12.08.2020 12:00 |

krone.at-Kolumne

Gürtel-Pool: Haben wir keine anderen Sorgen?

Der Pop-up-Pool am Wiener Gürtel rangiert in der Kategorie „Eh lieb“. Ein Mini-Planschbecken auf eine siebenspurige Kreuzung bauen - das kann man machen, muss man aber nicht. Das aber mitten in der Corona-Krise zu tun, ist schon ein Hohn. Haben wir keine anderen Sorgen?

So viel vorweg: Der Pop-up-Pool ist nicht nur schlecht. Es ist charmant, dass eine Großstadt unkonventionelle Projekte umsetzt, außerhalb der Box denkt und auch einmal etwas Neues probiert. Ein bisschen Ibiza-Flair mitten in Wien - wieso eigentlich nicht? Zu Recht hat die „Berliner Zeitung“ die Coolness der Idee und den Mut der Umsetzung gelobt. Kreativ ist das Projekt allemal. Aber das ist nur eine Seite der Medaille.

Wiener halten sich mit Anschaffungen zurück, Stadt baut Hipster-Pool
Die andere ist nämlich, dass wir uns mitten in einer nicht nur Gesundheits-, sondern auch einer Wirtschaftskrise befinden. Die mittelbaren Nachwirkungen des Corona-bedingten Lockdowns stehen noch aus und schon jetzt kämpfen Betriebe ums Überleben und Menschen um einen Job. Während sich der Durchschnittsbürger in dieser Gemengelage mit großen und unnötigen Anschaffungen wohl eher zurückhält, ist es ein ganz falsches Zeichen, 150.000 Euro sauer verdientes Steuergeld für einen temporären (drei Wochen!) Hipster-Pool im Miniaturformat (maximal sechs Personen!) auszugeben. Man muss das so klar sagen.

Das ist Politik aus dem Elfenbeinturm
Dass nun der grüne Teil der Stadtregierung darüber nachdenkt, weitere Pop-up-Pools zu bauen, zeugt auch nicht gerade von der viel zitierten Bürgernähe. Diese Themensetzung inmitten der Corona-Krise wirkt nicht nur abgehoben, sondern auch deplatziert. Viele Wiener haben gerade nicht das Problem, sich an einer viel befahrenen Hauptverkehrsader abkühlen zu müssen, sondern wie sie diese schwierige Zeit möglichst gesund und finanziell unbeschadet überstehen. Bei allem Verständnis für lustige Ideen - einen unpassenderen Zeitpunkt gibt es nicht.

Bei der Wien-Wahl wird der Pool auch nicht helfen
Ob der Gürtel-Pool vor der so wichtigen Wien-Wahl den von weiteren Poollandschaften träumenden Grünen eine so gute Aufmerksamkeit schafft, mag bezweifelt werden. Die Vizebürgermeisterin Birgit Hebein ist zwar im guten Sinne endlich wieder eine unkonventionelle Politikerin, die zu sich steht und entsprechend polarisiert - mit diesem Vorpreschen hat sie sich aber keinen Gefallen getan. Die Opposition scharrt ohnehin schon in den Startlöchern, um Grün abzulösen. Aktionistische Planschbecken zur Corona-Zeit könnten ihr dabei helfen.

Katia Wagner, krone.at

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