16.10.2019 07:00 |

„Krone“-Interview

Infected Rain: Raus aus den typischen Klischees

Mit ihrem vierten Album „Endorphin“ erweisen sich die Moldawier von Infected Rain endgültig als eine der innovativsten und spannendsten Metalbands der Gegenwart. Frontfrau Lena Scissorhands nahm sich Zeit, um mit uns über die gesellschafts- und umweltpolitische Themenpalette des Albums, die Zukunft dieses Planeten und ihre Definition der Band zu reden.

Die Zeiten, als man im extremeren Metal ausschließlich provozieren wollte, sind längst vorbei. Gut, für Blut und Beuschel, Satanismus und Okkultem ist immer noch genug Platz, doch längst haben viele Bands auch den Wert der Botschaft erkannt. Es ist kein Widerspruch mehr, vor einer hämmernden Doublebass-Orgie über die Probleme des Lebens zu singen und sich über die Zukunft Gedanken zu machen, während sich die Twin-Gitarren im Iron-Maiden-Stil duellieren. Beim Bewusstseinsschaffen für unsere Umwelt und Zwischenmenschlichkeit waren Infected Rain schon immer ganz vorne dabei. Die aus dem exotischen Moldawien stammende Combo rund um Sängerin Elena Cataraga aka Lena Scissorhands ist das derzeit vielleicht beste Beispiel dafür, wie man mit harter Arbeit, endlosem Einsatz und einem gewissen Talent für Handwerk und Message die Karriereleiter hochsteigt.

Natürliche Beschränkung
Neben dem Nova Rock begeisterte die Band noch auf zahlreichen weiteren großen Festivals, befindet sich quasi permanent auf Tour und geht zudem noch auf eine fast zweimonatige Konzertreise mit Lacuna Coil und Eluveitie, in deren Zuge sie auch in der Wiener Arena Halt machen. Schon die bloße Tatsache aus einem Exil wie Moldawien eine florierende Karriere zu begründen, ist alles andere als alltäglich, wie uns Lena auch im Gespräch erklärt. „Selbst wenn wir zu unseren rumänischen Nachbarn wollten, um ein Konzert zu spielen, brauchten wir dafür Visas. Die Botschaften hinterfragen immer die Motive fürs Verreisen und du stehst permanent unter Druck. Mittlerweile sind die Grenzen so geöffnet, dass wir nur noch für Großbritannien, die USA und Australien kämpfen müssen, denn wenn du aus einem so kleinen Land wie Moldawien kommst, dann musst du einfach spielen, spielen und noch mehr spielen. Nur so fällst du auf Dauer auf.“

Der steigende Erfolg Infected Rains fußt auf mehreren Komponenten. Einerseits interpretieren sie ihren aggressiven Nu Metal nicht als Blaupause der goldenen Tage, sondern fügen ihm mit viel Experimentierfreude neue Facetten hinzu, andererseits leuchtet die Frontfrau nicht nur durch ihre Tattoos, die bunten Haare und das auffällige Make-Up heraus, sondern auch durch ihren Erfolg mit Videos, auf Instagram und als überzeugte Veganerin und Tierschützerin, die ihre Sicht auf das Leben bewusst offensiv durch die Band nach außen trägt. „In erster Linie sagen meine Texte, dass wir als Menschen nie aufgeben sollen. Jeder vergisst mit steigendem Alter seine Träume und Ziele und dagegen gilt es anzukämpfen. Ich setze mir beim Texten keine Grenzen und manche drehen sich auch einfach um die Liebe. Warum denn nicht? Das Leben ist eben nicht schwarz-weiß, sondern kunterbunt.“

