05.07.2020 18:44 |

Auftragsmord in NÖ

Kopfschuss-Opfer wetterte im Web gegen Diktator

Der am Samstagabend in Gerasdorf (Niederösterreich) erschossene gebürtige Tschetschene Martin B. ist kein Unbekannter. Monatelang hatte er zuletzt die Führung der russischen Teilrepublik Tschetschenien in einem Videoblog beschimpft. Eigenen Angaben zufolge soll er aber auch als fragwürdiger Vermittler von Mordaufträgen agiert und seit Jahren mit dem Verfassungsschutz in Wien zusammengearbeitet haben. Vor einem Attentat dürfte der 43-Jährige schon länger Angst gehabt haben: Noch Mitte Juni wollte er sich eine kugelsichere Weste beschaffen.

Der ursprünglich als Mamichan U. geborene Mann, der als „Anzor aus Wien“ auftrat und zuletzt über einen österreichischen Fremdenpass auf den Namen Martin B. verfügte, war in den letzten drei Monaten eines der bekannten tschetschenischen Gesichter in Österreich. Seit April hatte er insgesamt 29 Videos auf seinem YouTube-Kanal veröffentlicht, in denen er insbesondere den tschetschenischen Potentaten Ramsan Kadyrow und dessen Familie wüst beschimpfte. In der tschetschenischen Emigration kursierte das unbestätigte und wahrscheinlich auch falsche Gerücht, Kadyrow habe wegen Anzor kürzlich sogar einen Nervenzusammenbruch erlitten.

Aktenvermerk: „Gefährdete Person“
Doch schon vor Beginn seiner Karriere als Videoblogger war der Mann in der tschetschenischen Community sowie in Geheimdienstkreisen bekannt gewesen. Nachdem der ehemalige Polizist aus Tschetschenien 2005 nach Österreich gekommen war, wurde er im September 2007 als Konventionsflüchtling anerkannt. Seine Kontakte in der tschetschenischen Community führten dazu, dass er nach der spektakulären Ermordung des Asylwerbers Umar Israilov im Jänner 2009 in Wien auch ausführlich von Verfassungsschützern als Zeuge befragt wurde.

Er stammte nicht nur aus demselben Ort wie Israilov, er kannte auch einige der an dessen Ermordung beteiligten Täter gut. In einem der APA vorliegenden Aktenvermerk aus dem November 2009 führte das Wiener Landesamt für Verfassungsschutz einen Mamichan U. mit dem Geburtsdatum des nunmehr Getöteten als „Gefährdete Person der tschetschenischen Diaspora“.

Wegen Gewaltdelikt vorbestraft
In einem Anfang Juni veröffentlichten Interview hatte der mittlerweile in Martin B. Umbenannte einem ukrainischen Journalisten detailliert von Aktivitäten der letzten Jahre berichtet. Die Rede war etwa von fragwürdigen Vermittlerdiensten bei Mordaufträgen aus Tschetschenien und eine Zusammenarbeit mit österreichischen Geheimdiensten seit dem Jahr 2008. Im Zusammenhang mit einem Gewaltdelikt war der 43-Jährige vor einiger Zeit auch zu einer Haftstrafe in Österreich verurteilt worden.

Manche seiner Behauptungen aus dem Interview lassen sich durchaus verifizieren. So wusste Martin B. nachweislich vorweg von einem geplanten Anschlag auf den damaligen ukrainischen Parlamentsabgeordneten Ihor Mossijtschuk, der im Oktober 2017 im Unterschied zu einem Leibwächter und einem Passanten eine Bombenexplosion knapp überlebte. Martin B. hatte vor einem Anschlag gewarnt, was damals in der Ukraine aber nicht rechtzeitig ernst genommen wurde. Ob österreichische Verfassungsschützer ihre ukrainischen Kollegen über den geplanten Anschlag informierten, ist unklar. Martin B. wurde im ukrainischen Ermittlungsverfahren jedenfalls als Zeuge geführt und sollte über den Amtshilfeweg in Österreich ein weiteres Mal vernommen werden.

Vor dem tödlichen Anschlag dürfte es jedenfalls bereits ein konkretes Bedrohungsszenario gegeben haben. Martin B. soll von den Sicherheitsbehörden Personenschutz angeboten worden sein, was dieser aber abgelehnt haben soll.

Opfer wollte kugelsichere Weste
Am Sonntagabend berichtete der ukrainische Ex-Politiker Ihor Mossijtschuk gegenüber der APA, B. habe ihn Mitte Juni um Hilfe bei der Beschaffung einer kugelsicheren Weste ersucht. Mossijtschuk selbst hat 2017 einen Terroranschlag in Kiew überlebt. Von dem soll Martin B. laut ukrainischen Ermittlungen vorweg gewusst haben.

Zitat Icon

B. hat mich gebeten, beim Kauf einer kugelsicheren Weste sowie eines Hemds aus Kevlar zu helfen. Er gab mir auch seine Maße.

Der ukrainische Ex-Politiker Ihor Mossijtschuk stand in Kontakt mit dem Mordopfer.

„B. hat mich gebeten, beim Kauf einer kugelsicheren Weste sowie eines Hemds aus Kevlar (widerstandsfähiger Stoff, Anm.) zu helfen. Er gab mir auch seine Maße“, schilderte der Ex-Abgeordnete. Er habe in Folge Bekannte in Israel kontaktiert, wo derartige Spezialkleidung produziert wird, sagte Mossijtschuk.

Auf seine Bitte, eine Lieferadresse anzugeben, habe ihm B. am 23. Juni schließlich eine Anschrift in Wien-Donaustadt übermittelt. Es handelt sich um ein Mehrparteienhaus im Besitz der Stadt Wien, in dem auch eine Polizeiinspektion untergebracht ist. Ob die Weste auch tatsächlich angekommen sei, wisse er nicht, betonte Mossijtschuk. Zuletzt habe ihm B. jedenfalls am 28. Juni eine Nachricht geschickt, die sich lediglich auf ein Hobby bezogen habe.

Auftraggeber im Umfeld von Kadyrow vermutet
Hinter dem gegen ihn gerichteten Anschlag vermutete der bekannte ukrainische Nationalist Mossijtschuk, der später Martin B. auch in Wien traf, Auftraggeber im Umfeld von Ramsan Kadyrow. Ähnliche, freilich unbewiesene Spekulationen kursieren in der tschetschenischen Community derzeit auch nach dem Mordanschlag auf Martin B..

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