09.11.2019 11:30 |

30 Jahre Mauerfall

Gysi: „Also das kotzt mich dann schon mal an“

Gregor Gysi war der letzte Parteichef der SED-PDS vor dem Ende der DDR. Der langjährige Spitzenpolitiker sitzt heute noch für die Linkspartei im Deutschen Bundestag und ist für markige Sprüche bekannt. Im „Krone“-Interview erinnert er sich an 30 Jahre Mauerfall (siehe auch Video zu den Gedenkfeiern oben). 

Gregor Gysi empfängt die „Krone“ in seinem Büro im Bundestag in Berlin. Schnell geht es im Gespräch um den Aufstieg der AfD. Und seine Linkspartei? „Wir stellen einen Ministerpräsidenten, sind in zwei Landesregierungen, sind keine Protestpartei mehr. Die AfD schon.“

„Krone“: Herr Gysi, woran denken Sie, wenn Sie an den 9. November 1989 denken?
Gysi: An vieles. Dass ich geschlafen hatte. Dass meine Lebensgefährtin mich anrief und sagte, dass die Mauer offen sei. Dass ich sagte, das ist jetzt nicht die richtige Uhrzeit für Scherze. Ich machte den Fernseher an und sah all die glücklichen Gesichter. Ich hab meiner Lebensgefährtin gesagt: Das ist der Anfang vom Ende der DDR.Was sie nicht glauben wollte, aber es stimmte.

Wäre die DDR noch zu retten gewesen?
Ich glaube nicht.Man darf nicht vergessen: Bis zum November spielte eine Wiedervereinigung auch für die Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler keine Rolle. Die wollten die DDR reformieren. Erst nach der Maueröffnung änderte sich das. Ich lehne ja immer den Begriff Unrechtsstaat für die DDR ab. Ja, es gab staatliches Unrecht. Aber ein Unrechtsstaat ist unreformierbar.

Die DDR hat sich aber einem Reformprozess, den Sowjet-Führer Gorbatschow Mitte der 1980er zugelassen hätte, verwehrt.
Schon lange davor hat sich Breschnew gegen eine Wirtschaftsreform von Walter Ulbricht gewehrt. Als Honecker später nach Westdeutschland reisen wollte, hat ihm Gorbatschow das verboten. Deswegen konnte ihn Honecker wohl nicht leiden und trug seine Reformen nicht mit. Das musste zum Ende der DDR führen.

Sie haben gesagt: „Nicht Helmut Kohl oder die BRD brachten die Freiheit, sondern die Ostdeutschen haben sich selbst befreit.“ Wurde dem Osten die Wende gestohlen?
Ich habe immer gesagt, dass die Darstellung falsch ist.Ich will nicht, dass man sich mit falschen Dingen schmückt. Man kann sagen, Kohl und die BRD haben durch die Herbeiführung der deutschen Einheit die von den Ostdeutschen erkämpfte Demokratie und Freiheit gesichert und stabilisiert. So bin ich einverstanden, dann stimmt der Kontext.

Viele im Osten haben ein Problem damit, dass der Narrativ der deutschen Geschichte immer ein westlicher ist.
Man hat nichts geändert. Weder die Bezeichnung des Landes, das Emblem, die Hymne oder die Bezeichnung einer Bundesbehörde. Wenn du zwei Völker vereinigst und du sagst dem Hinzukommenden: „Ihr seid es nicht wert, dass wir ein Komma verändern“, dann demütigt das.

Man hat also den Osten schlicht angepasst.
Und die Eliten nicht vereinigt. Der Oberarzt aus München kam nach Dresden und wurde dort wieder Oberarzt.Der Chefarzt aus Dresden in München nicht.

Ist die Rechnung die AfD?
Das ist ein globales Problem.In den USA, Frankreich, Italien, nicht zuletzt Österreich. Aber ja, dass die in Ostdeutschland stärker sind als in Westdeutschland, hängt damit zusammen.