Über das Klischee hinaus
Kunterbunt ist auch die musikalische Ausrichtung des brandneuen, vierten Studioalbums „Endorphin“, mit dem Infected Rain der breitflächige Durchbruch gelingen sollte. Nu Metal vermischt sich mit Thrash-Salven, elektronische Spielereien mit sanften Ausflügen in den Jazz, Lena mäandert stimmlich zwischen harschem Grölen und filigranen Clean-Vocals. Auch wenn die Produktion manchmal etwas zu stark getriggert wurde, sind Infected Rain neben den Ukrainern von Jinjer derzeit das Spannendste, was die „junge Metallandschaft“ zu bieten hat. Eben auch inhaltlich, wie sich schon am Opener „The Earth Mantra“ zeigt - ein echtes Herzensprojekt der Frontfrau. „Das Video haben wir schon vor einem Jahr gefilmt und wir allgemein am Gesamtpaket sehr lange gearbeitet.“ Wer Musik, Videos, Interviews und Promobilder zusammensetzt, der merkt, hier wird nichts dem Zufall überlassen und alles ergibt einen grobkonzeptionellen Sinn.

„Ich versuche jeden Tag ein besserer Mensch für den Planeten, die Umwelt und schlussendlich mich selbst zu werden. Für mich ist Umweltbewusstsein ein Lifestyle und nicht bloß ein Thema. Ich verwende kaum noch Plastik und recycle den Müll so gut es geht. Tiere sterben aus und die Krebserkrankungen bei den Menschen nehmen zu, weil wir uns nur mehr mit Gift vollstopfen und nichts mehr reflektieren. In dem Video zu ,The Earth Mantra‘ stelle ich Mutter Natur dar und töte mich am Ende selbst. Ich opfere mich sozusagen für die Ewigkeit und die Aussage dahinter ist, dass wir unmöglich so weitermachen können.“ Natürlich ist der CO2-Fußbabdruck für eine ständig reisende Musikerin ein leidiges und unvermeidliches Thema. „Man muss einfach den Ausgleich schaffen. Ich wandere gerne und wenn ich unterwegs bin, dann nehme ich Taschen mit und fülle sie mit dem Müll, den ich am Weg finde. So wie kein Mensch ganz auf Plastik verzichten kann, muss ich in meinem Job eben reisen. Es geht aber ums Aufpassen. Darum, dass man in allen Lagen des Lebens aufmerksamer wird. Wenn das jeder beherzigt, dann ist schon unheimlich viel getan.“

Freiheit & Anarchie
Die Themenpalette auf „Endorphin“ ist aber allgemein sehr bunt, aber stets persönlich gehalten. „Passerby“ etwa dreht sich um die Emotionen der Sängerin auf der Bühne und wie sie sich fühlt, wenn sie mit Fans konfrontiert ist. Als kleinsten gemeinsamen Nenner sieht Lena ihre Band für Freiheit stehend. „Wir versuchen einfach in der Musik als auch in unseren Texten möglichst aus jeder Nische auszubrechen und so offen und frei wie möglich zu sein. Die Kunst muss immer frei sein und darf keinen Regeln unterliegen. Hier muss auch Platz für Anarchie sein, wenn sie aus einem herausströmt.

Lena, die im Gegensatz zu ihren Bandkollegen schon seit gut vier Jahren in Kalifornien lebt, hat auch kein Problem mit der viel kritisierten Bezeichnung “Female Fronted„, die Infected Rain sogar sehr offen nach außen trägt. “Ich weiß schon, dass immer darüber diskutiert wird, aber mir wäre es auch egal, wenn man uns als Popband bezeichnet. Wichtig ist nur, dass du Gänsehaut bekommst, wenn du unsere Musik hörst. Darum geht es im Endeffekt. Die Leute brauchen immer ihre Kategorien und Schubladen, aber da spielen wir nicht mit. Wenn du eine Zuordnung für uns brauchst, ist das okay. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir deiner Zuordnung zustimmen. Es gibt Tage, da fühle ich mich als echte Metallerin und andere, da will ich eine kleine Prinzessin sein. Ich ziehe das auch so durch, denn mir ist völlig egal, ob das in ein Genre passt oder nicht. Es geht um Ehrlichkeit und Authentizität."

Live in Wien
Davon - und natürlich von den neuen Songs - kann sich jeder am am 24. November im Dornbirner Conrad Sohm und am 8. Dezember in der Wiener Arena überzeugen. Dort spielen Infected Rain an der Seite von Lacuna Coil und Eluveitie. Karten gibt es noch unter www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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