon, dass wir uns gefunden haben. Wir kennen die Möglichkeiten, die zu uns passen und wo wir uns wohlfühlen. Wir wissen, was uns wichtig ist und wovon wir gerne Abstand nehmen. Der A-Cappella-Sound entstand am Anfang aus der Not, aber er war nie unser Ziel. Davon haben wir uns wegentwickelt. Das wäre mir zu viel Nische gewesen, wir wollen einfach Popmusik machen. Wir haben uns jetzt sehr viel Zeit gelassen und hatten doch Respekt vor dem dritten Album. Man will sich nicht wiederholen, aber auch nichts machen, mit dem man sich dann nicht wohlfühlt.

Vor fünf Jahren habt ihr mit Extremschrammler Roland Neuwirth auf Ö1 eine anregende, lange Diskussion zum Thema Wienerlied gehabt…
Doublier:
Das war exakt bei der letzten Wien-Wahl, wo Michi Häupl noch Bürgermeister war. (lacht) Neuwirth hat von Anfang an gesagt, wir machen keine Wienerlieder.
Radon: Wir haben das mit gewissen Songs sicher provoziert und ich fand die Diskussion gut. Die große Diskussion, was das Wienerlied überhaupt ist, die endet ohnehin nie. Ich schätze Roland Neuwirth als Musiker sehr, er weiß unheimlich viel. Man kann mit ihm gut über Dinge reden.

Wie alles andere auf der Welt ist auch das Wienerlied im Wandel. Es muss nicht mehr gleich definiert werden wie vor 60 oder 70 Jahren.
Doublier:
Und da sind wir schon voll in der Thematik. (lacht) Für mich klassifiziert das Wienerlied einen gewissen Volksmusikcharakter, der aus der Tradition gewachsen ist. Das ist meine persönliche Ansicht über das Wienerlied. Unsere Musik ist deshalb so weit weg, weil unser Sound aus dem Rhythm & Blues, Beatboxing und Pop kommt. Beim Wienerlied sind Gesang und Sprache das Wichtigste, in der Gegend bewegen wir uns auch. Aber im Gegensatz zu Ernst Molden oder 5/8erl in Ehr’n nehmen wir viel mehr Anleihen bei der US-Musik. Man öffnet natürlich gerne Schubladen und das ist auch kein Nachteil. Wir kokettieren zwar mit dem Wienerlied, sehen uns aber nicht in dessen Tradition.

Die Texte sind zu einem großen Teil wieder mit viel Humor durchzogen. Etwa „Palawa Mi“, wo der eine in der Unterhaltung eh alles besser weiß und das Gegenüber genervt ist. Fast wie in einer klassischen Beziehungssituation.
Radon:
Die Ärzte haben ein Lied namens „Besserwisserboy“ und vielleicht wollte ich unbewusst eine Wiener Version davon basteln. Diese Phrasen, die wir da verwursten, kennt jeder. Der Klischeewiener ist wahrscheinlich ein Besserwisser. (lacht) Es gibt schon eine Tendenz des Wieners, dass er alles besser weiß, auch wenn die Welt etwas anderes behauptet. Das ist wiederum ein Klischee und lässt sich auch nicht so einfach bestätigen.
Doublier: Der Klischeewiener möchte sich mitteilen und ist sicher nicht auf den Mund gefallen. Ob er aber etwas besser weiß, oder nur seine Emotion nach außen tragen möchte, die wenig Widerspruch erlaubt, das ist nicht immer sicher. Im Song geht es aber eher um die eigene Rezeption. Dass man die Meinung der anderen nicht hören möchte oder sie einem generell egal ist. Durch die Social-Media-Plattformen ist dieses Thema extrem verstärkt. Jeder sagt, was er denkt, aber eigentlich ist es komplett wurscht. Prinzipiell geht es um sehr viel heiße Luft.

