So, 17. Februar 2019
31.01.2019 07:00

„Krone“-Interview

Helmut Lotti: „Ich liebe es, Leute zu erschrecken“

Sieben Jahre lang hatte Publikumsliebling Helmut Lotti zwischenzeitlich pausiert, um seine Motivation und sich selbst wieder zu finden. Frisch gestärkt befindet sich der belgische Crossover-Künstler nun wieder auf der Überholspur und erobert mit seinem aktuellen Album „Soul Classics In Symphony“ die Charts. Wir unterhielten uns mit ihm über das Comeback, sein anstehendes Wien-Konzert und wie die Diagnose ADS sein Leben zum Besseren veränderte.

„Krone“: Helmut, am 26. Februar spielst du ein Konzert in der Wiener Stadthalle F und präsentierst dabei auch die Songs deines aktuellen Albums „Soul Classics In Symphony“. Wie fühlt sich das Album mit etwas Distanz seit der Erscheinung für dich an?
Helmut Lotti:
Es ist im Grunde wie bei jedem Album. Diese Frage kann ich immer erst dann beantworten, wenn das nächste Album fertig ist. (lacht) Dann habe ich nämlich ausreichend Abstand dazu, derzeit ist es noch zu wenig. Ich bin sehr zufrieden mit dem Album, weil es eine perfekte Mischung aus einem Soul- und einem Lotti-Album ist. Es sollten nicht nur Coverversionen von Soulkünstlern sein, deshalb sind zum Beispiel auch „Purple Rain“ von Prince und „If I Could Turn Back The Hands Of Time“ von R. Kelly auf dem Album. Soul ist ein sehr breiter Begriff und ich wollte viele Unterschiede haben, das ist mir gelungen. Typisch für Lotti sind dann herausfordernde, schöne Melodien. Man sollte die Standards nicht ändern, aber ich mache das trotzdem immer wieder. (lacht) Ich wäre unglücklich, hätte ich es nicht so gemacht.

Die Melodien sind für dich also am Wichtigsten und machen ein Coveralbum zu einem Helmut-Lotti-Album?
Ja, auch der Abwechslungsreichtum ist natürlich entscheidend. Es gibt jazzigen Soul, rockigen Soul und sogar Folk-Soul und ich glaube, ich habe die Breite sehr gut abgedeckt.

Du bist ohnehin ein Wanderer zwischen musikalischen Welten, der sich immer schon an Pop, Soul, Jazz, Funk oder Klassik versucht hat. Hast du zu all diesen Musikstilen dieselbe, intensive Beziehung?
Ich finde Soul sehr schön, weil viel Leidenschaft darin steckt. Das hat damit zu tun, dass der Soul eine Mischung aus Gospel, Blues und Jazz und im Grunde genommen schwarze Musik ist. Dieser leidenschaftliche Gesang ist typisch schwarz, das war auch der Grund für dieses Album. Ich singe natürlich nicht wie ein Schwarzer und wollte das auch nicht versuchen. Ich habe so gesungen wie immer und die Lieder an mir angepasst, statt mich an die Songs anzupassen.

Gab es bestimmte Songs, die für dich besonders herausfordernd waren?
Das Lied „I’d Rather Go Blind“ von Etta James habe ich stark verändert. Das Original hat vom Anfang bis zum Ende immer die gleiche Melodie, aber ich habe es abgeändert. James erzählt eine persönliche Geschichte, die ich so niemals nacherzählen kann. Einen Refrain gibt es bei dem Lied eigentlich nur im Text, aber ich habe auch die Melodie zu einem Refrain eingepasst. Das war für mich der wichtigste Unterschied, dass ich das Lied auch singe. Es soll ja zu mir passen. Bei „What Becomes Of The Brokenhearted“ habe ich einfach eine Strophe nach vorne gesetzt und daraus eine musikalische Brücke gemacht. Solche Sachen mache ich manchmal einfach, weil es mir so gefällt.

