09.08.2019 07:00 |

„Any Human Friend“

Marika Hackman: Sex ist etwas ganz Natürliches

Auf ihrem dritten Album „Any Human Friend“ zeigt sich die britische Vollblutmusikerin Marika Hackman so offen, offensiv und experimentell wie nie zuvor. In elf sehr persönlichen Songkapiteln feiert sie nicht nur (gleichgeschlechtlichen) Sex und die kindliche Unschuld, sondern die Zwischenmenschlichkeit im Allgemeinen. Ein popkulturelles Statement mit meditativer Sogwirkung.

Auf dem Cover-Artwork ihres neuen Albums „Any Human Friend“ steht Marika Hackman nackt, wie Gott sie schuf. Die Schambereiche nur verdeckt durch eine Unterhose und ein kleines Baby-Schwein. Das Foto ist nicht nur eine Hommage an die Holländerin Rineke Dijkstra, die es mit ihren Aktfotos junger Mütter unmittelbar nach der Geburt zu Weltruhm brachte, sondern auch ein bildliches Plädoyer für Natürlichkeit. Hackman zelebriert die Schönheit des Normalen und Realen. Mehr als nur eine bloße Botschaft in Zeiten der ständigen Selbstoptimierung, der Instagram-Filter und Photoshop-Nachbearbeitungen. Mit ihren gerade einmal 27 Jahren ist die Britin bereits am vorläufigen Höhepunkt ihrer kompositorischen Ehrlichkeit angelangt. Anstatt sich dem Wahn der Inszenierung zu beugen, geht Hackman auf den elf neuen Songs ihres dritten Albums in die Vollen und streift bewusst und offenkundig zwischenmenschliche Bereiche, die auch in einer aufgeklärten Zeit wie der heutigen tabuisiert werden.

Selbstentdeckung
„Als ich meinen Eltern den Song ,All Night‘ schickte, waren sie ziemlich schockiert“, erinnert sich die Künstlerin an den Albumentstehungsprozess zurück, „es ist doch eine sehr offenkundige sexuelle Nummer über eine Frau, die sich mit einer anderen Frau vergnügt.“ Ein Lobgesang auf die Fleischeslust, eine Ode an den puren, lustvollen Sex - in all seinen visuellen und olfaktorischen Ausrichtungen. „Im Musikbusiness hörst du nicht viele Songs, die sich um gleichgeschlechtlichen Sex drehen. Wenn es überhaupt um Sex geht, dann meist nur aus der männlichen Perspektive. Mein Gedanke bei dem Song war, ein bisschen von dieser Macht zu uns Frauen zurückzuholen.“ Die offensive Herangehensweise zieht sich auch durch mehr oder weniger unmissverständliche Songs wie „Blow“, „Hand Solo“ oder „Conventional Ride“. „Auf diesem Album bin ich wirklich tief in mich selbst eingetaucht und habe meine Haut immer weiter zurückgeschoben, bis ich mich selbst so richtig entdeckte. Ich kann sehr sexuell sein. Die Songs sind etwas unverblümt, aber nie angriffig. Vielmehr verschmitzt und spitzbübisch.“

Hackman befand sich eine Zeit lang in einer Beziehung mit Japanese-House-Chefin Amber Bain, doch während ihre Ex auf dem letzten Album hauptsächlich die Beziehungstrennung verarbeitete, hat sich Hackman vielmehr auf das große Ganze im sexuellen Kontext konzentriert. So ganz ohne Abhandlung ging es dann doch nicht, wie man schlussendlich auf „The One“ oder „Send My Love“ heraushört. „Gerade dieser Song ist aus der Perspektive meiner Exfreundin geschrieben. Ich habe mir darin vorgestellt, was ich in ihrer Haut zu mir gesagt hätte. Es ist so, als würde ich mich selbst in einem grotesken Spiegel sehen und ihre Perspektive für meine Schamgefühle benutzen.“ Während des Entstehungsprozess hatte Hackman gegen Schlafstörungen anzukämpfen. Sie wachte immer wieder mitten in der Nacht auf, nutzte diese Phase aber, um kreativ zu sein. „Any Human Friend“ ist in gewisser Weise auch eine Selbstabrechnung mit eigenen Unzulänglichkeiten, zeigt sich aber stets versöhnlich. Die 27-Jährige singt nicht nur über die Freuden der Masturbation, sondern auch über das große Glück funktionierender Zwischenmenschlichkeit.

Wider dem Zynismus
Musikalisch lehnt sich Hackman ebenso mutig aus dem Fenster und vermischt ihren Folk mit wesentlich mehr Mut zu Pop, Rock und auch elektronischen Klängen. Frank Ocean- und The xx-Produzent David Wrench saß mit ihr gemeinsam an den Reglern und sorgte die für die nötige Schärfe im sehr frei interpretierten Soundkosmos. Der Albumtitel selbst hat schlussendlich überhaupt nichts mit einer sexuellen Note zu tun, sondern ist einer Dokumentation entnommen, in der Kinder ältere Menschen in einem Demenzheim besuchen und sich darüber unterhalten, dort Freunde gefunden zu haben. „Ich war fasziniert von dieser kindlichen Unschuld. Darüber, dass Kinder noch nicht so zynisch und vom Leben gezeichnet sind und eine echte Freundschaft überall verorten können - auch wenn das Gegenüber drei Generationen älter ist. Es ist ein so unverbrauchter Zugang zu Freundschaft, den ich einfach unglaublich schön fand.“

Die Vergleiche mit PJ Harvey sind vielleicht immer noch etwas hochgegriffen, doch mit Songs wie der ersten Single „I’m Not Where You Are“ beweist Hackman, dass sie zu den allerbesten Songwriterinnen der jüngeren Generation auf der britischen Insel zählt. Die Songs auf „Any Human Friend“ sind nicht nur mutig und lebensbereichernd, sondern vor allem auch von einer ungewohnt juvenilen Spritzigkeit, die Künstlerinnen normalerweise nur in den grenzenlosen Sturm-und-Drang-Jahren am Karrierebeginn anheimfällt. Die Botschaft des Albums ist jedenfalls eine positive. „Wenn der Tag zu Ende und alles gesagt ist, geht es darum, dass du okay bist, wie du bist. Alles wird gut. Das Album dreht sich vorwiegend darum, dass wir uns und alle anderen mit ihren Fähigkeiten und Eigenheiten akzeptieren sollen. Wir alle wären gerne aus Stein gemeißelt und haben unsere Idole, aber am Ende des Tages sind wir jeder für sich golden. Jeder ist einzigartig.“ Somit ist „Any Human Friend“ nicht nur ein musikalisches, sondern auch inhaltliches Statement. In Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung zudem wichtiger denn je.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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