Do, 13. Dezember 2018

14.500 Fans in Wien

24.11.2018 12:28

Slayer: Das Höllentor öffnete sich noch einmal

Nach 37 Jahren neigt sich die Karriere der US-Thrash-Metal-Institution Slayer dem Ende zu. Aus gesundheitlichen Gründen sollt es bald vorbei sein mit den Livekonzerten - vor einer Rekordkulisse bewiesen Tom Araya, Kerry King und Co. Freitagabend in der randvollen Wiener Stadthalle aber eindrucksvoll, dass sie eigentlich unverzichtbar sind.

Was war zuerst da? Die Henne oder das Ei? Diese Frage lässt sich eins zu eins auf den Thrash Metal ummünzen, wenn es um Metallica und Slayer geht (und ja, wir wissen, dass sich Bands wie Exodus oder Overkill noch früher formierten). Beide veröffentlichten 1983 ihre wegweisenden Debütalben, beide sind - neben Megadeth und Anthrax - die zwei mit Abstand größten der sogenannten „Thrash Big Four“ und füllen mittlerweile die größten Arenen. Gut - Metallica sehen wir 2019 sogar im Happel-Stadion, aber das Quartett rund um James Hetfield hat dafür auch den Sprung in den Mainstream gewagt und die Härte zugunsten nachvollziehbarerer Songstrukturen und bekömmlicher Experimente eingetauscht, wohingegen Slayer die diabolische Konstante des Immerbösen blieben: Knatternde Riffs, maschinengewehrartiges Schlagzeug und Tom Arayas in lichte Höhen greifende, das Fegefeuer durchdringende Stimme, mit der man auch nach knapp 40 Jahren noch gut Beton zersägen kann.

Größer als Rihanna
Da der überzeugte Christ und texanische Rinderfarm-Besitzer aber keine Maschine ist, befinden sich die Kultmusiker gerade auf opulenter Abschiedstour. Aufgrund exzessiven Headbangens hat man Araya über die Jahre die gesamte Wirbelsäule neu zusammenschrauben müssen, Livetourneen sind für den 57-Jährigen somit mittlerweile ein legitimes Problem. Nach dem Tod von Gitarrist Jeff Hanneman und dem wiederholten Ausstieg von Drummer Dave Lombardo würde somit nur mehr Grant-Glatze Kerry King übrig bleiben, doch ein AC/DC-Schicksal will wohl nicht einmal der härteste Slayer-Lunatic erleben. Auf ihrer Abschiedsschau spielen Slayer somit nicht nur erstmals in der Wiener Stadthalle, sondern füllen diese auch. 14.500 Fans sollen am Ende zu Buche stehen - das ist somit die zweitgrößte Show in ganz Europa und nebenbei noch mehr, als es an gleicher Stelle vor gut zwei Jahren bei Rihanna waren. Die Welt ist manchmal eben doch noch gerecht.

Für das finale Treiben haben die Urgesteine noch einmal ordentlich Aufwand betrieben. An allen Ecken und Enden brennt und lodert es, die Flammen schießen wahlweise in Form von Pentagrammen oder verkehrten Kreuzen aus dem Bühnenboden, die Slayer-Adler flankieren die Bühne auf den Seiten und die liebevoll gestalteten Backdrops werden farblich divers bestrahlt und bieten vom „Slaytanic Wehrmacht“-Kriegsmotiv bis hin zu einem gehäuteten Kopf á la „Dead Skin Mask“ alles, was der „Slayerist“ benötigt, um für gut 90 Minuten in freudvoller Glückseligkeit zu schweben. Beim famosen „Hell Awaits“ setzen sie gar die gesamte Bühne unter Flammen. Da können sich sogar Rammstein noch was für die anstehenden Stadion-Shows abschauen. Wenn man richtig steht (in dem Fall mittig und möglichst weit vorne) ist sogar der Sound in der Stadthalle passabel - ein Urteil, das viele Sitzplätze und seitlich gelegene Steher aber nicht unbedingt bezeugen können.

Buntes Potpourri
Musikalisch bieten Slayer einen bunten Querschnitt durch ihre gesamte Karriere, nur das 20 Jahre alte und selbst in Slayer-Fankreisen nur semibeliebte „Diabolus In Musica“-Album wird zur Gänze weggelassen. Mit dem fetzigen „Repentless“ starten Araya und Co. ins Set, mit „Payback“ und „Dittohead“ gibt es sogar ein paar Überraschungen für die Hardcore-Fraktion, aber den Fokus legen Araya, King und Co. natürlich auf die Kultscheiben der 80er-/Früh-90er-Jahre, mit denen sie sich den bis heute gültigen Ruf als härteste Thrash-Metal-Band der Welt erarbeitet haben. „Mandatory Suicide“, „Postmortem“ oder „Seasons In The Abyss“ rasen wie ein E-Zug durch die Hölle. Für rührselige Momente ist trotz des womöglich allerletzten Wien-Auftritts kein Platz, im Gegensatz zu früheren Konzerten wendet sich Araya aber immer wieder mal kurz ans Publikum, auch wenn aktive Interaktion nicht zu seinen Stärken zählt.

„Hier öffnet sich gerade die Hölle“, zeigt sich Edelfan Wolfgang „Gsputi“ Gspurning begeistert. Der 42-Jährige aus dem weststeirischen Lannach hat schon so manches Slayer-Konzert erlebt und zählt dieses zum vielleicht besten seines Lebens. Neun Haarbänder sind vonnöten, um seine stattliche Mähne vor und nach der Show zu bändigen, dazwischen rotieren die Haare fast durchgehend in Propellerform. „Slayer hat schon früh etwas in mir ausgelöst, das ich mit Worten nicht beschreiben kann. Sie haben mein Leben verändert.“ Über die Jahre durfte er allen Ex- und aktuellen Mitgliedern die Hand schütteln und hat sich neben diversen Platten, T-Shirts, Kappen und Gitarrenplektren sogar schon einen von King signierten Gitarrenfolder von BC Rich, sowie diverse Menüpläne und Servietten in seinen Schrein stellen können. So mancher behauptet sogar, er würde Slayer besser kennen als Slayer selbst.

Emotion in der Aggression
Diese positiv Verrückten sind dafür mitverantwortlich, dass Slayer am Zenit ihrer Karriere die größten Hallen in europäischen Städten füllen. Ebenso wichtig ist natürlich das originäre Songwriting und die Leidenschaft zum Tun. Als sich am Ende noch „Raining Blood“ und „Angel Of Death“ über die Häupter der schwitzenden und tobenden Fans beugt, vermischt sich die rohe Energie erstmals mit etwas Wehmut. Als die Saallichter angehen, lässt sich Araya noch minutenlang von den Fans bejubeln, lässt sogar den ein oder anderen schelmischen Grinser entfleuchen und verabschiedet sich in holprigem Deutsch mit einem herzhaften „ich werde euch vermissen“. Erst im Laufe der Zeit werden wir alle realisieren, welch akustische Urgewalt wir an diesem Abend verabschieden mussten. Aber wer weiß - die ersten europäischen Festivaldates für 2019 haben Slayer bereits angekündigt…

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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