Mi, 15. August 2018

Geschäft mit dem Tod

08.06.2018 06:00

„Bestatter entführte die Leiche meiner Mutter“

In ganz Österreich konkurrieren Bestattungsunternehmen darum, Aufträge für das Begräbnis Verstorbener zu bekommen. Der größte und damit stärkste Hebel ist der Zugang zur Leiche: Wer - buchstäblich - als erster die Hand auf ihr hat, der hat gute Chancen, zu weiteren Geschäftsabschlüssen (Abschiedsfeier, Begräbnis, Kremation etc.) zu kommen. Beispiele zeigen: Der Wettlauf um die Toten wird mit allen Mitteln geführt. Manchmal auch mit fragwürdigen. Richard Schütz musste das am eigenen Leib erfahren. „Der Körper meiner Mutter wurde von einem Bestatter aus dem Spital entführt und erst nach Bezahlung eines Lösegelds wieder freigelassen,“ so Schütz im Gespräch mit der Rechercheplattform „Addendum“. Vier Monate nach dem Tod von Silvia Schütz ist er immer noch aufgebracht.

Schütz‘ Geschichte ist kein Einzelfall, denn das Geschäft mit dem Tod boomt und der Markt in Österreich ist groß: 2016 verzeichnete die Statistik Austria 80.669 Todesfälle. Bei Kosten ab 3000 Euro und mehr wird die Dimension des Kuchens schnell klar.

Im Fall von Richard Schütz erscheint der Ablauf besonders interessant. Am 6. Februar 2018 verstarb Silvia Schütz, wenige Monate nach Richard Schütz‘ Vater. Schon sein Begräbnis hatte eine private Bestattungsfirma abgewickelt. Aufgrund Schütz’ persönlicher Freundschaft zu einem Mitarbeiter dieser Firma war ausgemacht, dass die Beerdigung der Mutter nun deutlich weniger kosten würde. „Ihr Körper sollte nur, so wie der des Vaters, noch eine Zeit lang in der Kühlung des Spitals verbleiben“, sagt Schütz. „Bis ich das Geld für die Beerdigung zusammen hatte.“

Im Wiener SMZ-Ost „verschwand“ die Leiche von Silvia Schütz
Doch tatsächlich kam es anders: Anstatt des beauftragten Privatbestatters holte die Bestattung Wien die Leiche von Schütz’ Mutter und schickte ihm schließlich eine Rechnung von über 1000 Euro extra. Erst durch ihre Bezahlung sollte Schütz den Körper seiner Mutter aus der Verwahrung des Marktführers - gewissermaßen - auslösen können.

Er selbst schwört Stein und Bein, sowohl dem städtischen Spital (SMZ Ost) als auch der Gesundheitsbehörde (MA 15) ausdrücklich mitgeteilt zu haben, dass seine Mutter von einem privaten Unternehmen abgeholt werden solle. Birgit Fykatas, Amtsärztin beim Wiener Gesundheitsdienst, beschreibt diesen Ablauf in einer gänzlich anderen Variante. Sie sagt, dass laut Akt nicht die MA 15 Richard Schütz angerufen hat, sondern umgekehrt. Und dass - im Widerspruch zu seiner Aussage - Schütz selbst um ein sogenanntes Sozialbegräbnis für seine Mutter angesucht habe.

Weil beide Seiten an ihrer jeweils eigenen Version festhielten, konnte nicht verlässlich geklärt werden, welche näher an der Realität war. Allerdings erschien das von der MA 15 angeführte Ansuchen Schütz’ um ein Sozialbegräbnis zumindest unlogisch. Denn: Wenn es so war, warum sollte er nur wenige Tage später eine selbst zu bezahlende Privatbestattung mit der Abholung des Leichnams beauftragen?

Letztendlich sagte Fykatas während eines Gesprächs mit Addendum: „Wir werden nun die Kosten für Dienstleistungen, die in unserem Auftrag abgearbeitet wurden, übernehmen.“ Für Richard Schütz ein seltenes Happy End. Das offenkundig systemische Problem wird dadurch jedoch nicht behoben.

Einzellfälle - oder ein System?
So kann es in Wien einerseits passieren, dass ein 59-Jähriger in einem Hospiz verstirbt, ein Sozialbegräbnis inklusive Armengrab bekommt, und die erst nachträglich verständigte Mutter „mehrere Tausend Euro“ dafür zahlen muss, wenn sie ihren Sohn ins Familiengrab überführen will. Die Krone berichtete im Februar 2018 über den Fall. Die MA 15 argumentierte das schnelle Begräbnis wiederum damit, dass „Verstorbene aus Seuchenschutzgründen innerhalb von fünf Tagen bestattet werden müssen“. Doch genau genommen steht das so nicht im Gesetz. Auch in Tirol kam es zu einem Fall, bei dem zwei Tote nicht mehr da waren, weil sie ein anderer Bestatter ohne Legitimation bereits in seine eigene Kühlkammer überführt hatte - und bei den Hinterbliebenen proaktiv um deren Beerdigung keilte.

„Absprachen mit Pflegeheimen“
Laut Peter Schauer, Geschäftsführer der Feuerbestattung Oberösterreich, seien „Absprachen mit Pflegeheimen zur Vermittlung von Sterbefällen allgegenwärtiges Thema in der Branche“. Ähnliches erzählt Heinrich Altbart von der Bestattung Altbart in Wien. Ihm seien aus einer Pflegehaus-Kette mehrere Fälle bekannt, in denen das Personal eigenmächtig einen offenbar vom Haus bevorzugten Bestatter rief.

Dieser kam stets - obwohl der Tod viel früher eintrat - am Wochenende, konnte so stets den erheblich teureren Wochenendtarif verrechnen. In der Meinung, dass das das übliche Prozedere sei, hätten die Angehörigen immer bezahlt. „Bis auf einmal“, erinnert sich Altbart. „In diesem Fall war der verantwortliche Hinterbliebene ein Rechtsanwalt.“

 krone.at
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