29.06.2019 17:11 |

Ende der Rettungsfahrt

Sea-Watch-Kapitänin in Haft, Zukunft ungewiss

Hier sollte eigentlich das Interview mit der Kapitänin Carola Rackete stehen. Am Samstag wollten wir telefonieren. Frühmorgens kam die Nachricht von Sea-Watch aus Berlin: „Caro festgenommen, alles Weitere unklar.“

Sie ist das neue Gesicht der Krise im Mittelmeer: braune Augen, das dunkle Haar in Rastazöpfen nach hinten gebunden, um den Hals trägt sie einen Sonnen-Anhänger, Symbol für Ausdauer und Größe.

Salvini kritisiert „Schlaumeierin von Kommandantin“
Carola Rackete, Kapitänin auf dem Rettungsschiff Sea-Watch 3, lieferte sich ein wochenlanges Kräftemessen mit Italiens Innenminister Matteo Salvini, der sich ebenso als „Il Capitano“ sieht, als Kapitän und Anführer einer Nation. „Diese Schlaumeierin von Kommandantin macht Politik auf Kosten von einigen Dutzend Migranten“, schimpfte er in einem Video, „sie sollte lieber ehrenamtliche Tätigkeiten in Deutschland machen, statt 42 Menschen wochenlang in Geiselhaft zu nehmen.“

Ein Dekret untersagt es privaten Rettungsschiffen, in italienische Hoheitsgewässer einzufahren. Wer es ignoriert, dem drohen Geldstrafen bis zu 50.000 Euro, außerdem die Beschlagnahmung des Schiffs und eine Anklage wegen Beihilfe zur illegalen Immigration.

Mittwoch, 12. Juni. In internationalen Gewässern vor der libyschen Küste rettet die Sea-Watch 53 Menschen, die in einem Schlauchboot auf dem offenen Meer treiben. Per Funk bittet Kapitänin Rackete um Zuweisung eines Hafens, bekommt jedoch keine Erlaubnis. Das Tauziehen dauert mehr als zwei Wochen, bei brütender Sommerhitze. 13 Passagiere sind erkrankt und dürfen an Land gehen.

„Manche haben mit dem Gedanken gespielt, über Bord zu springen“
„An Bord spitzte sich die Situation immer mehr zu“, berichtet Ruben Neugebauer von Sea-Watch in Berlin. „Als Carola den Menschen erklären musste, dass sie unerwünscht sind, hat dies zu großer Aussichtslosigkeit geführt. Manche Geflüchtete haben mit dem Gedanken gespielt, über Bord zu springen. Wenn sich ein Mensch mit dunkler Hautfarbe bei Nacht ins Meer stürzt, gibt es keine Chance, ihn zu retten.“ Die Organisation ruft auf Twitter schließlich den Notstand aus. „Niemand hörte uns zu. Niemand übernahm Verantwortung. Einmal mehr ist es an uns, die 40 Geretteten in Sicherheit zu bringen.“

Am vergangenen Freitag steuert die 31-Jährige ihr Schiff mit den 40 Migranten an Bord in den Hafen von Lampedusa. Sie beruft sich auf die Menschenrechte, auf das Seenotrettungsgesetz. Dort wird sie am Samstag gegen 2.30 Uhr morgens festgenommen. „Jeder weiß, dass es einen selbst treffen kann“, hatte Rackete einmal das Risiko beschrieben, das sie eingegangen war. Erhobenen Hauptes lässt sie sich von der italienischen Polizei abführen, es ist das Ende einer Rettungsfahrt.

2016 erste Mission für Sea-Watch
Carola Rackete studierte Nautik in Deutschland, danach Conservation Management in England. Später arbeitete sie bei Greenpeace und nahm für ein Polar- und Meeresforschungsinstitut an Expeditionen teil. Die Arktis sei schön und inspirierend, aber sie hätte sie auch traurig gemacht, weil man dort sehe, was der Mensch dem Planeten antue. Im Sommer 2016 nahm sie an ihrer ersten Mission für Sea-Watch teil.

Über ihre Geschichte, ihre Motive, die Vorwürfe, sie mache mit den Schleppern vor der libyschen Küste gemeinsame Sache, über all das wollten wir in unserem Interview, dem die Kapitänin zugestimmt hatte, am Samstag reden. Aber dazu kam es nicht mehr. Frühmorgens meldete sich Sea-Watch: „Caro festgenommen, alles Weitere unklar.“

„Wohlergehen der Leute war ihr das Wichtigste“
In einem Livestream zur Hafeneinfahrt sah Ruben Neugebauer, der die Nacht im Berliner „Back Office“ verbracht hatte, wie die Polizei an Bord ging und die Kapitänin abführte. „Als die Migranten ihr im Hotspot, wo allen Fingerabdrücke abgenommen wurden, begegneten, klatschten sie. Auch nach ihrer Festnahme erkundigte sich Carola immer wieder nach dem Wohlergehen der Leute. Das war ihr das Wichtigste.“

Stefan Schmidt weiß genau, was seiner Kollegin jetzt bevorsteht. Er war Kapitän der Cap Anamur und stand sechs Jahre lang in Sizilien wegen Schlepperei vor Gericht, bevor er 2009 freigesprochen wurde. „Diese Vorwürfe sind eine Frechheit. Da werden Menschen von Kriminellen in Boote gesetzt, weil bei deren Verwandten kein Geld mehr zu holen ist. Und dann soll man sie ertrinken lassen oder in die libyschen Folterlager zurückbringen? Volle Solidarität für Carola Rackete!“

Kurz wirft Kapitänin ebenfalls Gesetzesverstoß vor
Heldin oder Kriminelle? Eine Mehrheit der User auf krone.at ist der Meinung, die Kapitänin sei zu Recht gestoppt worden. Auch ÖVP-Chef Sebastian Kurz meinte im Puls-4-„Sommergespräch“ bei Corinna Milborn, Rackete hätte gegen das Gesetz verstoßen.

Stefan Schmidt, der heute Flüchtlingsbeauftragter in Schleswig-Holstein ist, sagt: „Man wirft diesen Leuten vor, illegal einzuwandern, bietet ihnen aber keine legale Möglichkeit, um Asyl anzusuchen. Das können sie erst, wenn sie auf europäischem Boden sind. Was ist so schwer, einen Bus nach Italien zu schicken und die Menschen abzuholen? Die Politik muss auch mal anfangen, praktisch zu denken.“

Rackete droht eine Gefängnisstrafe. Sie habe keine Angst vor Konsequenzen, sagte sie einmal, „weil ich das Richtige tue“.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung/krone.at

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