19.11.2019 07:00 |

Sound der Zukunft

Giant Swan: Techno gegen die Szenekonformisten

Aus dem britischen Alternative-Musikmekka Bristol stammt das Industrial-Techno-Duo Giant Swan, das soeben sein Debütalbum veröffentlichte. Die wichtigste Maxime der beiden Kindheitsfreunde Robin Stewart und Harry Wright ist es, sich niemals den selbstgeschriebenen Gesetzen der Szene zu beugen und das elektronische Klangspektrum wieder mit Innovation und Kreativität zu füllen. Im Interview finden sie teils eindeutige Worte zur heutigen Musiklandschaft.

Bristol ist nicht nur eine der schönsten und malerischsten Städte im Südwesten Englands, die knapp 500.000 Einwohner zählende Metropole gehört auch zu den wichtigsten Epizentren europäischer Popkultur. Hier formierten sich schon in den 70er-Jahren diverse Post-Punk-Pioniere, von hier aus trat Anfang der 90er der Trip-Hop mit Massive Attack, Tricky und Portishead seinen Siegeszug um die Welt an und hier formiert sich seit einigen Jahren eine interessante, stilistisch in alle Richtungen ausscheren Underground-Bewegung, die sich gegen das Kapitalistisch-Aalglatte und Verkrustete aus London, Manchester und Birmingham stellt. Künstler und Bands wie Herbal Tea, Scalping, Cruelty oder Giant Swan fertigen mit einer frechen Selbstverständlichkeit originäre Tonkunst, wie man sie derart innovativ und progressiv anderswo nur mehr selten findet. Die Szene befruchtet sich längst gegenseitig und der Konkurrenzkampf animiert Kreative zu Höchstleistungen. Davon können auch die beiden Kindheitsfreunde Robin Stewart und Harry Wright ein Lied singen, die als experimentelles Techno-Duo Giant Swan derzeit die Szene-Gourmets in ganz Europa zum Zungenschnalzen bringen.

Vor- und Nachteile
„Die Menge an Musik, die aus Bristol kommt, ist wirklich unüberblickbar“, sagt Wright im Interview mit der „Krone“, „das liegt noch nicht einmal an gewissen Genres, sondern schlichtweg an der guten Stimmung. Jeder will überall involviert sein und Neues versuchen und derzeit wird es einem wirklich leichtgemacht, Musik und Kunst zu erschaffen. Man spürt hier den Wert, die der Kultur von der Stadt entgegengebracht wird.“ Vorteile und Nachteile sind manchmal dasselbe. „Etwa dass viele Leute immer noch glauben, hier gäbe es nur Trip-Hop“, fügt Stewart lachend an, „das ist so, wie wenn du eine Indie-Band aus Manchester bist. Dann wirst du dein Leben lang mit Oasis oder den Smiths verglichen. Wenn eine Stadt so stark für eine bestimmte Richtung steht, ist es gar nicht so einfach, sich eine eigene Geschichte kreieren zu können.“ Für Giant Swan stehen die Zeichen gut. Die englische Fachpresse liebt das eklektische Gespann genauso wie ihre treu ergebenen Fans und eigentlich jeder, der sie irgendwo für sich entdeckt. Ihr Auftritt vergangenen Frühling beim renommierten donaufestival in Krems war eines der absoluten Festival-Highlights.

Die Geschichte der beiden ist eine richtiggehende Bromance. Im Alter von 11 haben sie sich in der örtlichen Skater- und Graffitti-Szene kennengelernt und sehr schnell einen Draht zueinander gefunden. Schon ein Jahr später gründen sie mit zwei anderen Kumpels eine Band namens The Naturals, mit der sie in der Indie-Szene Fuß fassen und noch hauptsächlich mit analogen Instrumenten experimentieren. „Von daher kommt auch die eigenwillige Zuschreiben, wir wären eine ,Punk-Band‘“, klärt Stewart auf, „wir haben viel mit Noise-Rock experimentiert und hatten eine Punk-Haltung, aber Punk gespielt haben wir nie.“ Für Wright liegt die etwas irregeleitete Verortung in ihrem Arbeitsethos begründet. „Wir sind über die Jahre viel tiefer in die Dancefloor-Szene getaucht und haben dann als Duo Giant Swan gegründet. Diese Welt ist sehr hedonistisch und wir sind Arbeiter-Kids, von daher packt man uns wohl in diese Schublade.“

Doppelspiel
Giant Swan beginnen Analoges mit Digitalem zu vermischen, versuchen sich an unterschiedlichsten Pedals und Instrumenten und kennen keine Grenzen. „Wir haben schon als Teenager Musik am Computer zusammengestoppelt und sind damit jahrelang durch die Gegend gefahren. Das klingt vielleicht wie ein Punk-Lifestyle, aber es ist nicht wirklich einer.“ Das Erfolgsgeheimnis von Giant Swan basiert gleichermaßen auf den Songs, wie auf die Liveshows. Dort tritt man gerne oberkörperfrei auf und schafft schon nach wenigen Beats, die schwitzende Club-Energie 1:1 in die Zuschauermenge zu transformieren. Bei den eigenen Songs bedient man sich auch gerne im Hip-Hop, Pop, Rock, Drone, Ambient und - ja - dem einheimischen Trip-Hop, um aus dem Wulst der britischen Clubmusik herauszustechen.

