Mo, 15. Oktober 2018

Autobiografie

22.09.2018 07:00

Boney M.-Sängerin Marcia Barrett blickt zurück

„Daddy Cool“, „Rivers Of Babylon“, „Ma Baker“ und viele mehr - die legendären Singles von Boney M. haben auch 40 Jahre nach ihren Charterfolgen noch unzählige Liebhaber und Fans. Sängerin Marcia Barrett hat als erstes Bandmitglied ihre Autobiografie geschrieben und lässt dabei nicht nur tief in das Bandgefüge, sondern auch in ihr Privatleben blicken. Ein Werk, das keinesfalls nur Vergnügen bereitet.

An der Spitze ihres Erfolgs waren Boney M. fast auf Augenhöhe mit ABBA. Die zweite Hälfte der 70er-Jahre, während der ersten Hochphase des Discosounds mit unwiderstehlichem Pop-Appeal, wurden die Charts von diesen beiden Gruppen nach Belieben bestimmt. „Es haben immer alle geglaubt, wir und ABBA wären große Rivalen gewesen“, erklärt Boney-M.-Sängerin Marcia Barrett, „aber das stimmt so nicht. Erstens haben sie selbstständig komponiert und wir wurden zusammengestellt, zweitens sind wir uns bei den Fernsehpopshows immer mit dem nötigen Respekt begegnet.“ „Immer weiter - Mein Leben mit und ohne Boney M.“ ist Marcia Barretts Rückschau auf ein von unglaublichen Höhen und unfassbaren Tiefen gezeichnetes Leben. Es ist die erste offizielle Autobiografie eines Mitglieds der legendären deutschen Discoband und glücklicherweise alles andere als ein von Neid und Missgunst durchzogener Abrechnungsskandal, sondern vielmehr eine profunde Werkschau auf eine Karriere, wie es sie dank all der Talente- und Castingshows auch heute noch problemlos geben könnte.

Künstlicher Megaerfolg
Barrett spannt den Bogen auf den knapp 300 Seiten sehr weit und lässt viele Einblicke hinter die Kulissen zu. Etwa in einer Stelle, als die damals gerade aufkommenden Boney M. im Vorprogramm von Udo Jürgens mit endlosen Zugaberufen bedacht wurden und der Superstar selbst so ganz und gar nicht erfreut auf diese Tatsache reagierte. Die Karriere von Boney M. war eine reine Kopfgeburt des deutschen Musikproduzenten Frank Farian, der für die Vielzahl seiner Songs hübsche Aushängeschilder suchte und die Band schlussendlich aus künstlerisch und tänzerisch talentierten jungen Leuten aus Jamaika (Marcia Barrett, Liz Mitchell), Montserrat (Maizie Williams) und Aruba (Bobby Farrell) zusammenstellte. Während die beiden ersteren sich relativ schnell mit starken Stimmen herauskristallisierten, konzentrierten sich Williams und Farrell auf die Showeffekte und exaltierte Tanzeinlagen. Von den kleinen Clubs bis zur ersten westlichen Band, die vor Abertausenden Menschen in Moskau auftreten durfte, vergingen nur wenige Jahre.

Angefangen von „Daddy Cool“ bis hin zu „Mary’s Boy Child“ feierte die Band sieben Nummer-eins-Singles in Serie und brachte nicht nur die Fans im deutschsprachigen Raum, sondern auch zunehmend in England zur Verzückung. Barrett referiert im Buch schonungslos und ehrlich vom raketenhaften Aufstieg in ungeahnte Karrieresphären. Musste sie sich als Kind in den Vororten von Kingston noch mit körperlicher Arbeit und Angst vor sexuellem Missbrauch durch die Armenviertel schlagen, fand sie sich mit Boney M. zu Beginn ihrer 30er plötzlich in einem dekadenten Nebel aus Hotelsuiten, teurem Champagner, Designerkleider und First-Class-Tickets wieder. Unermüdlich betont sie in ihrer Rückschau dabei die aufrecht erhaltene Bescheidenheit, die aber stets von der freimütigen Liebe für Luxusartikel und einem privaten Haus mit Meerzugang in Florida konterkariert wird. Widersprüchlichkeiten finden sich in „Immer weiter“ aber nur marginal, denn wo viel Sonne scheint, da fällt auch einiges an Schatten. Den Teil um die Karriere- und Finanzstreitereien mit Farian, der seiner Band über Jahre keine Sekunde Freizeit gönnte, aber angeblich den Großteil der Einnahmen für sich einstrich, lässt Barrett ebenso flach ausfallen wie die durchaus vorhandenen, aber nicht überbordenden Animositäten innerhalb des Bandcamps.

Private Schicksalsschläge
Was diese Biografie von vielen anderen hervorhebt, ist Barretts schonungslose Ehrlichkeit mit ihrem harten Privatleben. So erinnert sie sich nicht nur offen und freimütig an Hunger und Armut in der Kindheit, sondern lässt auch kein Detail darüber aus, dass sie bislang ganze fünfmal vom Krebs befallen wurde und die heimtückische Krankheit mit viel Selbstvertrauen und Optimismus immer wieder von Neuem besiegen konnte. Ihr würden Eierstöcke, Eileiter und Gebärmutter entfernt, sie erkrankte später an Brustkrebs und verlor 2007 auch noch die halbe Speiseröhre. Dazwischen war es so schlimm um Barrett bestellt, dass sie sogar wieder neu gehen lernen musste. So ist der Buchtitel „Immer weiter“ das unumstößliche Lebensmotto der Sängerin, die sich von keinem Schicksalsschlag unterkriegen ließ und mit ihrem treuen Ehemann Marcus allen Widrigkeiten des Lebens zu trotzen wusste. Sie spart auch nicht das schwierige Kapitel Mutterschaft aus. Barrett bekam Sohn Wayne bereits im Alter von 16 und hat nach diversen Missverständnissen und Schicksalsschlägen noch heute kein gutes Verhältnis zu ihm. Ein weiterer sehr privater Lebensbereich, den andere Künstler bewusst außen vorlassen würden.

„Immer weiter“ ist somit mehr als nur eine chronologische Rückschau auf eine sensationelle Musikerkarriere. Es ist die schonungslose Lebensbeichte einer bald 70-Jährigen, die dem Leser klar vermittelt, dass Geld und Ruhm im Leben niemals Liebe und Gesundheit ersetzen können. Es ist ein Plädoyer dafür, dass man sich um seine Familie und Freunde kümmern sollte und Gräben möglichst schnell wieder zuschüttet. Unbewusst gelang Barrett eine Art Lebensratgeber für alle jene, die sich gerade etwas verloren fühlen oder nicht zu 100 Prozent in die Normen der Durchschnittsgesellschaft passen. Statt Verbitterung liest man Kampfeslust, statt Aufgabe Einsatz und Motivation. Marcia Barrett ist somit nicht wegen der unglaublichen Menge an 70s-Hitsingle ein Superstar, sondern aufgrund der Art und Weise, wie sie sich durch die schwierigsten Phasen ihres Lebens manövrierte. Ein hoffentlich ruhiger und möglichst gesunder Lebensabend in ihrer derzeitigen Wahlheimat Berlin sei ihr von Herzen vergönnt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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