26.01.2020 18:00 |

Interview

„Die Sehnsucht nach Wertschätzung wird größer“

Die Ballsaison ist im vollen Gange. Dieser besondere Anlass sollte auch würdig zelebriert werden. Was auf dem Parkett zu beachten wäre, hat Tanzschulbetreiberin Juanita Hieble der „Krone“ verraten.

Von klein auf war Juanita Hieble vom Tanzen begeistert. Der Funke sprang von ihren Eltern, die erst Turniere tanzten und später die Dornbirner Tanzschule gründeten, auf sie über. Statt dem Wettbewerb hat sie sich aber der Unterhaltung und Etikette verschrieben.

Wann war für Sie klar, dass Sie in die Fußstapfen Ihrer Eltern treten wollen?

Meine Geschwister und ich waren früher immer dabei, als meine Eltern Turniere getanzt haben. Wir sind dann über den Boden gekrochen und haben die Strasssteine vom Kostüm aufgesammelt. Später dann hat Papa beim Tanzclub trainiert und Stunden gegeben. Dann wurde er Tanzlehrer. Ich war von Anfang an bei den Tanzkursen dabei, natürlich inkognito, aber man hat mich sehr schnell gekannt. Das begann schon mit zwölf Jahren. Später habe ich dann bei den Kursen immer assistiert. Als ich dann alt genug war, bin ich gleich nach der Matura nach Wien gegangen, um die Tanzlehrerausbildung zu machen. Ich war damals auch die jüngste Tanzlehrerin Österreichs. Für mich war immer klar, dass ich das machen möchte, aber der Wettbewerb, wie ihn meine Eltern betrieben haben, wäre nichts für mich gewesen. Ich möchte mich nicht profilieren müssen, sondern Spaß am Tanzen haben und vermitteln.

Sie kennen die Ballszene. Was hat sich verändert?

Früher ist man einfach Tanzen gegangen. Überall gab es Livemusik zu erleben, und dann gab es noch die besonderen Anlässe, wie eben die Bälle zur Faschingszeit. Mit der Zeit ging die Livemusik zurück, man hat eine Bar angeschafft und dadurch hat sich der Ball dann von der Tanzveranstaltung eher zum Treffpunkt entwickelt. Eine Zeit lang war es auch nicht mehr so in Mode, sich für den Ball schick zu machen. Das war wirklich nicht schön, aber man war der Meinung - ganz nach Vorarlberger Manier - dass man auch in der Jeanshose auf den Ball gehen könne. Mittlerweile ist es wieder anders, man bemüht sich sehr um das Outfit, nur lässt heute das Benehmen oft zu wünschen übrig.

Ist es nicht ein gesellschaftliches Problem, dass der höfliche Umgang leidet?

Ja, absolut. Aber ich glaube, dass die Sehnsucht nach einem wertschätzenden Umgang wieder stärker wird. Die Menschen merken einfach, dass es ohne gewisse Spielregeln nicht geht. Ohne Höflichkeit, ohne Wertschätzung, ohne Regeln ist kein Miteinander möglich. Letztlich darf das Menschliche nicht zu kurz kommen. Und das versuchen wir im Tanzkurs zu vermitteln. Da spielt auch das Alter mit - als Teenager ist einem das nicht so bewusst oder man ist noch zu zurückhaltend. Darum wird jeder herangeführt. Unsere Aufgabe ist es, diese Regeln weiterzugeben, und da darf man ruhig auch genau sein. Denn irgendwann kommt man in eine bestimmte Situation und erinnert sich dann an das Gelernte, man weiß einfach Bescheid. Ein bisschen etwas bleibt immer hängen. Ein Tanzkurs ist nicht nur zum Lernen von Tänzen da, auch die sozialen Kompetenzen werden geschult.

Wie hat man sich denn auf einem noblen Ball zu benehmen? Was gehört dazu?

Es gehört eigentlich recht viel dazu. Es beginnt mit der Vorbereitung und der Wahl des richtigen Outfits. Für Damen und Herren gilt gleichsam: Ich muss mich wohlfühlen, sprich nicht zu eng, zu kurz und bequeme Schuhe. Lieber auf ein paar Zentimeter Absatz verzichten, dafür hat man den ganzen Abend eine Freude am Tanzen. Bei der Garderobe empfiehlt sich, Kleingeld dabei zu haben, der Herr hilft der Dame aus dem Mantel, bietet ihr den Arm an und begleitet sie dann anschließend zum Platz. Ein gewisser Respekt sollte auch den Servicekräften entgegengebracht werden, ein „Bitte“ und „Danke“ ist immer angebracht. Auf der Tanzfläche sollte man nicht alle anrempeln. Wenn man sehr gut tanzen kann, braucht man sich auch nicht zu profilieren und eine Show abzuziehen, denn beim Ball geht es um Unterhaltung. Die Hand des Herrn sollte nicht zu weit zum Po der Dame hinunterrutschen. Es sind die Kleinigkeiten, die das richtige Benehmen ausmachen.

Es gibt viele junge Mädchen, die Gesten - wie das Stuhl-Zurechtrücken - befremdlich finden.

Ich glaube, dabei geht es um Wertschätzung. Es muss gar nicht geschlechtsbezogen sein, sondern man will der anderen Person einfach etwas Gutes tun. Und dann braucht niemand die Antwort „Das kann ich selbst“. Klar kann ich es selbst. Um das geht es nicht. Frauen, Mädchen, lasst es doch einfach zu! Da kommt auch die Unsicherheit dazu, weil man es nicht gewohnt ist. Aber es ist generell ein Manko von Frauen, dass sie sich bei Komplimenten rechtfertigen. Ein Danke und ein freundliches Lächeln genügen. Auf der einen Seite gibt es Beschwerden, wie unromantisch jemand sei, auf der anderen Seite lässt man keine Freundlichkeiten zu. Und so gehen die Umgangsformen verloren - wenn sie nicht gepflegt und geschätzt werden. Bei einem Ball hat man noch die Möglichkeit, das auszuleben.

Sie kennen die Bälle im Ländle und in Wien - wo liegen die großen Unterschiede?

Bei der Location fängt es schon an. Mit ihren Palais oder der Oper haben die Wiener natürlich einen Vorteil in Sachen Flair. Aber auch der Ablauf des Balles unterscheidet sich. Während bei uns auf vielen Bällen das Programm den Abend dominiert, geht es bei den Wiener Bällen um das Tanzen. In Innerösterreich werden die Bälle alle mit einer Polonaise eröffnet, es gibt einen Einzug, gefolgt von den Ehrengästen. In verschiedenen Sälen werden unterschiedliche Musikrichtungen geboten, und es gibt die Mitternachtsquadrille. Meiner Meinung nach muss diese ein Österreicher beherrschen, das gehört zur Balltradition, aber in Vorarlberg wird sie eher stiefmütterlich behandelt. Generell gilt: Ein Ballgeher hat eine Freude am Tanzen und zeigt das auch!

Sandra Nemetschke
Sandra Nemetschke
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