17.02.2019 06:00 |

Am Schauplatz

Ehemann erstochen: „Ich habe ihn doch geliebt!“

Er misshandelte sie und ihre Kinder. Psychisch und physisch. Immer und immer wieder. Dann stach Jasmina M. ihrem Mann ein Messer ins Herz. Die Geschichte einer Frau, die jahrzehntelang in einer Traumwelt leben wollte.

Es gibt ein Foto, das sie besonders mag. Es zeigt sie bei einem Urlaub in Italien. Jasmina M. lacht in die Handy-Kamera, sie wirkt fröhlich, unbeschwert, fast wie ein junges Mädchen. Das Bild wurde in einem Moment gemacht, in dem sie glücklich war. In dem sie glaubte, dass ihr Traum von einer heilen Familie Wirklichkeit wäre.

Die Frau, die nun in der Justizanstalt Wien-Josefstadt unter Mordverdacht in U-Haft sitzt, sieht anders aus. Älter, unscheinbarer. Gebrochen. „Ich wollte das nicht, ich wollte das alles nicht“, schluchzt die 38-Jährige unaufhörlich. Das alles …

„Ich musste doch mein Kind beschützen“
Am 9. Februar hat Jasmina M. ihren Ehemann Arnel umgebracht, in ihrer Wohnung in Wien-Liesing, infolge eines Streits, „eines fürchterlichen Streits“, bei dem er „wieder einmal, ohne Grund“ auf ihre Tochter losgegangen war, sie beschimpft und geschlagen hatte. „Ich musste doch mein Kind beschützen“, sagt die Frau jetzt in Polizei-Verhören.

Sie habe sich zwischen die 18-Jährige und Arnel M. gestellt, ihn weggedrängt: „Als ich dachte, er hätte sich beruhigt, und ich in der Küche schon das Mittagessen zubereitete“, sei er plötzlich auf sie zugestürzt, er habe gebrüllt: „Ich werde dich brechen, mit meinen Fäusten, deine eigene Mutter wird dich danach nicht mehr erkennen.“ Ein Messer in der Hand der Frau, ein Stich in seinen Oberkörper, „unabsichtlich“, wie sie beteuert.

Der 40-Jährige zog seinen Pulli aus, Blut auf dem T-Shirt. „Mein Herz“, keuchte er noch, bevor er zusammenbrach. Jasmina M. und ihre Tochter versuchten, mit Handtüchern seine Wunde abzudrücken, die Frau streichelte und küsste ihren Mann, fragte verwirrt: „Habe ich dich getroffen?“, und sie flehte: „Bitte, stirb nicht.“

Arnel M. erlag wenig später seinen Verletzungen. War die Tat ein Unfall, eine Notwehrhandlung - oder Mord?

„Er schlug mich sogar, als ich schwanger war“
Was ist die Geschichte des Ehepaars? Die Eltern der Frau, Bosnier, wanderten früh nach Österreich aus, Jasmina wurde hier geboren, nach der Schule begann sie eine Friseurlehre, die sie wegen einer Chemikalien-Unverträglichkeit abbrechen musste, in der Folge machte sie eine Ausbildung zur Buchhalterin.

1998, mit 18, ging sie ihre erste feste Beziehung ein, 2000 kam ihre Tochter zur Welt: „Mein Partner war spielsüchtig, darum trennte ich mich von ihm.“ Es folgten „zufriedene Jahre, in denen ich mich bloß um mein Kind kümmerte“.

2004 lernte sie über Freunde Arnel M. kennen. Auch seine Familie war einst vor dem Krieg in Bosnien geflüchtet, er wurde in Slowenien geboren, bald der Umzug nach Wien, 1994 die Abschiebung in die Heimat.

Und nun war der Mann alleine nach Österreich zurückgekehrt. „Er tat mir entsetzlich leid.“ In seiner Tristesse. Einsam, ohne Geld, an Schuppenflechte erkrankt: „Er wirkte so schüchtern, so geschunden. Deshalb kümmerte ich mich um ihn.“

Die Frau lud den Mittellosen zum Essen ein, tröstete ihn, verschaffte ihm einen Job bei einer Spedition: „Zunächst war er für mich nur ein guter Freund. Aber irgendwann verliebte ich mich in ihn.“ 2005 die Heirat, 2006 wurde Jasmina M. schwanger: „Kurz darauf passierte es zum ersten Mal: Arnel begann aus nichtigem Grund, mit mir zu streiten, und er verprügelte mich.“

2007 gebar die Frau einen Buben.

