14.07.2019 05:55 |

Nach „Lebensprüfung“

Von der Journalistin zur Pfarrerin

Julia Schnizlein wird ab September als Pfarramtskandidatin in der Dorotheergasse in Wien tätig sein. Noch vor zwei Jahren war sie Journalistin. Eine Lebensprüfung stellte die Weichen.

„Vielleicht müssen Sie sich an den Gedanken gewöhnen, dass Ihr Kind vor Ihnen geht.“ Sechs Jahre ist es her, seit diese Worte gefallen sind. Ich war mit meinem zweiten Kind schwanger und voller Vorfreude zum sogenannten Organscreening gekommen. Eigentlich wollten wir nur das Geschlecht unseres Kindes erfahren: Ist es eine Elsa oder ein Wilhelm? Erfahren haben wir, dass unser Kind schwer krank ist. Hypoplastisches Rechtsherzsyndrom - oder einfach gesagt: nur ein halbes Herz ...

Gott schien mir in diesem Moment so unendlich weit weg
Vielleicht hatte ich ihn schon vorher ein wenig aus den Augen verloren. Seit meiner Jugend war es mein Wunsch gewesen, in seinem Auftrag tätig zu sein und Pfarrerin zu werden. Also studierte ich Theologie in Heidelberg und Amsterdam. Aber als ich mit 25 Jahren mein Examen abgelegt hatte, fühlte ich mich zu jung, um Pfarrerin zu werden. Also studierte ich Journalismus in Wien und wuchs schnell in diesen Beruf hinein. Ich arbeitete bei der APA - Austria Presse Agentur und beim Magazin „News“. Ich fühlte mich stark und unabhängig und dachte, ich hätte das Leben fest in der Hand. Ich lernte meinen wundervollen Mann kennen und wurde Mutter unserer großen Tochter Helene. Das Leben war so einfach und unbelastet.

Bis ich vor jener Ärztin stand, im sechsten Monat schwanger, und erfuhr, dass unser Kind unheilbar krank sein würde. Da blieb die Welt stehen. Natürlich drängte sich auch der Gedanke auf, warum Gott mich strafen wollte. Aber dieser Gedanke fühlte sich fremd und falsch an. Stattdessen fragte ich mich: Was ist es, was Gott mir sagen, mir geben will? Mir wurde klar, dass wir vermutlich genau die richtigen Eltern für genau dieses Kind sein könnten. Weil wir das Glück haben, die finanziellen, die sozialen und vor allem die emotionalen Ressourcen zu haben, um diese Herausforderung anzunehmen. Und ich erinnerte mich an den wunderbaren Satz des Jesuitenpriesters Anthony de Mello: „Was immer geschieht, an uns liegt es, Glück oder Unglück darin zu sehen.“ Wir begannen, das Glück zu sehen.

Unsere Tochter Elsa ist jetzt fünf Jahre alt
Nach drei Operationen am offenen Herzen ist sie ein aufgewecktes, fröhliches, ganz „normales“ Mädchen. Wir Eltern haben durch sie gelernt, nichts als selbstverständlich hinzunehmen. Kein gesprochenes Wort ist alltäglich, kein Schritt beliebig, und mit jedem Lachen und auch mit jedem trotzphasigen Wutausbruch wissen wir, dass wir Gottes Wunder erleben.

Mit Elsas Geburt wurde in mir die Sehnsucht nach Tiefe und Sinn wieder wach. Mir war so deutlich klar geworden, dass es im Leben nicht darum geht, schwere Erfahrungen zu vermeiden, sondern darum, wie wir mit ihnen umgehen. Ich wollte das große Gottvertrauen, das wir erlebt hatten, weitergeben und von dem erzählen, der uns trägt und hält, auch wenn wir das gerade mal nicht spüren. Und so beschloss ich, meinen Beruf als Journalistin aufzugeben und den Weg zu gehen, den ich eigentlich seit meiner Kindheit gehen wollte: den ins Pfarramt. Vor zwei Jahren begann ich mein Vikariat in der Evangelischen Kirche in Österreich, in der Wiener Lutherkirche. Vikariat nennt man die Ausbildungsphase nach dem Studium und vor der Ordination zur Pfarrerin.

