24.02.2019 09:00 |

Helmuth Gruber

Der Hundeflüsterer, der durch die Hölle ging

Genau 20 Jahre ist es her, dass Helmuth Gruber aus Gröbming mit seinem treuen Hund Kim ins verschüttete Galtür (Tirol) aufbrach. Der heute 66-jährige Präsident der Rettungshundebrigade erinnert sich noch genau an die dramatischen Ereignisse.

Der Anruf kam ziemlich bald nach der gigantischen Lawine. Mit zwei Kameraden aus dem Ennstal machte sich Gruber sofort auf. „Wir sind über das große deutsche Eck gefahren, da war Kolonnenverkehr, und die Polizei hat uns eskortiert, mit einem irrsinnigen Tempo“, erinnert er sich an die spektakuläre Anreise. Dann ging es geradewegs in die Schneehölle von Galtür.

Im Notquartier bei den Toten von Galtür
Wegen Schlechtwetters konnten die sechs österreichischen Kameraden erst am nächsten Abend in den Skiort eingeflogen werden, wo sie mit ihren Rettungshunden im Oberstock eines Hauses Quartier bezogen – Auge in Auge mit der Tragödie: „Im Erdgeschoß sind die Toten gelegen, die schon geborgen waren.“

Als die Suche weiterging, waren Gruber und sein Schäferhund Kim an vorderster Front. „Die Hunde haben es nicht leicht gehabt, weil so ein Chaos war. Die Lawine hat ja ganze Häuser auseinandergerissen, da waren so viele Gerüche. Wir haben mehrere Leichen gefunden. Oft hast du nur einen Schuh gesehen oder eine Hand. Dann war unsere Aufgabe erledigt und die Bergretter waren an der Reihe.“

Lebende Menschen konnten Gruber und seine Kameraden nicht mehr aufspüren im Februar 1999. An einen rührenden Lichtblick erinnert er sich aber noch: „Einmal hat Kim wie verrückt im Schnee gegraben, obwohl er sich an einem Nagel die Pfote aufgerissen und geblutet hat. Dann war da ein Hohlraum, und der Hund ist hinein.“

Drinnen fanden die Retter eine Ziege mit ihren sieben Zicklein – alle wohlauf. Ein kleiner Gruß des Himmels inmitten all der Tragödien. Wobei es Helmuth Gruber in Galtür relativ gut gelang, emotional Abstand zu wahren. „Wir haben diese Leute nicht gekannt, und es waren auch keine Angehörigen dabei, da kannst du dich schon distanzieren.“

Ganz anders verhielt es sich ein halbes Jahr später in der Türkei, nach dem verheerenden Erdbeben von Gölcük, bei dem 18.373 Menschen starben. Gruber und Kim gehörten zu den internationalen Suchmannschaften, die in den Trümmern verzweifelt nach Überlebenden suchten.

Traumatischer Einsatz in der Türkei
„Das war ein Gestank und ein Chaos, überall zerquetschte Körper. Und Väter, die an dir zerren und schreien: Such’ dort drüben, da ist mein Kind!“ Es sind diese Bilder und Stimmen, die Helmuth Gruber bis heute verfolgen. Und die ihn all die Jahre angetrieben haben, für seine Rettungshundebrigade zu kämpfen.

Seit dem tragischen Jahr 1999 ist er als steirischer Landesleiter und österreichischer Präsident verantwortlich für die Organisation, die rund 400 – ehrenamtliche! – Rettungshundeteams vereint. Dank Gruber sei die Brigade heute glänzend aufgestellt, erzählen seine Wegbegleiter. Zu denen gehört auch die engste Familie: Ehefrau Karin, mit der er seit 48 Jahren verheiratet ist, dient in der ÖRHB als Generalsekretärin – und ihr jüngster Sohn Christian (34) ist mittlerweile Bundes-Einsatzleiter.

Als der treue Kim sein Herrl rettete
Ein Hundenarr war Helmuth Gruber, im Zivilberuf Mechaniker, Kraftfahrer und Mitarbeiter beim Wasserverband, schon immer. Sein Vater, ein Eisenbahner und Bergretter, nahm ihn oft mit auf den Berg, erinnert er sich. Und die Rettungshunde hatten es ihm sofort angetan. Da passt es gut, dass der 66-Jährige auch sein eigenes Leben einem Hund verdankt: Vor 22 Jahren zog ihn sein treuer Kim aus einem Klärschlammbecken, in das er beim Gärtnern gefallen war.

Doch solche spontanen Heldentaten sind selten im Leben der Vierbeiner. Die meisten der rund 150 Einsätze im Jahr, die die steirischen Kameraden verzeichnen, laufen erst an, wenn Personen länger abgängig sind – etwa verwirrte, demente Menschen. Oder Selbstmörder. Es kann richtig grauslich sein, wenn die Mannschaften in den Wäldern ausrücken bei Nacht und Nebel. Da ist absolute Disziplin bei Mensch und Hund gefragt.

„Der Hund will nur spielen oder fressen“
Deshalb wurde die Ausbildung der Hunde im Ennstal auf ein neues Niveau gehoben, ausgehend von der Erkenntnis, dass die Tiere beim Retten eigentlich gar nicht ans Retten denken. Gruber: „Der Hund will nur spielen oder fressen.“

Also wird im Trainingszentrum in Mitterberg mit Leckerli und Spielzeug geübt. Die Opferdarsteller, die sich im Gelände verstecken, haben immer einen Ball oder etwas Fressbares dabei. Bellt der Hund sie lange und laut an, rücken sie es heraus, als Belohnung. Genau gleich machen es die Hunde dann im Ernstfall, wenn sie im Wald oder im Schnee ein Opfer erschnüffelt haben: Sie bellen so lange, bis ihnen der hinzugeeilte Hundeführer die erhoffte Belohnung zusteckt.

Was kaum zu glauben ist: Bei den extremen Schneefällen in der Obersteiermark Anfang Jänner musste die Brigade gar nicht ausrücken, weil die Bergretter örtliche Einsätze gut mit ihren eigenen Hunden abdecken konnten. „Es hat Gott sei Dank keine Katastrophe gegeben, weil die Leute recht diszipliniert waren“, lobt Gruber die Wintersportler - und relativiert gleich wieder: „Aber wer weiß, was jetzt noch kommt. Die Ersten werden schon wieder übermütig.“

20 Jahre Katastrophe von Galtür
Bei den Lawinenabgängen von Galtür (23. Februar 1999) und Valzur (24. Februar) wurden mehr als 60 Menschen unter den Schneemassen begraben; 38 von ihnen konnten nur noch tot geborgen werden, 28 wurden zum Teil schwer verletzt.

Die Österreichische Rettungshundebrigade
Die ÖRHB wurde 1966 gegründet und hat ihre Übungszentrale in Mitterberg-St. Martin im Ennstal. Seit 1999 fungiert Helmuth Gruber als Präsident. Die rund 400 Rettungshundeteams helfen bei größeren Katastrophen im In- und Ausland; häufigste Einsatzart ist aber die Vermisstensuche im Inland. Hundeführer und Hunde werden jährlich auf Herz und Nieren geprüft; derzeit läuft auf dem Trainingsplatz in Mitterberg ein großer Bundes-Lehrgang.
Notruf: 012 88 98
Homepage: www.oerhb.at

Matthias Wagner
Matthias Wagner
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