„Es ist schwer zu sagen, wie wir von den Gitarren zu dieser Musik gekommen sind“, grübelt Stewart, „ich glaube, wir fühlen sie einfach. Die Technowelt im Allgemeinen ist so durchzogen von Angeberei und Wichtigtuerei - das hat uns nie gefallen. Wir sind anders, nehmen die Performance aber immer sehr ernst.“ Die enge und gute Freundschaft der beiden ist auch ein wichtiger Teil der Musik. „Manchmal ist sie kompliziert, aber sie funktioniert. Wir erzählen in den Songs jetzt keine Geschichten über uns, aber unsere Beziehung ist fest darin verankert. Als wir uns kennenlernten, waren wir skateboarden und malten Graffittis. Wir gehen immer noch gemeinsam zu den Spielen des Everton FC und aus all dem ergab sich diese Band. Quasi vom Grindcore zur Liebe“, lacht Stewart.

Nicht zu viel Politik
Das heiß ersehnte und selbstbetitelte Debütalbum wurde dieser Tage veröffentlicht und zeigt nun auch den bislang Nichtwissenden, dass der Sound der Zukunft aus einem Land kommt, das gegenwärtig eine längst hinter sich gelassene Vergangenheit heraufbeschwören möchte. Der Brexit ist den beiden Musikern peinlich, doch für allzu viel Politik ist kein Platz. „55 Year Old Daughter“, „Weight Of Love“ oder „Pan Head“ nennen sich die Songs auf der Undergroundperle, die tatsächlich eine Frischzellenkur für eine gesamte Szene aufweist. „Wir haben eine Tür erschaffen, durch die jeder gerne treten kann, wenn er will. Wir sind keine klassischen Electro-Musiker und noch viel weniger DJs, aber wir wollen mit unserer Musik Diskussionen anregen. So, wie es früher tolle Künstler wie Grandaddy machten.“

Mit der Stagnation im elektronischen Musiksegment haben Giant Swan allgemein so ihre Probleme. „Elektronische Musik sollte doch vorausschauend sein und neue Ufer anvisieren“, mokiert sich Wright, „stattdessen wirkt sie für viele wie ein verrückter Platz, auf dem sie Ideen der 80er-Jahre neu verbraten können. Ich verstehe schon die Bequemlichkeit eines solchen sicheren Hafens, aber das reibt mich auch auf. Du hast nicht automatisch eine Goldkartenmitgliedschaft in dieser Szene. Vor allen nicht dann, wenn dir die Eigenständigkeit fehlt.“ Auch Stewart redet sich bezüglich der Szene sofort in Rage. „Ich gebe dir ein Beispiel. Die Menschen sehen John Mills als tollen DJ. Es reicht ihnen aber nicht aus, seine Musik zu genießen. Sie wollen um ihn herumschwirren und seine Aura erleben. Er hingegen versucht sich stets zu ändern, neu zu erfinden und das verärgert wiederum die Szenekonformisten. Auf Social Media gibt es in dieser Szene zu viel Selbstlob und gegenseitiges Abfeiern. Elektronische Tanzmusik ist seit 20 Jahren langweilig und wenig innovativ.“

Kunst und Konversation
Giant Swan sehen sich in der Verantwortung, der Szene etwas Neues zu liefern und sich nicht ständig im Kreis zu drehen. Dass ihnen das mit dem Debütalbum mehr als gut gelungen ist, beweisen nicht zuletzt die euphorischen Presse- und Publikumsreaktionen. „Kunst ist für uns Konversation und die kleinste aufgeworfene Frage kann zu einer großen Antwort führen. Die Leute sollen sich bei uns sicher und wohl fühlen. Manche wollen sich im Sound verlieren, manche schätzen die audiovisuellen Gesamtkomponenten, andere wiederum wollen einfach nur eine Zeit lang die Sau rauslassen. Im Techno gibt es schon genug Idioten, die falsche Botschaften preisen. Wir wollen mit den Leuten einfach den Moment genießen und eine gute Zeit haben.“ Bleibt nur zu hoffen, dass es Giant Swan auch wieder nach Österreich verschlägt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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