Du kannst diese persönlichen Lieder und Texte der Originalinterpreten „nur“ nacherzählen. Anders ist es auch gar nicht möglich. Macht das die ganze Sache für dich schwieriger?
Natürlich nicht. Das Schöne an Musik ist, dass es immer persönliche Geschichten sind, die aber für jeden gelten. Liebeskummer haben wir alle. Musik ist deshalb so erfolgreich, weil es eine Form von Kommunikation ist. Ich habe aus Musik immer sehr viel Trost gezogen, weil ich oft das Gefühl hatte, dass ich durch gewisse Songs nicht allein sei. Ich kann mir immer vorstellen, dass mir diese Geschichten genau so passieren und manche sind tatsächlich so passiert. Mit dem Alter wird zwar die Stimme nicht besser, aber das Talent, sich in die Songs einleben zu können.

Musst du deine Stimme heute nach mehreren Dekaden Karriere anders pflegen als früher?
Nein, das ist immer noch gleich. Vor einem Konzert habe ich immer das gleiche Ritual. Ich singe beim Soundcheck und eine halbe Stunde vor dem Konzert mache ich leichte Stimmübungen.

Die Liebe ist ein wiederkehrendes Motiv auf dem neuen Album. Sie zieht sich als roter Faden durch alle Kompositionen.
Es gibt in jedem Genre unterschiedliche Themen, aber die Liebe ist fast überall anwesend. Im Soul auch noch viel mehr als im Rock’n’Roll.

Du wirst selbst immer gerne als Romantiker bezeichnet. Gefällt dir diese Zuschreibung?
Das bin ich ja auch, das ist schon korrekt.

Ist es bei den vielen Stilen schwierig, ein Konzert so zusammenzustellen, dass du die Leute auf eine passendgereihte Reise mitnehmen kannst?
Ich finde das ehrlich gesagt nicht schwierig, denn ich liebe Abwechslung und ich liebe es auch, Leute zu überraschen. Ich springe gerne von einer Sache zu einer ganz anderen. Ein sehr schlechtes Hobby von mir ist es, Leute zu erschrecken. Ich hatte bei mir zuhause mal eine Putzfrau, die war zweimal die Woche bei mir. Jedes Mal, als sie ankam, war ich bereits wach, obwohl sie dachte, ich würde schlafen. Ich stand immer hinter der Küchentür und als sie sie öffnete, sagte ich „hallo“. Sie sprang dann vor Schreck immer einen Meter hoch. (lacht) Leute reinzulegen macht mir wirklich Spaß.

Passiert das manchmal auch auf Tour, wenn du mit deinem Golden Symphonic Orchestra unterwegs bist?
Nein, auf Tour bin ich ziemlich brav. Wir sind mittlerweile wie eine große Familie. Ich nenne das ganze Team immer „Zirkus Lotti“. Ich war sieben Jahre lang nicht da und jetzt gibt es im Orchester ganz viele junge Musiker. Die Rhythmussektion und einige Bläser sind ganz neu, die Geiger sind noch dieselben. Die Mischung passt.

Hast du immer eine klare Vision, wie deine Liveshow über die Bühne geht, oder bleibt da auch Platz für Spontanität?
Improvisation ist bei 22 Leuten und Partituren auf der Bühne nicht möglich.

Du hast eine besondere Beziehung zu Wien. 1997 bist du mit Placido Domingo, Sarah Brightman und Riccardo Cocciante bei „Christmas In Vienna“ mit den Wiener Symphonikern aufgetreten. Gewiss ein großes Highlight in deiner Karriere.
Da hat im Prinzip alles angefangen. 22 Jahre ist das mittlerweile her. Im Dezember habe ich auf YouTube einen Film entdeckt. In Belgien hat man damals von mir eine Dokumentation gemacht, das war ein Wahnsinn. Ich habe die ganze Geschichte seit 1997 nicht mehr gesehen und da konnte ich rekapitulieren, wie damals alles war. Ich war noch ein Fohlen, total unerfahren. Das sind wahnsinnige Erinnerungen. Ich wusste damals schon, was für Musik ich machen möchte, aber der Auftritt hat meiner Glaubwürdigkeit beim Publikum sehr stark geholfen. Musikalisch war es auch interessant, so etwas zu erleben. So oft gibt es nicht die Chance, mit solchen Größen zusammenzuarbeiten, die dann auch noch so menschlich und natürlich sind.