Eben wie ein Leserbrief früher, nur dass ihn heute jeder selber abdrucken kann. Solche Eruptionen können für Menschen auch befreiend sein, solang man nicht hetzt oder beleidigt.
Radon:
Es gibt den schönen wienerischen Spruch: „Redets in ein Sackl“ - das wäre oft sicher klüger.

Da können wir gleich die Brücke zum Song „Endgerät“ schlagen, der merkbar eine Kritik auf das omnipräsente Smartphone ist. Ist es im Endeffekt einer der Verursacher dafür, dass die Menschen die Fähigkeit des Diskutierens, Akzeptierens und Respektierens verlieren?
Radon:
Es schwenkt vielleicht auch wieder in die andere Richtung aus. Auf Netflix gibt es die Dokumentation „The Social Dilemma“ und wenn man nur die Hälfte davon sieht, beginnt man schnell viel an dieser Maschinerie zu hinterfragen. Das Zwischenmenschliche ist so viele zigtausende Jahre alt, dass es nicht so einfach durch soziale Medien ruiniert werden kann. Man wird vielleicht unkonzentrierter, aber man kann sich sicher auch rückbesinnen.
Doublier: Digitalisierung verändert die Gesellschaft extrem. Man reflektiert mit dem „Endgerät“ sein eigenes Verhalten und das bewusste Umgehen damit, wird eine wichtige Aufgabe für die Zukunft sein. Konzentrationsfähigkeit ist etwas, was wir dringend brauchen. Auch die Möglichkeit, sich abschotten zu können. Das ist vielen gar nicht mehr möglich - noch nicht einmal bei Leuten, die dir nahestehen. Das muss pädagogisch umgesetzt werden. Wir müssen uns Strategien überlegen, wie wir damit umgehen, damit wir keine komplett digitale Gesellschaft werden.

Ohne Digitalisierung wäre der Alltag in den Lockdowns und der Corona-Pandemie wahrscheinlich auch nicht unbedingt besser. Allein schon das Kontaktehalten, informiert sein, vernetzt bleiben…
Doublier:
Es wäre wohl etwas öde.
Radon: Den Umgang mit Endgeräten habe ich mal mehr, mal weniger im Griff. Beim Digitalfasten wird der Kopf schon freier, aber manchmal will man auch darin versinken. Ich verwende das Handy zwei Stunden vor dem Schlafengehen und zwei Stunden nach dem Aufstehen nicht. Das bringt schon eine deutlich bessere Lebensqualität.
Doublier: Ich bin absolut gegen das Fernsehen, kenne überhaupt keine Serie. Binge-Watching ist für mich völlig unverständlich, weil meine Konzentration für 45 Minuten Stillsitzen nicht reicht. (lacht) Als selbstständige Musikerin ist es aber auch nicht einfach, nicht am Handy zu hängen, denn ständig kommen Aufträge, Probleme oder Fragestellungen rein. Man macht viel zu viel gleichzeitig, das ist eher das Problem. Ich habe immer das Bedürfnis, ein Buch zu lesen, weil mich das am Besten aus der Welt holt.

Natürlich versucht ihr, die Klischees in euren Songs zu vermeiden, aber ist die Versuchung nicht oft groß, auf ihnen zu reiten, weil sie eben oft lustig sind oder ganz einfach zutreffen? In erster Linie denke ich an den Song „Allerlei vom Schwein“ - ist der Österreicher überhaupt dafür geschaffen, die vegetarische Bewegung zu fördern oder schafft er das gar nicht?
Doublier:
(lacht) Das nächste große Problem der Welt.
Radon: Das Lied ist für die Vegetarier und für die Fleischliebhaber. Letzten Endes muss jeder selber wissen, was er tut, aber persönlich können wir nur zu weniger Fleischkonsum aufrufen. Auch wenn das Schnitzel so gut schmeckt. (lacht)

