08.09.2004 22:45 |

WM-Revanche

Deutschland und Brasilien trennen sich 1:1

Die deutsche Nationalmannschaft hat beim mutigen Heimdebüt von Jürgen Klinsmann WM-Hoffnungen geweckt, die "schwarze Serie" gegen die ganz Großen des Weltfußballs aber nicht beenden können. 26 Monate nach dem unglücklich verlorenen WM-Finale von Yokohama brachte die DFB-Elf den fünfmaligen Weltmeister Brasilien am Mittwochabend im Berliner Olympiastadion beim 1:1 (1:1) immerhin an den Rand einer Niederlage.
Im ersten großen Spiel in der renoviertenArena glich der Stuttgarter Kevin Kuranyi in der 17. Minute dieFührung der Gäste durch Ronaldinho (9.) aus. Zum erstenErfolg gegen die Südamerikaner seit elf Jahren fehlte demdeutschen Team vor 74 315 Zuschauern die letzte Konsequenz. Derletzte Sieg gegen ein Top-Team war 2000 beim 1:0 in England gelungen.
 
Klinsmann zeigt seine Handschrift
Tempo, Tricks und tolle Szenen: Zur Heimpremierevon Klinsmann als Bundestrainer bot die Nationalmannschaft denvon den Fans erhofften tollen Fußball-Abend. Dabei ließdas Team nach nur wenigen Tagen gemeinsamen Trainings bereitsdeutlich die Handschrift Klinsmanns erkennen und überzeugtemit Dynamik, Risikobereitschaft und Tordrang. Mit dem schnellenAusgleich durch den gebürtigen Brasilianer Kuranyi, der zumvierten Mal in Folge im Nationaltrikot ins Schwarze traf, wuchsder Glaube an die eigene Stärke und sprang der Funke derBegeisterung auf die Ränge über. Erst als der deutschenMannschaft am Ende die Luft ausging, war auch die zwölfteNiederlage gegen den südamerikanischen Rivalen möglich.Vier Minuten vor Schluss rettete Oliver Kahn mit einer Fußabwehrgegen Julio Baptista das Remis.
 
Ballack als neuer Kapitän
Zwei Jahre nach dem WM-Finale ließ die deutscheMannschaft die Brasilianer mit aggressivem Spiel kaum zur Entfaltungkommen. Im Mittelfeld nahm Michael Ballack seine neue Rolle alsKapitän auch auf dem Feld an und dirigierte gut abgeschirmtvon Torsten Frings mit klugen Pässen das Spiel. SebastianDeisler benötigte bei seinem Comeback nach einjährigerPause zwar einige Zeit, um ins Spiel zu finden, deutete aber dannmehrfach an, warum er einer der größten Hoffnungsträgerfür die WM 2006 ist. Neben Kuranyi präsentierte sichauch der agile Gerald Asamoah in vorderster Front als ständigerUnruheherd für die gegnerische Abwehr.
 
Die Defensive
Ein hohes Risiko war Klinsmann mit der Besetzungder Defensive eingegangen, in der Frank Fahrenhorst und RobertHuth in ihrem jeweils zweiten Länderspiel gegen das Weltklasse-DuoRonaldo und Adriano bestehen mussten. Von beiden hinterließder 20-jährige gebürtige Berliner, der in dieser Saisonbeim FC Chelsea erst einmal in der Reservemannschaft zum Zugegekommen war, einen stabileren Eindruck als Fahrenhorst, der gegenRonaldo (15.) und Adriano (36.) das Nachsehen hatte und das 0:1verschuldete.
 
Frühe Führung
Auf der Tribüne schlugen brasilianische Fansunermüdlich ihre Samba-Trommeln, doch auf dem Rasen kam derRekord-Weltmeister nur durch deutsche Abwehrschnitzer zum Erfolg.Mit gleich zwei Aussetzern verhalf Fahrenhorst den Gästenzur unverhofft frühen Führung. Nach einem Fehlpass indie Beine von Edu foulte der Neu-Bremer den Brasilianer direktan der Strafraumgrenze. Als die deutsche Abwehr auf einen Freistoßkracherdes Spezialisten Roberto Carlos wartete, wurde sie von Ronaldinhoüberrumpelt, der den Ball aus dem Stand in den Torwinkelzirkelte.
 
Ausgleich als Nervenschoner
Doch von diesem Torschock und den großen Namenin Reihen des Gegners unbeeindruckt, fand das DFB-Team seinerseitszu konstruktiven Aktionen. Nach einer abgefälschten Flankevon Torsten Frings setzte sich Kuranyi im Strafraum energischgegen Roque Junior durch und traf mit dem Außenrist zum1:1. Sieben Minuten später vereitelte ein Reflex von BrasiliensKeeper Julio Cesar einen weiteren Treffer, der diesmal von Deislerglänzend in Szene gesetzt worden war. Selbst Philipp Lahmund Huth schalteten sich in dieser stärksten deutschen Phasemit in die Angriffsaktionen ein.
 
Chancen auf beiden Seiten
Ronaldo (56.) hatte die große Chance zur erneutenFührung. Dagegen konnte die deutsche Elf nicht an den spektakulärenOffensivfußball der ersten 45 Minuten anknüpfen undmusste dem hohen Tempo Tribut zollen. Das Publikum registriertejedoch immer noch dankbar technische Kabinettstückchen, soals Deisler (60.) den Ball mit der Hacke weiterleitete
 
Ronaldo kam frisch verlobt
Besonders beflügelt dürfte Ronaldo insOlympiastadion gelaufen sein. Der Stürmer durfte seine Reisewegen einer Herzensangelgenheit um 24 Stunden verschieben undverlobte sich mit der TV-Moderatorin Daniela Cicarelli. Das Top-Modellsoll nach brasilianischen Medienberichten auch maßgeblichfür den Gewichtsverlust des früheren "Dickerchens" vonReal Madrid verantwortlich sein. "Ich war noch nervöser,als vor der WM 2004", gab Ronaldo nach der Familienfeier zu. DasPaar will sich am 2. Januar 2005 das Ja-Wort geben. "Ich schwebeauf Wolke sieben", gestand Ronaldo und gab seinen Gefühlenfreien Lauf.
 
"Unser Dreamteam"
In der Heimat werden die "pentacampeoes" zur Zeitvon einer Welle der Sympathie getragen. Dazu hat nicht nur derSieg über den Erzrivalen Argentinien auf dem Weg zur WM 2006verholfen. Auch das "Friedensspiel", das die Nationalelf im Regierungsauftragim karibischen Krisenstaat Haiti absolvierte, wurde von den Landsleutenbegeistert verfolgt. "Es ist unser Dream Team", schrieb die Zeitung"Jornal do Brasil" stolz.
 
Brasiliens Stützen wollen auch bei ihren europäischenClubs einen "golden Herbst" erleben. Um Ronaldinho (FC Barcelona),Adriano (Inter Mailand) oder Juninho (Olympique Lyon) dürftesich Trainer Parreira kaum sorgen. Und auch Julio César(Flamengo Rio de Janeiro) im Tor hat den glücklosen Dida(AC Mailand) beerbt. Ein Torwartkrieg zwischen den Rivalen bliebden Brasilianern somit also erspart.
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