Du hast damals die Bühne mit deinen großen Idolen geteilt. Mittlerweile bist du für viele junge Musiker und Sänger ein Idol. Ist das ein Gefühl, das dir behagt?
Ich finde es schön. Es gibt eine ganz tolle Band namens The Baseballs. Mit denen habe ich unlängst beim „Silvesterstadl“ einiges gemeinsam gesungen. Der Sänger kam dann zu mir und sagte mir, es wäre für ihn eine Ehre gewesen, mit mir zu singen. Vor 15 Jahren war er bei einem Konzert von mir und als er davon erzählte, fand ich das unheimlich berührend. Es ist schön, wenn ich Leute begeistern kann, aber das will ich auch. Ich sehe dann, dass mir doch einiges gelungen ist und die Baseballs sind eine hervorragende Band.

Der „Silvesterstadl“ ist sinnbildlich für die Offenheit der unterschiedlichsten Musikgenres. Heute lässt sich schon so einiges verknüpfen in verschiedenen Sendungen. Begrüßt du diese Richtung?
Das ist auf jeden Fall nicht schlecht. Es gibt in Belgien auch eine Version von „Sing That Song“ und dort werden die unterschiedlichsten Künstler für eine Woche in einem Haus zusammengebracht und sie singen Lieder der anderen. Ich habe das letztes Jahr gemacht und es war eine der schönsten musikalischen Erlebnisse meines Lebens. Man entdeckt da nämlich, dass es nur zwei Arten von Musik gibt: gute und schlechte. Ich habe zum Beispiel Lieder von K’s Choice und Within Temptation gesungen, das hat mir großen Spaß gemacht. Ob es jetzt Blues, Jazz oder Schlager ist, ist egal. Am Ende bestehen all diese Songs aus Noten, Melodien und Akkorden. Damit kann man machen, was man will und viel experimentieren. Es ist ganz komisch, dass Dolly Partons „I Will Always Love You“ als Country-Evergreen bezeichnet wird und in der Version von Whitney Houston auf Platz eins der Billboard-R&B-Charts landet.

Die Kritiken für dein neues Album waren sehr positiv. Eine davon etwa beschrieb, dass du so klingst wie Elvis Presley einst in Las Vegas. Das muss ein besonders großes Lob gewesen sein, da Elvis immer dein großes Idol war.
Natürlich, denn ich habe auch bewusst versucht, so zu klingen. Auch den Song „Bring It Home To Me“ habe ich meiner zusätzlichen Brücke versehen und ihm dadurch Originalität genommen.

Du hast vorher schon mal deine Pause angesprochen. Wie notwendig waren diese Jahre für dich?
Meine Pause war eine internationale, weil ich im Kopf Ruhe brauchte um nachzudenken, was ich musikalisch noch machen möchte. Ich wollte einfach etwas anderes machen. Es war Zeit zu reflektieren, wie mein Leben weitergehen sollte und ich wollte wissen, ob es zwischen dem großen beruflichen Erfolg und meinen großen privaten Problemen eine Verbindung gab. Jetzt weiß ich, dass die beiden Sachen nichts miteinander zu tun haben. Privat war es einfach falsches Einschätzungsvermögen. Seit zwei Jahren habe ich eine sehr gute Beziehung und ein stressfreies Leben. Das kannte ich als Erwachsener gar nicht. Ich bin jetzt glücklich. Viele Menschen arbeiten hart an meinem Comeback, aber wenn ich jetzt nur mehr ein Drittel oder die Hälfte meines früheren Erfolgs erreichen würde, wäre es auch okay für mich. Als Mensch fühle ich mich 100 Mal besser.

