Do, 19. Juli 2018

Katias Kolumne

04.07.2018 11:55

Deutscher Besuch im „kleinen, braunen“ Österreich

„Kleiner Brauner“, betitelt das deutsche Nachrichtenmagazin „Spiegel“ seine aktuelle Coverstory. Dass es sich bei der Titelgeschichte nicht um die Huldigung einer Wiener Kaffeespezialität, sondern um einen politischen Lokalaugenschein bei uns Österreichern handelt, ist spätestens dann klar, wenn der Autor des Artikels die Frage stellt: „Wie lebt es sich in einem Land, das mit seiner Geschichte nicht ins Reine kommt?“

Die Antwort darauf findet der Autor des zehnseitigen Textes in vermeintlich repräsentativen Gesprächen mit „Zeitzeugen und Zeitgenossen“ in Wiener Innenstadtcafés, in einem Kärntner Bergdorf oder beim Medien-Hintergrundgespräch im Bundeskanzleramt. Man kommt zum Schluss: Österreich ist zwar ein schönes Land für romantische Postkartensujets, regiert wird es aber von einem „Kleinbürgersohn aus Wien mit dem Gesicht eines Apostels“ und „harten Rechten und Rechtsextremen“ und ist somit ein weiterer „Testfall in Europa, wie Ungarn, Italien“ oder auch Großbritannien.

Kurz hätte mit SPÖ koalieren „müssen“
Die suggestiv-sorgenvolle Frage, „ob Österreich eine aufgeschlossene, moderne Demokratie bleiben will“ oder ob das „autoritäre Denken noch weiter einsickert“, bleibt freilich unbeantwortet. Stattdessen hält der Verfasser fest, dass Sebastian Kurz nach der Wahl im Oktober mit den Sozialdemokraten der SPÖ, den „moderaten Linken“, koalieren hätte „können, ja müssen“ (Sie haben richtig gelesen - müssen). Angesichts dieser Offenbarungen bleibt nur noch die Frage: Wie demokratisch und antiautoritär sind eigentlich Koalitionsanordnungen von „Spiegel“-Journalisten?

Um ein realitätsnahes Abbild der heimischen politischen Großwetterlage scheint es bei dem „Spiegel“-Befund aber ohnehin nicht zu gehen. Eher geht es darum, einmal mehr einen halblustigen Nazi-Vergleich vom Zaun zu brechen. Dabei ist die Metapher vom „kleinen Braunen“ für Österreich mindestens genauso populistisch und durchsichtig wie jene hanebüchenen FPÖ-Wahlwerbeslogans, die im selben Artikel (völlig zu Recht) gescholten werden.

Inflationäre Schwarz-Weiß-Malerei
Überhaupt scheinen leichtfüßige Nazi-Vergleiche, Stichwort „Baby-Hitler“ oder „Neo-Feschist“, derzeit Hochkonjunktur zu haben. Ohne Frage hat nationalsozialistisches, rassistisches und antisemitisches Gedankengut nirgendwo, und zwar wirklich nirgendwo Platz, in keinem Liederbuch, keinem Kellerverein und in keiner Partei - sollte dem doch so sein, sind hier klare Konsequenzen zu ziehen.

Unangenehme Diskussionspartner, Politiker des anderen Lagers oder generell Menschen mit anderer Meinung mit Hitler- oder Nazi-Vergleichen diffamieren oder mundtot machen zu wollen, trägt allerdings genau zu jenem Effekt bei, den es zu bekämpfen gilt: der Spaltung in Gut und Böse, in Richtig und Falsch, in „Nazi“ und „Nicht-Nazi“ und letztendlich in Schwarz und Weiß, was Diskussionen, die für eine widerstandsfähige Demokratie überlebensnotwendig sind, letztendlich be- und verhindert. Wer sich denn tatsächlich für eine moderne und aufgeschlossene Demokratie starkmacht, sollte inflationär-leichtfertige Nazi-Vergleiche also doch besser stecken lassen.

Katia Wagner, Kronen Zeitung

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