Kirchengemeinde als Ort, der Heimat geben kann
Seither begleite ich Menschen in allen Lebensphasen. Ich taufe, verheirate und beerdige Menschen. Ich halte Gottesdienste und Seelsorgegespräche. Ich unterrichte Konfirmandinnen, besuche Kranke, leite einen Eltern-Kind-Kreis und lehre an einer AHS. Dort versuche ich jungen Menschen einen Zugang zu existenziellen Fragen des Lebens zu ermöglichen: Wer bin ich? Was ist mein Sinn im Leben? Was bedeutet Freundschaft, Verantwortung und Liebe? Und was sagt die Bibel dazu? Und schließlich: Was ist Gott für mich?

Ich habe die Kirchengemeinde als einen Ort erfahren, der Heimat geben kann. Einen Ort, an dem Menschen willkommen sind, an dem sie gesehen und empfangen werden, egal, was sie sonst in ihrem Leben sind und leisten. Ein Ort, an dem man aushalten kann, dass der, der neben einem sitzt, nicht die gleiche politische oder weltanschauliche Einstellung hat wie man selbst.

Die Bibel als Ratgeber aller Ratgeber
Aber ich erlebe natürlich auch, dass die christliche Sozialisation - vor allem in der Großstadt - nachlässt. In einem katholisch geprägten Land werde ich noch immer ungläubig angeschaut, wenn ich erzähle, dass ich Pfarrerin bin. Die meisten verstehen „Fahrerin“ und halten mich für eine Buschauffeurin. Auf vielen Beerdigungen bin ich - neben dem Verstorbenen - die einzige Protestantin, und ich spüre die Unsicherheit der Menschen, weil sie die Gebete und Riten nicht mehr kennen. Andererseits spüre ich aber auch die große Sehnsucht der Menschen nach Spiritualität, nach Sinn, Halt und Trost. Nur kommen viele Menschen nicht mehr auf die Idee, diese Sehnsucht in der Kirche zu stillen.

Das bedaure ich, weil ich glaube, dass gerade die Bibel so viele Antworten auf die drängenden Fragen des Lebens hat. Weil sie eben kein verstaubtes Buch ist, sondern der Ratgeber aller Ratgeber. Wort Gottes, Zeugnis von Gotteserfahrungen und Richtschnur für gutes, erfülltes Leben.

#DigitaleKirche
Mein Anliegen ist es, Menschen mit diesem Buch und seiner Botschaft in Kontakt zu bringen. Und wenn die Menschen dazu nicht in die Kirche kommen, dann muss die Kirche eben zu den Menschen kommen. Sie muss auch dort präsent sein, wo sich die meisten Menschen täglich aufhalten: im Internet - #DigitaleKirche. Seit einiger Zeit versuche ich daher, auch über soziale Medien wie Facebook und Instagram Menschen zu erreichen, die sonst mit Kirche nicht in Berührung kommen würden. Ich gebe Einblicke in das Leben und den Alltag einer Vikarin bzw. Pfarrerin, stelle Fragen und ermutige zum Innehalten, veröffentliche Predigten und Andachten und verweise auf meine zweiwöchentliche „Krone bunt“-Kolumne „Im Gespräch“.

Besonders freut es mich, wenn Menschen, die mich aus der „Krone“ oder aus dem Internet kennen, zu mir in den Gottesdienst kommen und Hallo sagen. Wenn aus der virtuellen Begegnung eine reale wird. Vielleicht wollen Sie ja auch mal hineinschnuppern? Ab September finden Sie mich in der Lutherischen Stadtkirche in der Wiener Innenstadt - und ansonsten unter #juliandthechurch.

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein[@]lutherkirche.at

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