18.05.2019 07:00 |

„Draußen im Kopf“

Buntspecht: Verrückt sein auf dieser Welt

Mit „Draußen im Kopf“ veröffentlicht das Wiener Kunst-/Musikkollektiv Buntspecht sein zweites Album. Mit lyrischem Zugang behandelt das Sextett darauf Freuden und Tücken des Alltags, und verpackt die Geschichten geschickt in bildhafte Metaphern. Damit geht es auch auf große Tour inkl. großer Show im Herbst in der Wiener Arena.

Alles darf. Alles soll. Alles muss! Mit dieser Prämisse erhält man sich als Kreativschaffender den höchstmöglichen Grad an Freiheit und kann sich geschickt zwischen den Welten bewegen. Für eine Band wie Buntspecht wäre das auch gar nicht anders möglich, denn die Wiener verknüpfen nicht nur unterschiedliche Stile zu einem musikalischen Guss, sondern verstehen sich auch als ein in enger Freundschaft verbundenes Künstlerkollektiv, das in bester „Do It Yourself“-Manier agiert. So hat etwa Florentin Scheicher das dieser Tage erscheinende zweite Album „Draußen im Kopf“ mit 500 Köpfen am Cover handbemalt und die Videos kommen ebenso aus dem inneren Bandzirkel, wie die Überlegung, jedes einzelne Konzert zu etwas ganz Besonderem zu gestalten. „Bei uns hängt alles zusammen und wenn man sich die Zeit nimmt und die Aufmerksamkeitsspanne dafür hat, ergibt sich ein kohärentes Bild“, erklärt Sänger Lukas Klein im Gespräch mit der „Krone“. „Ich will damit eigentlich sagen, dass ich uns nicht nur als Musiker verstehe, sondern der gesamte Kunstbegriff weiter gefächert ist.“

Hauptsache bunt
„Draußen im Kopf“ ist eine bildkräftige Reise durch alle Genres und Welten, ein vertontes Manifest von Universalität, Zusammenspiel und spielerischem Charakter. Zwischen Avantgarde-Pop, Jazzanleihen, World Music, Klezmer, Bossa Nova und einer sich durchziehenden Indie-Attitüde kennen Buntspecht weder Grenzen noch Hürden. Das Ergebnis ist eine mutige und einzigartige Mischung aus Abstraktionen, eingängigen Pop-Zitaten, filmischer Atmosphäre und „Kinderlieder für Erwachsene“, wie es die Band selbst gerne zu sagen beliebt. Neben traditionellen Bandinstrumenten setzt man auch auf Cello, Querflöte und - neuerdings erstmals - ein Piano. „Uns gibt es erst seit knapp drei Jahren, wir können jederzeit kleine Steine rausnehmen und andere einsetzen, um den Sound zu erweitern. Wir sind im Endeffekt selbst nur Passagiere unserer eigenen Klänge und achten darauf, Dinge zu formen und uns von dieser Form tragen zu lassen.“

Wirklich zugänglich sind Buntspecht nur selten, was aber mehr Kompliment als Tadel ist. Die Single „Unter den Masken“ mit der vielseitigen Zeile „du bist verrückt genug, um dich in dieser Welt zu verlieben“ schält sich als unwiderstehlicher Ohrwurm durch die Gehörgänge, bei anderen inhaltsstarken Songs wie „Guten Tag“ oder „Rotweinmund“ muss man schon etwas mehr Konzentration aufbringen, um sich in die Buntspecht-Welt fallen lassen zu können. „,Unter den Masken‘ beleuchtet die Tatsache, dass wir in einer Welt leben, die immer wieder vor die Hunde geht, aber deshalb geben wir nicht auf, sondern machen trotzdem weiter. Ich kann aus der Nummer viel Kraft ziehen, sie spiegelt für mich Leidenschaft wieder. Man muss etwa schon ein ziemlicher Trottel sein, um alles hinzuschmeißen und nur auf die Musik zu zählen - aber so haben wir es gemacht.“

