22.05.2019 09:55 |

Konzertereignis

Benjamin Clementine: Zeit für große Emotionen

Understatement ist nicht die Sache von Benjamin Clementine: Wenn der britische Musiker auf der Bühne steht, dann wird alles auf eine Karte gesetzt. Am Dienstagabend stellte er das im Wiener Theater Akzent unter Beweis, wohin ihn seine aktuelle Tour mit dem Parisian String Quintet geführt hat. Ein Auftritt voller melancholischer Schwere und humorvoller Ausreißer.

Wobei man von Anfang an dankbar für den Theaterkontext war: Mit weißem Rüschenkragen und barfuß betrat Clementine die ganz von den Instrumenten beherrschte Bühne, in deren Hintergrund psychedelische Farbspiele dezente Akzente setzten. Der Fokus lag aber natürlich anderswo, als die Streicher ihm den Klangteppich ausbreiteten. Schon das eingangs gesetzte „Winston Churchill‘s Boy“ nutzte der 30-Jährige zum Gang an die Bühnenkante, wo er wie in einem Shakespeare-Drama seine Zeilen zum Besten gab, mit durchdringendem Blick und einer ungeheuren Präsenz.

Kunst und Anspruch
Seine schauspielerischen Fähigkeiten begleiten Clementine nicht erst seit seinem Debüt „At Least For Now“. Damit holte er 2015 in seiner Heimat den prestigeträchtigen Mercury Music Prize für das Album des Jahres. Zwei Jahre später folgte das nicht minder großartige „I Tell A Fly“, auf dem er sich noch stärker in Richtung Kunstlied und lyrischem Anspruch entwickelte. Im nun reduzierten Kontext - neben den Streichern nutzte Clementine natürlich immer wieder seinen Flügel für pointierte Darbietungen - lag das Hauptaugenmerk zwar auf dem Erstling, aber eigentlich verschwamm alles zu einem großen, kunstvollen Ganzen.

Etwa, als im rhythmisch äußerst intensiven „God Save The Jungle“ die Aufmerksamkeit des Publikums immer wieder durch strenge Pausen gefordert war. Man weiß ja, dass Clementine in dieser Hinsicht kein ganz einfacher Zeitgenosse ist und seinen Zuhörern Disziplin abverlangt. Aber im Theater Akzent schien er voll und ganz glücklich zu sein. „Das ist mein Zuhause“, meinte er in „Cornerstone“, das er schlussendlich am Boden liegend mit Schnarchgeräuschen zu Ende brachte. Auch hier zeigte sich das eigenwillige Selbstverständnis dieses Künstlers, der zwar höchste Konzentration von sich und seinem Umfeld einfordert, aber dann unversehens ins Komische abdriften kann.

Überraschungspaket
So oder so war Clementine aber ein Interpret, wie man ihn sich nur wünschen kann. Beim großen „Condolence“ mutierte der Saal (nach einigen Anlaufschwierigkeiten) zum harmonischen Chor, in „Gone“ spielte er mit seiner Stimme, dass es nur so eine Freude war, und bei der ersten Zugabe „Better Sorry Than Safe“ ging es die Stufen zur Bühne hoch und runter, hoch und runter, hoch und runter. Seine Kollegen quittierten so manchen Ausflug Clementines mit einem schelmischen Grinsen - sie werden im Laufe der gemeinsamen Konzerte wohl so einiges erlebt haben.

Am Ende gab es dann sogar eine kleine Liebesbekundung. „Ich mag Wien“, erklärte Clementine flüsternd, so wie viele seiner zwischendurch gestreuten Ansagen oder Aufforderungen. „Es ist so still.“ Das habe er in der Nacht zuvor gemerkt, als er am Rennweg entlang geschlendert war und sich eine „Austrian Sausage“ gegönnt habe. Sein Dank war dann eine Darbietung von John Cages „4‘33‘‘“ - also viereinhalb Minuten Stille, wofür er sich auf Umwegen sogar eine Armbanduhr besorgte. Alles hat eben seinen Platz und seinen Zweck bei Benjamin Clementine. Hier war ein Künstler am Werk, der große Emotionen weckte.

APA/Christoph Griessner

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