Es geht mir auch nicht um die Grundsatzdiskussion des Ernährungsverhaltens, sondern um das Klischeereiten, dass der Wiener fett und zünftig essen muss, weil es in seiner Natur liegt.
Doublier:
Es macht natürlich Spaß, die Klischees manchmal auszureizen. Der Song war schon ein Highlight mit dem Gersthof-Gospelchor, der mit uns diese Hymne bestreitet. Im Songwriting geht es darum, dass der Zuhörer aus einem Detail, das ich ihm aus meiner Welt eröffne, etwas für sich herauszieht. Bei einem Klischeereiten, wie es auch „Der letzte Kaiser“ ist, findet jeder eine Zeile, die er auf Instagram posten möchte. (lacht) So bekommen Songs ein Eigenleben. Wir haben uns aber sehr bemüht, das nicht bei allen Songs zu machen und Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Man bekommt zudem schon mit, wie es in Wirtshäusern umgeht und was man als Musiker angeboten bekommt.
Radon: Klischees sind ungemein dankbar für Songtexte. Ohne sie wäre es doch ein bisschen langweilig. Vielleicht ist der Text auch das Produkt meiner Erfahrung als Kind. Mein Großvater hat selbst Schweine geschlachtet und ich habe das vom Prozess bis zum Teller mitbekommen. Das hat mich sehr fasziniert, aber ich hinterfrage es wohl erst jetzt. Da kommt die Nostalgie bei der Hintertür herein. (lacht)
Doublier: Beim Song „Chlor“ habe ich etwa bearbeitet, was Gerüche mit einem machen. Wenn man Chlor riecht, befindet man sich gedanklich sofort in einem Schwimmbad. Gerüche bringen so viele Erinnerungen zurück, das ist faszinierend. Manchmal ist man in einem Moment zurückversetzt und weiß gar nicht, welcher es war. Da erscheinen wirre Assoziativketten, aber das ist genau der Schmäh dran.

Ich weiß schon, dass ihr den Song „Schnackerl“ anders meint, aber man kann ihn direkt auf „Allerlei vom Schweinderl“ beziehen. Manchmal hat man das Gefühl, das Sodbrennen wäre das Verdauen des Österreichers.
Doublier:
(lacht) Wenn man will, kann man auch da einen roten Faden finden. Ich selbst bin gottseidank befreit davon, aber ich liebe einfach das Wort Schnackerl. Ich arbeite sehr gerne mit Wörtern, die mir gut gefallen. Ich möchte dann darüber schrieben und arbeite mich an den Möglichkeiten ab. Je weniger naheliegend ein Wort ist, umso besser.

Eure Interpretation ist nicht jene, dass jemand einen vermisst, sondern es geht mehr um die Paranoia, dass einem Finanzamt oder GIS etwas Böses wollen.
Doublier:
Selbstständig zu sein ist in bisschen wie eine Blasenentzündung. Man hat ständig das Gefühl man muss, dabei muss man oft gar nicht. Dieses Gefühl hätte ich vor vier oder fünf Jahren noch nicht beschreiben können, weil ich mich nicht damit beschäftigen musste. Es ist ein sehr erwachsenes Lied, weil man dieses Problem in sein Leben gelassen hat.