„Er war lieb - aber auch eine Bestie“
„Es gab Zeiten, in denen Arnel mir ein wundervoller Ehemann und meinem Mädchen und unserem Sohn ein toller Vater gewesen ist. Er konnte lieb und nett sein - aber auch von einer Sekunde auf die nächste zu einer Bestie werden.“ Wenn Jasmina M. oder eines der Kinder etwas sagte oder tat, das ihm nicht passte, „drehte sich in seinem Hirn ein Schalter um, und er misshandelte uns“.

Psychisch - und physisch. Immer und immer wieder. „Meistens an den Wochenenden“, berichtete die Tochter in Vernehmungen, „wenn er sich langweilte.“ Dem Mädchen brach er, da war es gerade acht, die Nase. Dem Buben fügte er mit einem Gürtel massive Wunden zu. Der Frau renkte er mit Schlägen den Kiefer aus, sie verlor Zähne, ein andermal platzte ihr Trommelfell.

Es gab Behandlungen bei Ärzten, sie rieten Jasmina M., ihren Mann anzuzeigen - „doch das schaffte ich nicht“. Nie. „Denn ich habe Arnel trotz allem abgöttisch geliebt.“ Weswegen die Kinder von ihrer Mutter darauf getrimmt wurden, sich genauso zu verhalten wie sie selbst - „draußen“ über ihr Leid zu schweigen.

„Trotzdem konnte ich ihn nicht hassen“
Selbst als die Frau 2017 das Jugendamt alarmierte, um eine Familien-Mediation zu erwirken, erzählte sie lediglich von „verbalen Attacken“ des Vaters, und sie bläute der Tochter und dem Sohn ein, sich ebenfalls an diese Angaben zu halten: „Ich hatte Angst, sie könnten in ein Heim kommen, wenn sie die Wahrheit erzählen würden.“

Also blieben die Übergriffe des Mannes unentdeckt. Doch die Nachbarn hörten oft Geschrei und Poltergeräusche aus der Wohnung der M.s. „Wir fragten sie, warum es bei ihnen dauernd so laut war. Aber sie meinten immer nur, wir sollten nicht an fremden Türen lauschen.“

Zuletzt arbeitete das Ehepaar auf dem Großgrünmarkt. „Die beiden“, erinnern sich Kollegen, „gingen freundlich miteinander um.“ Dass es in ihrer Beziehung Probleme, ernsthafte Probleme geben könnte, „vermuteten wir dennoch seit Langem“.

Unter dem stets dick aufgetragenen Make-up im Gesicht, am Hals, sogar auf den Armen der 38-Jährigen seien nämlich dunkle Flecken zu erkennen gewesen, „und sie war so extrem schreckhaft, kamen wir ihr unabsichtlich zu nahe, duckte sie sich und hielt die Hände schützend vor ihren Kopf. Mehrfach wollten wir von ihr wissen, ob Arnel sie schlägt.“ Ihre Antworten? „Ausweichend.“

„Obwohl mein Mann den Kindern und mir Schreckliches antat, hasste ich ihn nicht“, sagt die Frau: „Weil ich wusste, dass er im Grunde seines Herzens ein guter Mensch war.“

Spuren hinterlassen
Warum verhielt er sich dann aber böse? „Seine schwierige Jugend hatte eben Spuren an ihm hinterlassen.“ Minderwertigkeitsgefühle, die Arnel M. auszugleichen versuchte, indem er Kampfsportarten erlernte und als Hobby-DJ arbeitete.

Dennoch blieben diese ungeheuren Aggressionen in ihm. Gegen seine Frau, wegen ihrer besseren Bildung, wegen ihres Interesses für Kunst. Gegen die Tochter, die nicht sein eigen Fleisch und Blut war und noch dazu eine fleißige Schülerin mit dem Plan, nach der Matura zu studieren. Gegen den Sohn, der ihm verweichlicht schien, den er mit Gewalt zu einem „Kämpfer“ machen wollte.

Jasmina M. erzählt auch von Urlauben, die nicht so harmonisch abgelaufen seien wie der in Italien. Die Fotos von „schlimmen Ferienaufenthalten“ löschte sie meist schon bei der Heimfahrt von ihrem Handy: „Denn ich wollte nur das Gute sehen …“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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