Mi, 22. Mai 2019
07.05.2019 07:00

Leben am Schlagzeug

Katharina Ernst: Stets im richtigen Rhythmus

Aus der anfänglichen Liebe zum Schlagzeug entwickelte sich für Katharina Ernst das ehrgeizige Ziel, das Instrument mit neuen Techniken ins Rampenlicht zu stellen. „Extrametric“, ihr Debütalbum, hat sich ganz und gar der Polyrhythmik verschrieben und ist trotzdem durchaus tanzbar. Vor ihrem Auftritt in der Minoritenkirche beim Kremser donaufestival sprachen wir mit der Wiener Wahlberlinerin über ihren Zugang zur Kunst, Übungseinheiten und wie ihre Tochter das Album formte.

Die sakrale Atmosphäre der Kremser Minoritenkirche wird beim donaufestival alle Jahre wieder einem klanglichen Belastungstest unterzogen. So prüften einst die US-Drone-Metaller Sunn O))) mit ihren unterirdisch tief gestimmten Klängen die Belastbarkeit der Fenster und die Brasilianer Deafkids feuerten elektronisch angehauchten Hardcore durch die Bänke. Eine Glanzstunde in einer ohnehin schon aufregenden Karriere erlebte an dieser Stelle unlängst auch die Wiener Schlagzeugerin Katharina Ernst, die ihr letzten Herbst veröffentlichtes Debütalbum „Extrametric“ vorstellte und dabei nicht nur sich selbst, sondern auch dem Publikum ein Höchstmaß an Konzentration abverlangte. Das ist freilich nicht negativ zu betrachten, denn Ernst verschreibt ihre Leidenschaft der Polyrhythmik. All die verschiedenen Objekte auf einer Bühne live zu bedienen, ohne Rhythmus und Spannung zu verlieren, ist gewiss keine leichte Aufgabe.

Magie der Dissonanz
„Die Performance ist jedes Mal eine Herausforderung, aber jetzt auch nichts, vor dem ich mich fürchte“, erzählt sie uns im Vorfeld im Interview, „ich fordere mich mit diesem Programm bewusst und muss mich auf jede Show sehr gut vorbereiten. Die Stücke sind vom Aufbau her sehr verschieden und man muss viel üben, um sie wirklich gut wiedergeben zu können.“ Easy Listening ist das Schlagzeugspiel von Ernst nicht, doch in der Magie der scheinbaren Dissonanz offenbart sich dem aufmerksamen Rezipienten ein mannigfaltiger Klangkosmos, den man durchaus als Sinneserfahrung bezeichnen kann. Rein technisch gesehen setzt Ernst auf dem Album unterschiedliche Obertöne und Wellenlängen mit polyrhythmischen Strukturen so in Beziehung, dass man sich teilweise im Techno wähnt, obwohl die elektronische Facette nur einen Bruchteil des Gesamtprodukts ausmacht. Die Künstlerin sieht aber ohnehin mehr als bloßen Vertonung in ihrer Musik verortet.

„Für mich ist die Polyrhythmik auch eine politische Fragestellung, die sich durchaus in der Gesellschaft spiegeln lässt. Wenn man etwa Sklaventrommeln oder Marschmusik hört, hat man sofort ein bestimmtes Bild vor Auge. Die Musik prägt in gewisser Weise auch gesellschaftliche Fragen.“ In der Polyrhythmik kann sich der Hörer die Hörperspektive aussuchen. „Bei 95 Prozent der Musik, die im Radio gespielt wird, ist das nicht der Fall. Die befindet sich eigentlich immer auf einem rhythmischen System, das natürlich wesentlich zugänglicher ist. Bei der Polyrhythmik hingegen ist alles im Gleichgewicht, weil verschiedene Systeme miteinander den Klang ergeben.“ Dass Ernst auf dem Album zwischen verschiedenen Genre-Stühlen mäandert, ist mehr Vor- als Nachteil. „Manche Songs klingen nach Post-Rock, andere wiederum nach Techno, aber ich bin weder da noch dort Pionierin oder habe das Schlagzeugspielen erfunden. Mich interessiert es vielmehr, neue Richtungen zu erforschen. Ein Gleichgesinnter hat mir einmal gesagt, dass wir schon alle Rhythmussysteme kennen und jetzt Neues finden müssen.“

