Mo, 16. Juli 2018

„Krone“-Interview

30.01.2018 07:00

Fjørt: Anführer der politischen Subkultur

Mit Fleiß, Ehrgeiz und Arbeitsethos hat sich die Aachener Posthardcore-Band Fjørt über die deutschen Grenzen hinaus einen Namen gemacht. Rund 250 Fans kamen letzte Woche ins ausverkaufte Wiener Chelsea, um sich von der textlichen und musikalischen Intensität des Trios für 90 Minuten in eine andere Galaxie entführen zu lassen. Im Interview davor sprachen wir der Combo vor allem über die politische Verantwortung, die der musikalischen Subkultur anheimliegt.

Der sympathisch dreinblickende Merchandise-Typ, der im Wiener Chelsea die Shirts verkauft, ist der Ursprung allen Übels. Als er 2012 in einem Proberaumbunker im westdeutschen Aachen die ersten Songs einer Drei-Mann-Band namens Fjørt hörte, beschloss er, ihnen eine Plattform für eine EP zu geben. „Demontage“ erblickte das Licht der Welt und brachte einen Stein ins Rollen, der nicht mehr aufzuhalten ist. Als die ambitionierten Jungmusiker wenig später vor etwa zehn Menschen im Wiener EKH ihr Österreich-Livedebüt gaben, waren sie sogar kundigen Posthardcore-Genreinsidern kein Begriff, doch mittlerweile spielen Fjørt nicht nur respektable Festivals, sondern auch vor 250 Menschen in Wien.

Gleichheitsprinzip
Der Plafond scheint damit noch lange nicht erreicht zu sein. Die Dringlichkeit der politisch ambitionierten Band, die in Interviews stets vehement abstreitet, politisch ambitioniert zu sein, ist in gesellschaftlich unsicheren Zeiten wie ein sicherer Hafen für eine Generation, die trotz erfolgreicher Studienabschlüsse Gurkengläser im lokalen Supermarkt sortieren muss. Mit unmissverständlichen und doch metaphernreichen Songs wie „Glasgesicht“, „D’Accord“, „Valhalla“ oder „Anthrazit“ erarbeiteten sich Chris Hell, David Frings und Frank Schophaus ein Publikum, das das Prinzip von Humanität, Gleichheit und Ausgewogenheit mit den Musikern teilt. All das, ohne Kompromisse einzugehen.

„Wir haben nie so Dinge wie eine Monster Energy Party oder sieben Auftritte in einem Jahr in Köln gemacht“, erklärt Frings der „Krone“ im Interview, „wenn wir uns wo nicht wohl fühlen, dann lassen wir es gleich sein.“ Frings ist Bassist, Sänger und Sprachrohr der Band. Wirft man ihm Stichworte wie „FPÖ“, „Rechtsruck“ oder „Populismus“ vor die Füße, stürzt er sich wie ein blutrünstiger Terrier darauf und beginnt sich ernst, aber kontrolliert in Rage zu reden. Sänger und Gitarrist Chris Hell stimmt im ideologisch zu, meldet sich aber lieber erst dann zu Wort, wenn es um die Musik, das Songwriting und die Band an sich geht. Schlagzeuger Schophaus hört einfach gerne zu, nickt und reflektiert. Zusammen ergeben sie drei unterschiedliche, aber beste Freunde, wie man sie auch in jedem Vorort Wiens finden könnte. Nur dass diese drei Musiker längst zu einem Gesicht der subkulturellen Gegenbewegung zu Rechtsruck und Menschenfeindlichkeit geworden sind.