Der von euch besungene „Nochboa“ kann hilfsbereit und nett sein, aber auch furchtbar und nervend. Er ist in der Stadt und am Land omnipräsent, aber man weiß nie so recht, ob man ihm trauen kann.
Doublier:
Ich bin immer in Wohnungen gewesen, wo ich meine Nachbarn kaum kannte. Die Leute waren wie eine Idee, die man kennenlernt, wenn sie laut sind oder ihren Müll wegtragen. Wenn man am Land aufwächst ist das ganz anders. Da definiert man sich vielleicht sogar als Gemeinschaft. In der Stadt bringen wir uns als Nachbarn in erster Linie Misstrauen entgegen.
Radon: Das Misstrauen wächst in diesem Jahr stetig, weil man sich denkt, wenn der Nachbar krank ist, kriecht Corona vom Gang rüber. Der Spion in der Eingangstür ist auch so etwas Spezielles. Ist wer draußen? Ist die Luft rein? Ich habe zum Glück positive Erfahrungen gemacht, aber das kann sich auch verändern. Ich bin in Niederösterreich aufgewachsen, war aber viel bei meinen Wiener Großeltern.
Doublier: Das Ländliche ist mir völlig fremd. Es hat sicher sehr viele Vorteile und meine Eltern wohnen auch am Land, wo ich ab und zu bin. Ich bin aber unglaublich gerne in der Stadt und die Umgewöhnung wäre zu stark. Ich bin die Anonymität gewohnt und wirke wohl distanzierter. Wenn mich Leute auf der Straße grüßen weiß ich oft nicht wirklich, wie ich reagieren soll. Es wird erwartet, dass man zurückgrüßt, aber das kommt nicht natürlich. In Wien halten mich Menschen für völlig verrückt, wenn ich auf der Straße grüße. (lacht)
Radon: Wenn ich meine Eltern am Land besuche, weiß das ganze Dorf, dass ich da war. Nur weil ich einmal mit dem Auto durchfuhr. Man sieht die Leute nicht, aber die Leute sehen dich. (lacht)

Was fasziniert euch so sehr am Thema Nacht, dass es sich vom Cover-Artwork über die Texte und teilweise auch die musikalische Stimmung durchzieht?
Doublier:
Wir waren in den letzten sechs Jahren sehr viel wach, weil das Musikerleben einen ganz anderen Rhythmus als andere Existenzen erfordert. Als Musikerin habe ich ein neues Leben kennenlernt. Man hat immer dann zu tun, wenn andere Feierabend haben, was auch neue Herausforderungen birgt. Wir wollten uns musikalisch aus dem Fenster lehnen und uns auch textlich neu orientieren.
Radon: Zwischen dem Alter von 20 und 30 verbringt man viel Zeit in der Nacht wach. Die Gründe, warum man wach ist, verändern sich aber. Weg von wilden Partys hin zu Schlafproblemen. (lacht) Oder Netflix-Marathons.
Doublier: Seit Corona schlafe ich wieder sehr gut. Das Musikerleben besteht - mehr als sonst - aus warten und hoffen, dass man was machen darf. Ein kleiner Vorteil, den dieses Virus mitbringt.

Was macht ihr nun, gereifter und älter, am liebsten bis in der Früh?
Doublier:
(lacht) Ich schreibe am allerliebsten in der Früh. Ich stehe um 6 auf und nutze die ersten Stunden des Tages, weil es so ruhig ist und noch nichts passiert. Da bin ich jedenfalls am Kreativsten. Auch kurz vorm Schlafengehen. Ich bin ein bisschen anders als die meisten Kreativen, die eher in der Nacht arbeiten.
Radon: Ich lerne gerade die Vorzüge der frischen Luft in den frühen Morgenstunden kennen. Ich bin gerne draußen, wenn es noch kalt ist. Wenn man davor geschlafen hat, nicht nach dem Fortgehen. Vor fünf Jahren hätte ich das sicher nicht gesagt.
Doublier: Ich vermisse es stark, nach dem Weggehen mit dem Taxi über den Ring zu fahren. Es ist eine schöne Sache, weil es so ruhig ist, aber irgendwie auch ein Echo von Dingen, die man davor erlebt hat. Das provoziert einen meditativen Zustand. Natürlich könnte ich das auch jetzt machen, aber während Corona ist es nicht dasselbe.

Live-Shows
So es die Corona-Situation zulässt, spielen Wiener Blond am 18. Dezember im Theater am Spittelberg in Wien. Die große Album-Release-Shows sollen  etwas verspätet stattfinden: am 6. März im Kulturpark Traun, am 11. März im Salzburger Oval, am 25. März im Wiener Globe und am 27. März im Grazer Orpheum. Alle weiteren Infos und Tickets finden Sie unter www.wienerblond.at

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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