Perfektion ohne Prägnanz
Musik und Lyrik spielen eine gleichermaßen große Rolle und ergänzen sich miteinander. „Ich höre von uns allen am wenigsten Musik und wenn, dann Instrumentales oder Klaviermusik“, erklärt Klein, „ich bin eher von Lyrikern wie Rilke, Rimbaud oder Jandl inspiriert. Wir bündeln unsere Stärken und daraus entstehen die Lieder. Wir müssen nur darauf achten, uns die Leichtigkeit und das Unbefangene so lange wie möglich erhalten zu können, denn daraus entsteht Gutes.“ Durch den direkten Zugang zur Sprache und ihrem Spiel entstehen auch vielseitige und nicht sofort leicht zu interpretierende Songtitel wie etwa „Nabelschnur“ oder „Waschmaschinentango“. „Es geht uns immer um die Mischung aus dem Verwaschenen und dem Klaren. Eine gewisse Ort- und Raumlosigkeit, die sich durchzieht. Wir sind prinzipiell sehr schlecht darin, unseren Ideen prägnante Namen zu geben, aber manchmal entsteht ein Wort aus einer Melodie und einem Gedanken und du weißt sofort, dass es perfekt passt.“

Klein hat unlängst Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ gelesen und dabei auch direkte Parallelen zu Buntspecht und der Welt an sich gefunden. „Tagespolitische Lieder kann und will ich nicht schreiben, aber wir leben in einer Zeit, wo sich Fronten auftun und bei weitem nicht alles rosig ist. Speziell in Zeiten wie diesen ist es wichtig, nicht nur das Naiv-Träumerische zu betonen, sondern dafür zu plädieren, die Welt mit einem gesunden Schuss Verrücktheit auszutricksen.“ Widersprüchlichkeiten gehören bei Buntspecht ebenso dazu, wie das schiere Erfassen im textlichen Bereich. „Ich mag es einfach, wenn die Dinge offen bleiben. Sie müssen sich bewegen und verschieben lassen können, auch wenn sie bereits niedergeschrieben sind. Das ist ähnlich wie bei Bildern - auch da mag ich Unfertiges und Unvollendetes, weil es einfach viel mehr Spannung in sich birgt. Unsere Songs sind wie ein Organismus und haben einen Herzschlag.“

Auf zum Durchbruch
Daheim fühlen sich Buntspecht auf den Konzertbühnen dieser Welt. Durch die Vielseitigkeit im Sound ist das Kollektiv auch dementsprechend vielseitig einsetzbar, was sich 2018 u.a. in Auftritten auf diversesten Festivals im deutschsprachigen Raum niedergeschlagen hat. „Die Menschen haben immer Erwartungen, wenn eine Band auf die Bühne geht, aber die können und wollen wir nicht erfüllen. Ganz am Anfang haben wir bei den Konzerten sogar Gedichte vorgelesen, wollten das aufnehmen und spontan veröffentlichen. Jetzt schwebt uns für die Zukunft ein Theaterstück vor. Es geht einfach darum, nicht nur die Musik sprechen zu lassen. Warum nicht Postkarten drucken und verkaufen? Das Werden ist wichtiger als das Sein und auch wenn es schön ist, was Fertiges vor sich zu haben, ist der Weg dorthin das Magische. Wir sind jedenfalls jung genug und haben ausreichend Vorschlaghämmer und Enterhaken, um alles durchzubrechen und drüber zu klettern.“

Nach dem gefeierten Überraschungskonzert in der Grazer Postgarage geht es am 19. Mai mit der bereits ausverkauften Show in der Wiener Kulisse weiter. Am 27. November gibt es in der Wiener Arena ein Wiedersehen. Alle anderen Shows dazwischen, weitere Infos und Tickets finden Sie unter www.facebook.com/buntspechtband.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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