Dabei kommen die Führungskader der AfD im Osten fast alle aus dem Westen.
Das ist bei der NPD genauso. „Wir stellen bloß das Fußvolk!“ wird gesagt. Na, das kotzt mich schon mal an.

Bei den Wahlen in Thüringen warb die AfD mit Slogans wie „Vollendet die Wende“.
Das war eine Unverschämtheit, die haben mit der Wende gar nichts zu tun. Da ging es um den Abbau einer Mauer. Nicht um den Aufbau einer neuen. Es ging um Freiheit, nicht um Hass.

Ist die Deutsche Einheit vollzogen?
Rechtlich ja, tatsächlich nein. Die Hälfte der Ostdeutschen fühlt sich einer Umfrage zufolge als Deutsche zweiter Klasse. Wir haben immer noch nicht den gleichen Lohn. Das geht den Leuten auf die Nerven. Niemand will die DDR zurückhaben, ich auch nicht. Aber interessant ist, dass es dort bestimmte Sachen nicht gab: Preissteigerungen bei Lebensmitteln. Keine Mieterhöhungen. Die Wohnungen waren allerdings in einem schlechten Zustand. Kündigung von Arbeit oder von Wohnung oder gar Zwangsräumung. Das war alles fremd. Man hätte eine starke Ostwirtschaft aufbauen können. Stattdessen hat man sie nur passgerecht für den Westen gemacht. Das führte zu einer Massenarbeitslosigkeit, in deren Ergebnis die sozialen Ängste in Ostdeutschland doppelt so große wie im Westen sind. Und das erklärt die AfD.

Aber diese Wirtschaftspolitik war der Grund für den Bankrott der DDR.
Ich sage nicht, dass das alles unproblematisch war. Ich sage nur, wie es die Menschen erlebt haben. In der DDR war das Problem nicht das Geld. Das Problem war die Ware. Die Leute konnten sich eigentlich alles leisten, nur gab es vieles nicht.

Wie sieht Ihrer Meinung nach der Westen den Osten.
Der Blick war zum Teil arrogant. Man hat sich nichts angeschaut. Zum Beispiel das Netz an Kindertagesstätten, Nachmittagsbetreuung, Polikliniken oder die Berufsausbildung mit Abitur.

Das konnte aber nur, werdem System hörig war.
Es gab verschiedene Wege. Friedrich Schorlemmer (Oppositioneller in der DDR und Theologe, Anm.) wurde an der Oberschule nicht genommen, weil der Vater Pfarrer war. Er machte das Abitur an der Volkshochschule und freute sich über die „Lücke im System“. Doch da war keine Lücke. Die Volkshochschule war keinem versperrt, und man wollte ihn einfach nur nicht an der Oberschule haben.

Wenn Sie so etwas erzählen wird Ihnen oft eine Verklärung der DDR vorgeworfen.
Eigentlich nicht. Ich sage immer, man dürfe nicht vergessen:falsches Strafrecht, Einschränkung der Reisefreiheit, Einschränkung der Versammlungs- und Meinungsfreiheit, Übergriffe der Polizei. Nein, ich verkläre die DDR nicht.

Woran denken Sie am 9. November 2019?
Die glücklichen Gesichter von damals. Und: Welche höllische Arbeit ich danach hatte.Dass ich mir im Dezember 1989 den Parteivorsitz zugemutet habe, dass verkürzt mein Leben sicher um einige Jahre.

Der letzte Vorsitzende
Gregor Gysi, geboren am 16. Jänner 1948 in Berlin. Von Ende 1989 bis 1993 war Gysi letzter Vorsitzender der SED-PDS und ihrer Nachfolgepartei PDS. Daran anschließend war er von 1990 bis 1998 Vorsitzender der Bundestagsgruppe. Im Jahr 2002 war er fünf Monate einer der stellvertretende Bürgermeister von Berlin. Seit 2005 ist Gysi wieder Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 2005 bis 2015 war er dort Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion.

Clemens Zavarsky, Kronen Zeitung

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