Mo, 20. August 2018

August 1968

05.08.2018 06:00

Code „Urgestein“ und der Sowjet-Einmarsch

Augenzeugenberichte und neue Forschungen: Die Sowjets bereiteten im August 1968 nach der Besetzung der ČSSR den Einmarsch in Österreich vor. Der Kanzler wollte flüchten.

Im Hochhaus der Gemeinde Wien am Matzleinsdorfer Platz schrillt das Telefon. Es ist zwei Uhr Früh. Der 21. August 1968. „Krone“-Gründer und Chefredakteur Hans Dichand schreckt in seiner Wohnung aus dem Schlaf.

Die Sowjets, so berichtet ein Reporter atemlos, könnten in der Tschechoslowakei einmarschiert sein. Ein Gendarm aus dem Weinviertel habe ihn angerufen, verdächtige Funksprüche habe man aufgefangen und Bewegungen hinter der Grenze festgestellt, alles sei vage.

„Sonderausgabe! Alle ins Pressehaus!“
„Sonderausgabe! Alle ins Pressehaus!“, befiehlt Dichand sofort. Wenig später sind sie alle in der Muthgasse: Redakteure. Kolumnisten. Setzer. Drucker. Dichand diktiert den Aufmacher direkt, klappernd fallen die Buchstaben aus Blei in die Maschine: „Das Unfassbare ist geschehen: Sowjetpanzer überrollen die ČSSR.“

Nicht so glatt wie im Pressehaus verläuft es in dieser Nacht in den Machtzentren der Republik. Verteidigungsminister Georg Prader ist zum Erlaufsee auf Urlaub gefahren, Telefon gibt es in der Frühstückspension nicht, was soll denn schon passieren, hat er gesagt.

Bundeskanzler Dr. Josef Klaus entgeht der schwülen Hitze der Stadt in seinem Gartenhaus in Wolfpassing. In der Früh fährt er nichts ahnend in Richtung Wien. Klaus, schon seit seiner Zeit als Landeshauptmann in Salzburg ein vorsichtiger Zögerer, bittet die Bevölkerung in einer Radio-Sondersendung, Ruhe zu bewahren. Aber: Er verurteilt die Invasion der Sowjets im Nachbarland konkret nicht.

„Code Urgestein“: Bundesheer brachte sich in Stellung
Bundesheer-General Erwin Fussenegger gibt die Weisung „Code Urgestein.“ Das Militär setzt sich in Bewegung, aber nur ein bisschen. Die Soldaten müssen in einem Abstand von 30 Kilometer zur Staatsgrenze bleiben, denn man will den „russischen Bären“ nicht vergrämen.

Die Panzergrenadiere des Bundesheeres sind abmarschbereit, doch der Kanzler bleibt zögerlich: Es sei nur eine krisenhafte Situation, und auch die Saabs, die „Fliegenden Tonnen“, hatten den 30-Kilometer-Abstand zur Nordgrenze strikt einzuhalten.

Die blutigen Ereignisse in Prag und die Massenverhaftungen lösten eine riesige Flüchtlingswelle aus: 200.000 kommen über die Grenze - und sie werden gut aufgenommen.

Sowjets wollten durch Österreich nach Jugoslawien
Neue Dokumente und Forschungen zeigen nun die ungeheure Dramatik, die in den folgenden Wochen aufkommt: Denn Leonid Breschnew in Moskau ist der eigensinnige Kurs von Jugoslawiens Staatschef Tito schon lange zuwider.

So lässt der Kreml die Pläne für einen Weitermarsch ausarbeiten. Die zweite Invasion, diesmal in das erst seit 13 Jahren von den Besatzungstruppen geräumte Österreich.

Mit Hilfe der ungarischen Armee soll Jugoslawien in die Zange genommen werden: Durchmarsch der Sowjets durch das Wiener Becken, weiter Richtung Süden und als zweite Flanke Einmarsch der Ungarn.

Kanzler wollte sich in die Alpen flüchten
Klaus informiert Hans Dichand im Kanzleramt am Ballhausplatz: Er erwarte eine Invasion der Sowjets und wolle daher den Regierungssitz nach Zell am See verlegen, das sei ja schwer einzunehmen.

Am 6. September 1968 ortet der Kommandoraum im Bundesheer Anzeichen für eine beginnende Umgruppierung sowjetischer Kräfte aus dem Raum Pressburg in westliche Richtung. Das Heer besetzt die Flugplätze, sie wären das erste Ziel der Sowjets gewesen, so wie im August in Prag.

Der Präsenzdienst wird verlängert, die Soldaten dürfen nicht abrüsten, Reservisten werden zum Teil einberufen, alles soll aber möglichst still verlaufen.

USA und Sowjets drohten mit Atomschlägen
Die Welt steht vier Jahre nach der Kuba-Krise wieder am Rand des Abgrunds: Die Amerikaner drohen mit einem Atomangriff, sollten die Sowjets das neutrale Österreich als Durchmarschgebiet ins kommunistische, aber blockfreie Jugoslawien nützen.

Die Sowjets machen beim Plattensee acht in einem Bunker versteckte Atom-Raketen abschussbereit.

Dann sucht der sowjetische Botschafter in Wien Boris Podzerob den Kanzler auf: Es bestehe keine Gefährdung für Österreich, man habe nur die Konterrevolution in der Tschechoslowakei beenden müssen.

Es dauert noch 21 lange Jahre, ehe der Eiserne Vorhang fällt und der Kommunismus auf dem Müllhaufen der Geschichte landet.

Hintergrund: Alexander Dubcek übernahm am 5. Jänner 1968 den Vorsitz der Kommunistischen Partei der ČSSR, und es entwickelte sich der „Prager Frühling“, ein wenig mehr Freiheit, die sanfte Reform des brutalen Kommunismus. Leonid Breschnew im Kreml sah den Ostblock bedroht. Schon 1956 hatten Sowjettruppen die Revolution in Ungarn brutal niedergewalzt. So ordnete der Kreml die Operation „Donau“ an. Am späten Abend des 20. August 1968 waren die DDR-Volksarmee, 14 Divisionen des Militärbezirks Karpaten, die Polnische und die Ungarische Volksarmee und die Sowjettruppen in Ostdeutschland abmarschbereit. Die Panzer wälzten dann jeden Widerstand nieder.

Hans Peter Hasenöhrl, Kronen Zeitung

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