Vor etwa einem Jahr wurde bei dir ADD, eine Form des Autismus, diagnostiziert. Hat das Wissen davon viele Dinge in deinem Leben schlussendlich erleichtert?
Es hat für mich einige Sachen erklärt, das ist das richtige Wort. Ich hatte oft ein falsches Einschätzungsvermögen in sozialen Begegnungen. Ich weiß jetzt, warum bei mir immer alles so strukturiert sein muss, warum ich mich überhaupt nicht auf Small Talk konzentrieren kann und dass ich bei zu viel Lärm verrückt werde. Ich kann mich in Diskotheken überhaupt nicht amüsieren. Ich kann an einem Tisch sitzen mit vier Leuten, nicht aber mit zwölf. Es wäre mir einfach zu viel. Ich weiß auch, warum ich Leute daheim immer frage, ob sie den Fernseher ausschalten können, weil ich sonst nicht mit ihnen reden kann. Das hat alles mit dieser Form von Autismus zu tun.

Es kann zum Glück nur eine bestimmte Art von Lärm sein, denn wenn du ein Konzert gibst, kann es auf und abseits der Bühne ja auch ordentlich krachen.
Das ist unterschiedlich. Wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich alles im Griff und ich will ja, dass die Leute laut sind. Aber bitte am Ende eines Liedes und nicht in der Mitte. (lacht)

2019 ist für dich auch ein großes Jubliäumsjahr. Du feierst deinen 50. Geburtstag und 30 Jahre auf der Bühne. Bei solchen Zahlen bekommen viele Menschen gemischte Gefühle. Wie begegnest du ihnen?
Ich habe keine Angst vor dem 50er. Ich liebe Geburtstage und es ist einfach ein weiterer, auf den ich mich freue. Ich kann sagen, dass ich mit 50 glücklicher bin als mit 40. Mein Manager sagt, dass wäre normal. Man ist selbstsicherer und zufriedener. Es tat mir auch gut, in den letzten sieben Jahren mal zu verlieren. Einmal mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen, das kannte ich vorher nicht. Ich hatte so viele Ambitionen und wollte immer die Nummer eins sein. Jetzt interessiert mich das nicht mehr so sehr. Ich freue mich natürlich, dass ich in Belgien seit 14 Wochen Top-10 bin, aber ich rufe nicht mehr jeden Tag Leute bei der Plattenfirma an, um nachzufragen, wo wir stehen. (lacht)

Was war denn der ausschlaggebende Moment dafür, dass du das verlieren erlernt hast?
Nein. Ich hatte damals ein niederländischsprachiges Album gemacht und das war ein totaler Flop. Dann folgte ein Album auf Englisch, dass die Lage auch nicht verbesserte. Erst das Comebackalbum schlug wieder ein. Talent ist nur 25 Prozent wert. Dann braucht man noch ein gutes Management, gute Promotion und viel Marketing. Gut zu singen ist nicht gut genug, es ist ein Geschäft. Ohne die richtigen Leute kommt man auch nicht sehr weit. Vorher sah ich die 20 Prozent, die falsch liefen, der Rest, der funktionierte, war für mich normal. Ich habe fast nur das Negative gesehen, weil ich so ein Perfektionist bin. Ich sah nur noch, was alles danebengeht. Heute weiß ich wieder, was ich habe und denke mir einfach nur „Wow“.

Wenn du dich noch immer auf deiner Comeback-Tour befindest - was hast du denn mittelfristig für Pläne und Ziele?
Ich kann mir noch so einige Dinge vorstellen, aber die werde ich jetzt noch nicht verraten. (lacht) Auf jeden Fall gibt es noch viel zu tun und ich bin weit davon entfernt, aufzuhören.

Live in Wien
Am 26. Februar spielt Helmut Lotti samt seinem Orchester in der Wiener Stadthalle F. Karten und alle weiteren Infos gibt es unter www.ticketkrone.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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