19.06.2020 06:00 |

„Homegrown“

Neil Young: Verschollenes Album nun auf dem Markt

Vor mehr als 45 Jahren schrieb Neil Young das Album „Homegrown“, ließ es aufgrund privaten Schmerzes aber für eine gefühlte Ewigkeit in seiner Lade. Nun sind die Wunden verheilt und der 74-jährige Kanadier veröffentlicht das Kleinod, das jeden Young-Fan begeistern wird.

Kaum jemand bietet im Musikbusiness eine so perfekte Nachlassverwaltung wie Neil Young. Vor drei Jahren begann das Spiel mit „Hitchhiker“, dem unveröffentlichten Album aus dem Jahr 1976, dem der Kanadier die späte der Ehre der Geburt gewährte. Letztes Jahr folgten gleich 29 verschiedene Archiv-Veröffentlichungen aus diversen Schaffensperioden und mit den „Neil Young Archives“ hat er im Netz ohnehin eine beispiellose Vorbildrolle eingenommen, findet man dort doch so gut wie alles, was der Altmeister im Laufe seiner beeindruckenden Karriere so erschaffen hat. Das nach „Hitchhiker“ begehrteste verschollene Studioalbum „Homegrown“ kommt nun endlich auch an die Öffentlichkeit. Dem Corona-Virus ist es zu verdanken, dass es nicht schon im April passierte, aber nach 45 Jahren Wartezeit fielen die zwei Monate auch nicht mehr sonderlich ins Gewicht.

Verschiebungen
Als Young im Dezember 1974 und Jänner 1975 an dem Album arbeitete, war es noch als loser Nachfolger zum erfolgreichen „Harvest“ (1972) gedacht. Für die Plattenfirma eine goldene Botschaft, denn der offizielle Nachfolger „On The Beach“ (1974) war ziemlich schwermütig geraten. Doch bereits zum zweiten Mal in knapp zwei Jahren entschied sich Young dafür, die Entscheidung zu revidieren. Stattdessen erschein das - wieder sehr düstere - „Tonight’s The Night“, das er schon 1973 schrieb, aufgrund der Tode zweier naher Vertrauenspersonen aber vorerst in der Schublade parkte. „Homegrown“ sollte aber nicht nur zwei Jahre, sondern viereinhalb Dekaden verstauben, was damals wohl noch nicht einmal Young ahnen konnte. Der Grund für die spontane Umentscheidung der Veröffentlichungspolitik lag einer gescheiterten Beziehung zugrunde.

Die Beziehung zu seiner ersten Ehefrau und Mutter seines ersten Kindes, Carrie Snodgress, ging gerade in die Brüche und dem sensiblen Künstler war es unmöglich, die teils sehr persönlichen und beziehungsgebundenen Songs zu veröffentlichen. „Die Songs waren einfach zu persönlich, sie haben mich damals verängstigt“, sollte er später dem US-Musikjournalisten Cameron Crowe diktieren. „Homegrown“ ist musikalisch sehr stark an „Harvest“ angelehnt und zeigt den überkreativen Young von der für viele Fans liebsten Seite - dem emotionalen, entschlackten Country Rock huldigend. Schon im Opener „Separate Ways“ zeigt sich der Protagonist enttäuscht, aber mit der Situation im Einklang. „As we go our separate ways, looking for better days / sharing our little boy, who grew from joy back then“ zeigen Young traurig, aber mit der für ihn neuen Situation versöhnt.

Optimismus statt Wehmut
Der Opener ist einer von bislang sieben unveröffentlichten Songs auf „Homegrown“, die anderen fünf Tracks ließen sich auf unterschiedlichen Outputs verorten. Auch in „Kansas“ erinnert sich der heute 74-Jährige mit Wehmut an die schöne Zweisamkeit, blickt der Zukunft aber optimistisch entgegen. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis auf „Homegrown“ ist, dass Young schon damals mit bewundernswerter Souveränität an die Sache heranging und sich nicht auf bittere Schimpfkanonaden oder Rachegelüste herabließ. Nicht das gesamte Album ist von nachdenklichen Emotionen getragen. Der krude Sprechgesang in „Florida“ etwa kann als Kuriosum der Scheibe angesehen werden, „We Don’t Smoke It“ ist astreiner Blues und auf den beiden Balladen „Try“ und „Star Of Bethlehem“ wird Young von Ausnahmesängerin Emmylou Harris tatkräftig unterstützt.

Auch Levon Helm und Robbie Robertson von The Band haben Young beim Schmerzstillen mit viel Tequila und Gras tatkräftig unterstützt. Nur selten ist Young so persönlich und intim zu hören wie auf diesem Werk, das mit dem Cover von Tom Wilkes auch optisch in allerbestem Glanz erstrahlt. „Why is it so hard to hold on to your love?“, fragt Young auf „Mexico“, um seine Stimme dann gegen das leidende Piano zu erheben. Für Young dürfte die Rückbesinnung auf die alten Tage noch heute für Wehmut gesorgt haben, dass wir auf „Homegrown“ gar so lange warten mussten, ist auch dem puristischen Perfektionismus des Künstlers zu verdanken. Akribisch hat er das Album für 2020 ganz analog vorbereit und völlig auf digitale Modernismen verzichtet. Der Goldschürfer teilt mit uns wieder einmal eine fette Beute - und wir können nach „Homegrown“ nur hoffen, dass Young nicht aufhört, nach weiteren Preziosen aus seinem reichhaltigen Fundus zu graben.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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