29.04.2020 10:10 |

Wir stechen hervor

Corona-Maßnahmen im Check: Was hilft am meisten?

Mit welchen Maßnahmen lässt sich das Coronavirus am besten eindämmen? Ein Blick nach Hongkong scheint die Antwort zu liefern: Trotz ihrer 7,5 Millionen Einwohner verzeichnete die Metropole bislang nur vier Todesfälle. Eine schnelle Überwachung der Bevölkerung, Quarantäne, Schulschließungen und die Verwendung von Schutzmasken dürften dazu beigetragen haben, die Infektionsrate zu senken. Wie wirksam jede einzelne Maßnahme für sich war, lässt sich aufgrund der gleichzeitigen Einführung allerdings nur schwer beurteilen. Ein internationales Forschungsprojekt mit Beteiligung Wiener Wissenschaftler hofft nun, mit Daten aus aller Welt zu ergründen, welche Maßnahmen zur Eindämmung des Virus am effektivsten sind. Eines steht jetzt schon fest: Österreich sticht mit seiner Strategie hervor.

„Hier geht es nicht um die nächste Epidemie. Es geht darum, was wir jetzt tun“, schildert Rosalind Eggo, mathematische Modellierungsexpertin von der London School of Hygiene and Tropical Medicine (LSHTM), gegenüber dem Wissenschaftsmagazin „Nature“. Gemeinsam mit Forschern der Universität Oxford, des Complexity Science Hub Vienna sowie Organisationen des öffentlichen Gesundheitswesens und NGOs hofft Eggo mit Daten aus aller Welt, die Reaktionen der Länder auf das Coronavirus vergleichen zu können, um so letztlich genau vorhersagen zu können, wie sich das Hinzufügen und Entfernen von Kontrollmaßnahmen auf die Übertragungsraten und die Infektionszahlen auswirkt. Diese Informationen seien für Regierungen von entscheidender Bedeutung, um Strategien zu entwickeln, die das Leben wieder normalisieren und gleichzeitig die Übertragung gering halten, um eine zweite Infektionswelle zu verhindern.

„Es ist schwer, aber es bedeutet nicht, dass wir es nicht versuchen sollten“
Die Schwierigkeit besteht laut Eggo darin, Ursache und Wirkung auseinander zu halten - zum Teil, weil die Umstände in jedem Land unterschiedlich seien und weil es Unklarheiten darüber gebe, inwieweit sich die Menschen an die Maßnahmen hielten. „Es ist wirklich schwer, aber das bedeutet nicht, dass wir es nicht versuchen sollten.“ Wie schwer, zeigt ein Blick nach Wien, wo man bereits rund 170 Interventionen in 52 Ländern erfasst hat, die von kleinen Maßnahmen wie Bodenaufklebern, die einen Abstand von zwei Metern markieren, bis hin zu größeren, restriktiven Maßnahmen wie Schulschließungen reichen. In Oxford werden indes 13 Interventionen in mehr als 100 Ländern überwacht. Sieben der Interventionen werden zu einem einzigen „Stringenz“-Index zusammengefasst, der den Gesamtschweregrad der Reaktion jedes Landes erfasst und einen Vergleich zwischen Ländern ermöglichen soll.

Sämtliche Informationen sollen am Ende in eine Datenbank der WHO fließen, die öffentlich zugänglich sein soll. 1100 Freiwillige an der LSHTM sind derzeit damit beschäftigt, die Daten entsprechend aufzubereiten. Schnelligkeit sei dabei von entscheidender Bedeutung, so LSHTM-Datenwissenschaftler Chris Grundy gegenüber „Nature“: „Tage machen gerade jetzt einen Unterschied.“

Algorithmen zeigen erste Unterschiede zwischen Ländern auf
Wissenschaftler des Complexity Science Hub in Wien, wo man die Länder nach dem Beginn ihrer Epidemien und der Gesamtzahl der eingeführten Restriktionen in sogenannte Cluster einteilt, analysieren bereits ihre Daten, um die Unterschiede in den Reaktionen der einzelnen Länder zu untersuchen. In Europa beispielsweise gruppieren die Algorithmen Schweden, Großbritannien und die Niederlande als Länder, die relativ langsam agierten.

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Deutschland und Österreich stechen als Nationen hervor, die aggressive und frühzeitige Bekämpfungsstrategien einsetzten.

Amélie Desvars-Larrive

In der Frühphase ihrer Epidemien setzten alle drei Länder Strategien zur „Herdenimmunität“ um, die nur wenige Maßnahmen oder solche, die auf freiwilliger Einhaltung beruhen, beinhalteten. Später gingen Großbritannien und die Niederlande jedoch zu aggressiveren Reaktionen über, einschließlich landesweiter Sperren, sagt Amélie Desvars-Larrive, Epidemiologin am CSH Wien und an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

In der Zwischenzeit seien Deutschland und Österreich als Nationen hervorgestochen, die aggressive und frühzeitige Bekämpfungsstrategien einsetzten, im Vergleich zu Italien, Frankreich und Spanien, die ähnliche Maßnahmen in ihren Epidemien einführten, aber später. Bislang haben Deutschland und Österreich pro Kopf einen Bruchteil der Todesfälle durch Covid-19 dieser anderen Länder zu verzeichnen.

Ärmere Länder reagieren strikter
Erste Ergebnisse des Oxford-Teams deuten laut „Nature“ auch darauf hin, dass ärmere Länder im Verhältnis zur Schwere ihrer Ausbrüche tendenziell strengere Maßnahmen einführten als reichere Länder. So erzwang zum Beispiel der Karibikstaat Haiti bereits bei der Bestätigung des ersten Corona-Falls eine Abriegelung, während die USA mit der Anordnung von Ausgangsbeschränkungen bis mehr als zwei Wochen nach ihrem ersten Todesfall warteten. Das könnte daran liegen, dass einkommensschwächere Länder mit weniger entwickelten Gesundheitssystemen vorsichtiger agieren, sagt Anna Petherick von der Universität Oxford. Es könnte auch die Tatsache widerspiegeln, dass der Ausbruch diese Länder später erreichte, sodass sie länger von anderen lernen konnten, so Petherick.

Ohne einen Impfstoff oder eine wirksame Behandlung bleibt das Aufhalten der Übertragung derzeit die einzige Verteidigung gegen das Coronavirus. Die Kenntnis der Auswirkungen jeder einzelnen Kontrollmaßnahme sei entscheidend, um herauszufinden, welche davon sicher verändert oder beseitigt werden könnten, sagt Petherick. „Wenn wir lernen können, was wir einführen sollten und was am besten funktioniert, damit wir die Ausbreitung stoppen und auch den Rest des Lebens so gut wie möglich in Gang halten können, wäre das meiner Meinung nach ein enormer Beitrag“, sagt sie.

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