Klare Profilierung
„Die Zeit, in der wir leben, macht es uns als Musiker gar nicht anders möglich, als gewisse Dinge zu thematisieren. Wir kommen nicht um den grassierenden Populismus, die Meinungsfreiheit oder die Grundwerte des Menschseins herum. Die Politik hat eigentlich nur eine Verantwortung und die wäre, Menschen zusammenzuführen und sie gut miteinander leben zu lassen. Faschismus ist der Stachel, der da durchsticht.“ Während große Popstars wie Helene Fischer oder Andrea Berg wohl gerade wegen Imagegründen darauf bedacht sind, nur ja kein falsches Nebenwort zu verwenden, um in eine politische Richtung gedrängt zu werden, gehen Bands wie Fjørt in die Offensive. Dass ein Bedarf nach klaren Ansagen da ist, bezeugen schlussendlich nicht nur die rasant steigenden Zuschauerzahlen. Das aktuelle Studioalbum „Couleur“ schaffte es bis auf Platz 24 der deutschen Albumcharts und brachte die Band sogar auf das Cover einschlägiger Musikmagazine. Nicht immer wird klare Profilierung vom Mainstream bestraft.

„Wir finden freie Meinungsäußerung wichtig und es gibt nichts Schlimmeres, als zu prekären Themen nichts zu sagen. So kann man nie in den Dialog gehen und mitwirken. Bei einer Ideologie, die von der AfD oder der FPÖ verbreitet wird, hört mein Verständnis auf. Das müsste ab diesem Punkt auch bei jedem halbwegs gebildeten Menschen so sein, passiert in der Realität aber viel zu selten. Möglicherweise müssen wir wirklich wieder aus der Geschichte lernen.“ Aufgeben ist für Fjørt aber keine Option. Ihre mit dichten Gitarrenwänden, intensiven Vocals und pulsierenden Schlagzeugschlägen garnierten Liveshows sind nicht bloße Entertainmentveranstaltungen, sondern vielmehr Orte, an denen sich Gleichgesinnte für ein Voranschreiten von Humanität und zwischenmenschlichem Respekt zusammenfinden. „Der Dialog ist der Schlüssel. Wir brauchen auch keine ,Nazis raus‘-Rufe bei unseren Konzerten, in einem nazifreien Raum. Das bringt doch nichts. Wenn aber 250 Leute die Power unseres Konzerts auf eine Gegendemo mitnehmen, dann haben wir schon gewonnen.“

Kein Platz für Schönheit
Musikalisch sanftere Töne anzuschlagen, um eine breitere Masse zu treffen, kommt Fjørt per se nicht in den Sinn, ist aber auch kein Tabu. „Wir würden das nicht ablehnen, aber es hat einfach nicht zur Platte gepasst. Die Texte brauchen eine gewisse Aufdringlichkeit der Musik und hätten wir bei einem harten und persönlichen Text Keyboards oder Gesangsbögen drübergelegt, hätten wir uns doch selbst verarscht.“ So krachen Songs wie „Raison“, Magnifique“ oder „Südwärts“ mit beeindruckender Vehemenz aus den Boxen und sind wohl gerade ob ihrer unbeugsamen Kompromisslosigkeit von derartigem Erfolg gekrönt. Ein Wort im Titel reicht völlig, um den Nachdenkprozess bei den Fans in Gang zu bringen. Fjørt machen keine Musik für den gemütlichen Abendausklang, dafür ist ihnen ihr Tun zu ernst.

Ein doppelter Boden und textliche Ambivalenz ist den Musikern genauso wichtig wie kathartische Liveshows, die Musikern wie auch Publikum auf physischem und mentalem Level alles abverlangen. „Wir brüllen den Leuten Dinge entgegen, die uns beschäftigen und sind dann erst einmal komplett leer. Nach einem Konzert ist die Welt aber tatsächlich ein Stückchen besser und wenn wir bei einem gemütlichen Bier zusammensitzen, dann spüren wir erst so richtig, welch fantastische Zeiten wir gerade durchleben.“ Die lassen sie sich auch nicht von gesellschaftlichen Umbrüchen und politischen Verwirrungen zerstören. Fjørt sind so etwas wie das gute Gewissen in der subkulturellen Stromgitarrenszene und mit ihrer authentischen Einstellung gewiss auch Vorbilder für andere Musiker. Der Merchandise-Typ ist nun nicht mehr Plattenverleger, sondern Shirtverkäufer der Band. Von guten Freunden trennt man sich auch bei Erfolg nicht. Einmal Familie, immer Familie. „Das gilt auch für die Band. Würde einer von uns drei abfallen oder nicht mehr wollen, wäre das Projekt Fjørt Geschichte.“

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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