Richtige Balance
Die Suche nach dem nur scheinbar Abstrakten verfolgt Ernst schon seit frühen Tagen. Opa und Mama waren selbst leidenschaftliche Musiker, wodurch ihr die Offenheit und Toleranz für unterschiedliche Instrumente und ihre Spielarten schon in die Wiege gelegt wurden. Als Ernst ihre Mutter zu einem Schlagzeugseminar begleitet, ist im Alter von neun die zukünftige Ausrichtung entschieden. „Ich habe auch Gitarre gespielt, aber die wurde schnell zum Hobby degradiert“, lacht sie nostalgisch. Doch nicht nur Musik, auch das Malen war stets ein wichtiger Teil des Lebens. Wenn nicht sogar der wichtigste, denn im Gegensatz zum Irrglauben vieler hat die 32-Jährige nicht Schlagzeug studiert, sondern eben Malerei. Die beiden offenbar so konträren Kunstformen sind sich teilweise ähnlicher, als man denkt. „Es hat in beiden Fällen viel mit Kondition und den richtigen Atemtechniken zu tun. Natürlich ist das Tourleben anders als die Zeit in einem Atelier, aber ich brauche beide Kunstformen, um mich auszudrücken. Es ist nicht immer leicht, alles in eine Balance zu kriegen, aber ich arbeite beständig daran.“

In performativer Art und Weise hat Ernst die beiden Welten auch schon des Öfteren verknüpft. Etwa mit dem französischen Straßentheaterensemble La Compagnie Luc Amoros, das Livemalerei und Musik verband. „Wir waren auf einem Baugerüst, haben zu sechst große Bilder gemalt und gleichzeitig von einem Bassisten begleitet gesungen.“ Zusammengeflossen sind die unterschiedlichen Einflüsse auch in ihrem multimedialen Erfolgsprojekt „ausdehnen : zusammenziehen“, für das sie den Würdigungspreis der Akademie der bildenden Künste in Wien bekam. „Das war eine choreografische Arbeit mit Schlaginstrumenten, bei der es um Bewegung, Raum, Formen und Geografie ging. Man kann sich das in etwa so vorstellen, dass der Raum wie eine Partitur für Musik wird und dadurch beide unterschiedlichen Welten nahe zusammenrücken.“

Album dank Tochter
Vor drei Jahren übersiedelte Ernst nach Berlin, am Album „Extrametric“ schraubte sie so lange, dass es fast nie entstanden wäre. Kurioserweise führte die Schwangerschaft mit ihrer heute eineinhalbjährigen Tochter zu einer rasanteren Deadline. „Durch meine Musik spielt ja jede Gliedmaße einen anderen Rhythmus. Ich habe jahrelang geübt, Aufnahmen angesetzt und sie dann doch wieder verschoben. Als ich dann schwanger wurde, war mir klar: jetzt oder nie. Ich war dann eine Woche aufnehmen und es ist zum Glück was daraus geworden. Ich verdanke das Album meiner Tochter.“ Während Ernst auf der Bühne ist, geht die Kleine mit Papa oder Oma spazieren. Das Talent der Frau Mama kristallisiert sich aber schon jetzt heraus. „Kinder lieben Musik und reagieren schnell darauf. Sie will immer Musik hören und tanzt dazu. Letztens gab es in der Früh für mich sogar schon ein schönes Gong-Konzert“.

Wer Katharina Ernst live sehen möchte, kann das u.a. bei freiem Eintritt am 17. Mai beim „Karlstag!“ am Wiener Karlsplatz machen, tags darauf in der Wiener Sargfabrik oder auch Ende Juni beim „4 Years Ventil Records“-Event im Wiener Fluc. Alle weiteren Infos und Termine gibt es unter www.katharinaernst.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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